Buchvorstellung

Veröffentlicht am 17.10.2013 | von Fred

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TILL LINDEMANN – In Stillen Nächten

In Stillen Nächten_Cover
Rammstein sind der Inbegriff der deutschen Härte. An jeder Ecke knallt es, brennt es und ein stechender Benzingeruch ergreift von der Nase Besitz, wenn sich die tiefschwarze Musikmaschine mit präziser Genauigkeit in Bewegung setzt. Weniger bekannt, als die Band Rammstein, ist jedoch das Steckenpferd des hünenhaften Frontmanns Till Lindemann. Dieser fing schon im zarten Alter von neun Jahren an Gedichte zu schreiben. Nicht weiter verwunderlich, wo sein Vater doch als Kinderbuchautor beschäftigt war.

Er knackt ganz einfach
Jede Nuß
Und die nicht will
Muß

(Till Lindemann – Der Nußknacker)

Bis heute geht Lindemann der Disziplin der Lyrik nach und mit ‚In Stillen Nächten‚ erscheint diesen Oktober sein nunmehr zweiter Gedichtband. Wer in diesem tiefromantische Offenbarungen und Offenlegungen von Lindemanns in Wirklichkeit verletzlicher Gefühlswelt erwartet, wird jedoch oberflächlich enttäuscht: Die Schreibe des Frontmanns ist genauso kraftvoll und martialisch, wie eine Bühnenshow seiner Band. Die Themen sind genauso kontrovers und tabuisierend wie die Texte der Band. Sexuelle Begehren, dunkle Gewaltfantasien, Schuld und Determination sind nur einige Ankerpunkte der Gedichte. Doch neben den zu erwartenden, harten Themen verstecken sich auch humorvolle und sogar liebevolle Zeilen in den 97 Gedichten. Was bleibt ist ein morbides Augenzwinkern, ein dunkler Schatten.

In stillen Nächten weint ein Mann
weil er sich erinnern kann

(Till Lindemann – Liebe)

Till Lindemann zeichnet mit In stillen Nächten ein abgründiges, aber gleichsam verletzliches lyrisches Ich. Während auf der Bühne plakativ und brachial dargestellt wird, tritt Lindemann mit seinen Gedichten in eine intime Zwiesprache mit dem Leser. Seine höchst assoziativen lyrischen Texte strotzen voll Wehmut, Sehnsucht und Gefühlssinnigkeit, nur die Worte mit denen er schreibt, dienen oftmals als Deckmantel. Doch gerade diese tiefe Spannung, diese innere Zerrissenheit, machen die Gedichte besonders lesenswert.

Tränen sieht man nicht im Wasser
schmeckt man nicht, wenn man ertrinkt
mischen sich mit anderen Tränen
wenn man zum Grund des Meeres sinkt

(Till Lindemann – Ferien)

Herausgegeben wird ‚In Stillen Nächten‘ von Alexander Gorkow, der für seine großartige  Reportage über die US-Tournee von Rammstein mit dem deutschen Reporterpreis ausgezeichnet wurde. Illustriert wird ‚In Stillen Nächten‘ durch eine Reihe von Schwarz-weiß Zeichnungen des Künstlers Matthias Matthies, deren Genital- und Gewaltdichte erstaunlich hoch liegt. Vier der rund 25 Illustrationen kommen ohne primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale aus, wenn man jedoch erstmal über die oberflächlich polarisierenden Motive hinwegsieht, sind die Illustrationen mehr als passend und offenbaren interessante Blicke auf die Deutung der Lyrik. Hier teilen sich die Illustrationen den Weg mit Lindemanns Sprache –  beide nehmen kein Blatt vor den Mund und bewegen sich in einem urtriebigen und schonungslosen Wertekomplex.

In Stillen Nächten_Illustration
‚In Stillen Nächten‘ ist eine Expedition zum Menschen Lindemann hin geworden. Ausgehend von den Texten der Band Rammstein, ist der zweite Gedichtband ein sensibles und persönliches Werk geworden. Der Blick hinter die schonungslose Wortwahl eröffnet einen mehr als interessanten Blick auf eine anarchisch-kompromisslose Weltanschauung, die fasziniert und fesselt. ‚In Stillen Nächten‘ ist ein gewagter Einblick in einen einzigartigen Menschen, vor allem aber ein Buch mit einer Menge guter Gedichte.

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Till Lindemann – In Stillen Nächten
gebundene Ausgabe, 160 Seiten
ISBN-10:3462045245
Kiepenheuer&Witsch; Auflage: 3 (2. Oktober 2013)
16,99EUR
http://www.kiwi-verlag.de

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