MARK GREIF – Hipster


— Veröffentlich am 12. Februar 2012 von Benjamin


Wer kennt ihn nicht, den Hipster? Er ist eine der dominantesten Figuren in den Straße jeder größeren Stadt. Doch eigentlich kennt ihn auch niemand, denn keiner ist ein Hipster. So widersprüchlich wie eine dieser Generalthesen ist die Figur des Hipsters wahrscheinlich auch.

Der bei Suhrkamp erschienene Band versammelt eine Reihe von Aufsätzen, die sich aus verschiedensten Richtungen dem Kulturphänomen nähern. Er ist die Übersetzung des 2010 erschienenen Buchs “What Was The Hipster” und das Ergebnis eine 2009 gehaltenen und vom n+1 Magazin – unter der Leitung des linksintellektuellen Stars Mark Greif – veranstalteten Tagung in New York. Für die deutsche Ausgabe sind obendrein einschlägige Meinungen von Thomas Meinecke, Eckhard Schumacher, Tobias Rapp und Jens-Christian Rabe eingeholt worden, weshalb der Titel in die Gegenwart gesetzt worden ist und im Untertitel ‘Eine transatlantische Diskussion‘ heißt.

Die Herausforderung, der sich das Buch stellt, ist die Untersuchung eines kulturellen Phänomens, während es noch existiert. Dieses Vorhaben stellt sich als nicht unproblematisch heraus, denn der Hipster ist nicht nur schwer zu definieren, sondern auch eine sich schnell (ver)wandelnde Gestalt. Zwar fallen jedem sofort einige gänginge Accessoires ein (siehe Hipster-Bingo), an denen man den Hipster erkennt, wenn man ihn sieht (Dayna Tortorici), doch für eine trennscharfe Charakteristik reicht das nicht aus und so müssen letztlich alle Definitionen vorläufig bleiben, nicht zuletzt auch, weil jedes Urbane Milieu seine eigene Ausprägung hervorbringt. Deshalb wird ein anfänglicher Versuch den Hipsterbegriff einzugrenzen zum Anlass genommen, um ihn wieder zu verwerfen und ihn stattdessen hinstorisch zurück zuverfolgen bis zum Beginn des 20. Jahrhundert.

Weiterhin werden die Zusammenhänge zwischen der Figur des Hipsters und dem immer mehr in den Fokus geratenden Problem der Gentrifizierung beleuchtet, der Frage nachgegangen, ob es den weiblichen Hipster gibt und untersucht warum dem Hipster immer mehr mit Hass begegnet wird. Die deutschen Beiträge befassen sich u.a. mit dem natürlichen Feind des Hipsters, den Tobias im Touristen sieht, denn da wo der Tourist auftaucht, wird dem Hipster sein Abgrenzungskriterium – das Geheimwissen – entzogen. Und am Ende kritisiert Jens-Christin Rabe noch einmal das gesamte Buch selbst, indem er die erschreckend unironische Ironie der Beiträge kritisiert, aber vielleicht übersieht er dabei, dass die Autoren doch meistens vor allem über sich selbst schreiben.
Wenn das Buch auch keine Ergebnisse im engeren Sinn liefern kann, umkreist es doch sein Phänomen in äußerst unterhaltsamer Weise.

Mark Greif (Hg.): Hipster – Eine transatlantische Diskussion
208 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3518061732
Suhrkamp Verlag, 23. Januar 2012 (deutsche Erstausgabe)
18,00 €



DAVID SCHUMANN – The Tokyo Diaries


— Veröffentlich am 14. Januar 2012 von Benjamin


Wenn man will, dass es ein guter Tag wird, sollte man nicht als Erstes am Morgen RADIOHEAD hören.

(David Schumann – The Tokyo Diaries)

2005 will uns ein bekannter Limonaden Hersteller weiß machen, dass man nur durch Konsum eben seiner Marke ein Lebensgefühl erfahren kann, was mit “Bamboocha” beschrieben wird und übersetzt so viel heißt wie “Iss das Leben mit dem großen Löffel!“.
Im selben Jahr begibt sich der Japanologiestudent, Punkrock-Fan und Musiker David Schumann für einen einjährigen Auslandsaufenthalt in die Haupstadt Japans, um Kultur und Sprache zu studieren. Dabei stellt er (auch wenn man es schon vermutet hat) unter Beweis: Bamboocha bekommt man auch mit Bier gut auf die Reihe!

Eigentlich schreibt David seine ‘Tokyo Diaries‘ nur, um nicht von seinen Freunden in Köln vergessen zu werden, dass dabei eine kometenhafte Modellkarriere dokumentiert wird, hätte der damals fast Dreißigjährige sich selbst nie träumen lassen. Doch anfangs läuft es alles andere als rund. Seine Gastfamilie könnte man nach europäischen Maßstäben als soziopatisch beschreiben, an der Uni wird man als Ausländer ausgegrenzt, das Geld reicht hinten und vorne nicht und bei den japanischen Mädchen will sich auch kein Erfolg einstellen. Bis er plötzlich zufällig auf der Straße angesprochen wird – der Beginn eines American Dream in Japan.

Allerdings erzählt das Tagebuch nicht nur diese Geschichte, vielmehr geht es auch und vor allem um die Probleme eines jungen Mannes in einer fremden Kultur. Die Probleme sind dabei hauptsächlich, die mit dem weiblichen Geschlecht und der Einsamkeit, denn in die tokyoter Jugendkultur lebt sich Schumann schnell ein. Er feiert exzessiv, singt bei jeder sich bietenden Gelegenheit Karaoke und gründet eine eigene Band. Alles fügt sich als Davids Gesicht die ersten Cover der japanischen Modemagazine schmückt. Absofort bleibt auch der Erfolg bei den Damen nicht mehr aus. Von dieses Erlebnissen berichten die Tagebuchaufzeichnungen genauso unverblümt und detailliert, wie von einer Depression, die das Nachwuchsmodel überkommt und seinen fast täglichen Saufeskapaden. Ganz nebenbei werden auch wichtige popkulturelle Ereignisse archiviert, von den musikalischen Neuerscheiningen der Punkrock-Szene bishin zu Bundesliga und der Fußball-WM 2006. Aus einem werden zwei Jahre und die berichtenswerten Ereignisse werden immer mehr.

Das Format des Tagebuchs verfehlt dabei nicht seinen Zweck und der Eindruck der Authentizität ist groß. Manchmal überkommen den Leser jedoch Zweifel, wie es überhaupt möglich ist, dass man sich bei dieser Menge an Alkohol überhaupt noch irgendetwas merken kann, um es später zu Papier zu bringen. Andererseits führen genau diese Ausschweifungen zu den unzähligen lustigen Anekdoten, die Schumann grandios zu erzählen weiß und die es fast unmöglich machen, das Buch aus der Hand zu legen. Man kann das Buch getrost jedem empfehlen, auch ohne ein ausgeprägtes Interesse an Japan.

The Tokyo Diaries von David Schumann
300 Seiten, broschiert oder als Taschenbuch erhältlich
ISBN: 978-3941376014 // 978-3404600076
Rockbuch, 12. März 2009 // Bastei-Lübbe, 20. Mai 2011
16,99 € // 8,99 €



JOHN NIVEN – Gott bewahre


— Veröffentlich am 7. Januar 2012 von Dominik


Der schottische Schriftsteller John Niven eckt gerne an und so wendet er sich, nachdem er zuletzt in ‘Kill Your Friends‘ seine Version des ‘American Psycho‘ auf die britische Musikindustrie losließ und in ‘Coma‘ ein Bruderpaar auf seine spezielle Art aufeinandertreffen ließ, einer neuen Spielwiese zu: Der Religion bzw. der Religionssatire. Denn nichts anderes als Gott und die Welt wird in John Nivens neustem Roman ‘Gott bewahre‘ durch den Kakao gezogen.

Gott hatte sich eine Pause verdient, doch, dass die Menschen nach seinem einwöchigem Urlaub (was 450 Erden-Jahren entspricht) vom Himmel-Tagesgeschäft die Erde dermaßen gegen die Wand gefahren haben, hätte sich selbst der Allmächtige nicht träumen lassen. Überall wo man hinsieht Zerstörung, Umweltverschmutzung, Krieg, moralischer Verfall, kirchliche Hassprediger, skrupellose Kommerzialisierung – um es kurz zu machen, der Platz in der Hölle wird knapp. Es ist Zeit für eine drastische Maßnahme und so schickt Gott seinen Sohn Jesus Christus zurück zur Erde, um das einzig wahre Gebot zu predigen: Seid Lieb!

Unter den sterblichen angekommen, merkt Jesus aber schnell, dass ihm ein rauer Wind entgegen weht. Überall, wo er auftaucht und die ‘Christen’ belehrt oder sich als Sohn Gottes vorstellt, wird ihm nur Spott, Verachtung oder gar Gewalt entgegen gebracht. Ein neuer Plan muss her, um sich Gehör zu verschaffen und so nimmt der filigrane Gitarrenspieler als letzten Ausweg an der TV-Casting Show ‘American Pop Star’ teil. Doch ob ihm die öffentliche Aufmerksamkeit alleine die Möglichkeit gibt, die Schäfchen ins Trockene zu bringen und den vernichtenden Kurs der Menschheit zu ändern?

John Niven kennt kein Tabu und nimmt niemals ein Blatt vor den Mund. So ist Gott ein angelnder und Jesus ein zumeist fauler, dafür aber musikalisch sehr talentierter Kiffer. Beide benutzen gerne mal Kraftausdrücke, um die missliche Situation der Menschheit auf den Punkt zu bringen. Dennoch hat man das Gefühl, dass Niven bei ‘Gott bewahre’ eine Stufe harmloser agiert als zuvor, dafür jedoch die volle Bandbreite der Religionssatire ausreizt und sich auf sein Steckenpferd konzentriert: schwarzhumorige Dialoge und Situationen. Vielleicht hat er sich ja auch einfach die Grundaussage seines eigenen Buches zu Herzen genommen – Seid lieb!

Gott bewahre von John Niven
400 Seiten, Gebundene Ausgabe
ISBN: 978-3453675971
Heyne Hardcore, 22. August 2011 (1. Auflage)
19,99 €



JOHN IRVING – Das Hotel New Hampshire


— Veröffentlich am 29. Dezember 2011 von Jenny


Es gibt Romane, die kann man guten Gewissens weiterempfehlen, weil sie unterhalten. Des Weiteren Romane, die sind Wegweiser in aktuellen Lebenslage. Dann gibt es noch diese persönlichen Meisterwerke, die niemanden vorenthalten werden sollten, die beides zugleich sind, die man allerdings am Liebsten trotzdem nur zögerlich weiterempfehlen möchte, da man so viel Freude beim Lesen empfindet, dass das Buch eigentlich ein persönlicher Geheimtipp bleiben soll.

So auch eines der zahlreichen Bücher von John Irving, der durch Werke wie ‘Gottes Werk und Teufels Beitrag‘ internationale Resonanz erfahren hat und somit wiederum auch nicht als Geheimtipp im eigentlichen Sinne zu verstehen ist.

Unbedingt empfehlenswert ist ‘Das Hotel New Hampshire‘, das zugleich unheimlich traurig und lustig ist. Die Geschichte handelt von der Familie um Win Berry, die, mit fortschreitender Seitenzahl, mal aus neun, mal aus fünf Familienmitgliedern besteht. Oder sechs. Je nachdem ob man Kummer dazu zählt oder nicht. Das kann man nie so konkret sagen, da man sich beim Lesen eines besonders gewiss sein sollte: Kummer wartet überall, an jeder Ecke. Schwimmt oben auf. Aber bis es erstmal soweit ist leidet der Hund – zum Ärgernis aller Familienmitglieder – an Flatulenz im Endstadium.

Der Titel gibt bereits einen Hinweis darauf, das der Ort der Handlungen ‘Das Hotel New Hampshire’ ist. Hierbei wird nicht nur ein Hotelkomplex sehr bildlich geschildert, vielmehr sind es gleich drei Hotels, die die Familie zu unterschiedlichen Phasen ihres Lebens bewohnt. Mal steht es irgendwo in der Pampa eines alten Schulgeländes in Maine, mal in Wien und wird von irren Radikalen (oder radikalen Irren) und Prostituierten bewohnt, und zuletzt in New York.

Neben den immer wiederkehrenden Motiven in John Irvings Büchern wie Ringern, sexuell-irritierenden Konstellationen wie die Geschwisterliebe und Bären, überzeugt dieses Meisterwerk durch die liebevoll ausstaffierten Charaktere. Jeder einzelne der Protagonisten hat Schwächen oder unkonventionelle Vorlieben, die unverblümt aufgezeigt werden und dazu führen, dass man Empathie und Verständnis für sie entwickelt. Wunderbar. Urkomisch. Brilliant.

Fast möchte man dem Leser raten, sich nicht zu sehr in die Geschichte zu vertiefen, hat man doch mit dem Lesen der letzten Seite das Gefühl, eine sehr liebgewonnene Austauschfamilie nach langer Zeit für immer zu verlassen.

Das Hotel New Hampshire von John Irving
596 Seiten
ISBN: 978-3257211948
Diogenes Verlag, 1. Januar 1984 (33. Auflage)
12,90 €



DANIELA KATZENBERGER – Sei schlau, stell dich dumm


— Veröffentlich am 29. Oktober 2011 von Dorota


Ich bin kein Girl für eine Nacht, 
ich bin eine fürs ganze Leben 

(Daniela Katzenberger – Sei schlau, stell dich dumm)

Ohja, ihr lest richtig. Es folgt ein Artikel über Daniela Katzenberger. Warum??? Hier kommen die Argumente:
Daniela Katzenberger ist das Überraschungsgesicht schlechthin im deutschen Fernsehen. Und Gesicht ist nur ein Bruchteil des blonden TV-Phänomen. Niemand spaltet die Geschmäcker, insbesondere die der Frauen so sehr wie sie.
Wie sie ins Fernsehen gekommen ist, warum sie plötzlich da war – das wusste keiner so genau. Da war sie mit ihrem Dialekt, ihren Augenbrauen und dem Pink. Aber jetzt haben wir die Antwort, wie die Oggersheimerin ganz Deutschland mit Sendungen, Interviews, Singles aufmischt. Daniela Katzenberger hat nämlich ein Buch geschrieben namens “Sei schlau, stell dich dumm“. Wir haben uns das Hörbuch dazu gekrallt und amüsierten uns stellvertretend für euch.

Daniela Katzenberger fängt da an wo so Leben bewusst wahrgenommen werden: in der Kindheit. Es wird alles erzählt und jeder kommt mal vor: Vater, Mutter (spielt eine große Rolle in Danielas Leben), die Schwester, ihr Manager, der erste Freund, das erste Mal, sowieso die ganze Pubertät, die ersten Fotoshoots, Jobs und ihr Café. Auch die Berichterstattung über Körperpflege und ihre Wohnungseinrichtung bekommt genug Platz.
Ein kompletter Einblick, autobiographisch wie es genannt wird. Und obwohl ich mir oft gedacht habe: warum muss ich das nochmal wissen? - konnte ich den Unterhaltungsfaktor nicht einfach ignorieren. Klar, niemand der Daniela Katzenberger nicht mag, wird sich freiwillig ein Hörbuch – gesprochen von der Katze persönlich – anhören. Sogar Mitbewohner ziehen es vor zu flüchten…
Das Beste ist ja eigentlich noch, dass ihr Buch “Sei schlau, stell dich dumm” gar nicht von ihr geschrieben wurde. Naja, aber wen interessiert das schon so richtig.

Ich gebe zu, ich schalte nicht weg, wenn Daniela Katzenberger mit ihrer Sendung läuft. Von ihrem Talent ein Hörbuch einzulesen, reden wir mal nicht, da ziehe ich die spontane und unaufgesetzte Schnute vor. Aber ganz ehrlich, der Titel des Hörbuch triffts doch eigentlich. Oder warum sonst können so viele Fernsehmenschen große Erfolge mit dem Dummchen-Image verbuchen, auf dem roten Teppich herumspazieren und vom Großteil der Bevölkerung irgendwie geachtet zu werden. Daniela Katzenberger hat bisher alles richtig gemacht und wird wahrscheinlich noch größer und einflussreicher, als es manch einem lieb ist. Solange man sich amüsieren kann und gut unterhalten wird, darf das gerne so weitergehen.

Daniela Katzenberger – Sei schlau, stell dich dumm
VÖ: 1.Auflage - 14. Oktober 2011
Verlag: Bastei Lübbe (Lübbe Audio)
www.luebbe.de
www.danielakatzenberger.de



NAGEL – Was kostet die Welt


— Veröffentlich am 4. Januar 2011 von Dominik


Einen Abend Wahnsinn gegen tausend Jahre Stumpfsinn – nimm meine Hand und sei dabei, liebe Silvie!

(Meise – Was kostet die Welt)

Wenn man im Lexikon nach “Jemanden, dem die Welt und geschätzt 98% der Bewohner dieser auf den Sack gehen” suchen könnte, würde man wahrscheinlich ein Bild von Meise dort abgebildet finden. Und auf die Frage nach seinem Namen und ob er denn eine habe, kann Meise auch nur noch milde lächeln – fällt denn eigentlich niemandem mehr ein guter Witz/Wortwitz ein? Naja, richtig heißt Meise eigentlich Tobias Meissner, wohnhaft in Berlin und gerade auf reisen, denn er hat geerbt. Sein Vater ist gestorben, der Vater, den er eigentlich nur noch als nörgelndes und jähzorniges Wesen der Vergangenheit in Erinnerung hat, der geizig das Geld zusammengehalten hat und sich nie mal etwas gegönnt hat. Und so macht Meise genau das – er gönnt sich mal etwas und reist durch die Welt, das Konter-Andenken seines Vaters so gesehen. Monate später zurück in Berlin ist immer noch etwas von den 15.000 Euro über – Zeit für eine letzte Reise! Diese Reise soll ihn nachdem er ausgiebig die Welt bereist hat, ins beschauliche Renderich führen, zu Fremden – alles ist ihm lieber als das Bekannte und seine Bekannten. Also Zug statt Flug, Dorf statt Stadt und doch wieder nur Langeweile auf dem Weingut eines erst kürzlich kennengelernten Typens. Vielleicht doch mal über die Sackgasse, die man sich als Lebensweg zurecht gelegt hat nachdenken, oder lieber weiter den größeren und kleineren Neurosen nachhängen und in einem Anflug von trunkenem Größenwahn die gesamte verdoofte Dorfjugend abbrennen?

Was haben wir gelacht während der Lesung zu Linus Volkmanns letzten Roman “Endlich natürlich” – über diesen komische Charakter, zwischen Neurose und gezielt, ungezieltem Hass. Und was haben wir gelacht bei den Auszügen aus dem neuen Roman seines Kollegen Nagel, ehemals Rampenkind von Muff Potter. Mittlerweile braucht es keiner Auszüge mehr, “Was kostet die Welt” gibt es ganz legal im Buchhandel zu erwerben und im Nachhinein könnte es kaum eine bessere Kombination einer Lesereise als das Neurosen-Hass-Schwert-schwingende Köln-Berliner Duo Nagel-Volkmann geben. Beide legen in ihren neusten Werken den Fokus auf Außenseiterfiguren, die den Leser von Beginn an mit beißendem Humor und zynischen Spitzen im Nu für sich gewinnen. Wer hat nicht schon mal die Dorf-Blödheit verflucht und sich über die dortige Jugend, mitsamt schlechtem Musik-/Kleidungs-/Feier-Geschmack gewundert? Das Ganze durch die Augen eines gefühlten Terminators, aber eines gelebten Loriots gesehen, sorgt für vergnügliche Stunden…und ja – wir nehmen deine Hand!

Was kostet die Welt von Nagel
320 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3453266872
Heyne Hardcore, 27. September 2010 (1. Auflage)
16,99 €



DAN BROWN – Das verlorene Symbol (Hörbuch)


— Veröffentlich am 5. September 2010 von Dominik


Mittlerweile gibt es acht Staffeln von “24“, alle nach ähnlichem Muster: Der Held gegen die Welt. Das passt auch auf Dan Brown‘s neustes Werk “Das verlorene Symbol“, das Ende des letzten Jahres erschienen ist. Darin darf Professor Robert Langdon den Jack Bauer geben – denn genauso wie die Macher der amerikanischen Fernsehserie, hat sich Dan Brown mittlerweile auf die Zutaten seiner Romane festgelegt – hat ihn ja nicht umsonst berühmt und wahrscheinlich auch finanziell wohlgebettet gemacht. Also mal wieder Verschwörung, Rätsel, Architektur, Geheimbünde, Symbolik, Religion und Hetzjagd gegen die Zeit…also “Illuminati“, die Dritte? Ja und nein…

Als Professor Langdon durch den Assistenten seines ehemaligen Mentors und Ersatzvaters Peter Solomon die Bitte übermittelt bekommt, kurzfristig einen Vortrag auf einer wichtigen Tagung zu halten, lässt er sich nicht lange überreden, sondern begibt sich sofort nach Washington. Dort angekommen, muss er jedoch feststellen, dass sein Freund entführt wurde und seine Entführer ihn als Druckmittel nutzen um Langdon dazu zu bewegen ein lang gehegtes Geheimnis um die Freimaurer aufzudecken, das irgendwo in der Hauptstadt versteckt sein soll. 12 Stunden hat er Zeit, gegen seine eigenen Zweifel an der Existenz des Geheimnisses, Symbole zu deuten, um Peter zu retten und gleichzeitig, die Welt, wie wir sie kennen, zu bewahren.

Tja was Jack Bauer in 24 Stunden hinbekommt, kann man als Harvard Professor locker in der Hälfte der Zeit bewältigen, natürlich mit Köpfchen und weniger Prügel. Wie seinen Vorgängern kann man auch dem neusten Thriller von Dan Brown den Spannungsfaktor nicht absprechen, trotzdem fühlt sich alles irgendwie nicht mehr neu und frisch an, sondern wie das etwas seelenlose Wiederholungswerk, das leider nicht mit den Vorgängern mithalten kann.
Sehr wohl mithalten kann dagegen das Hörbuch zu “Das verlorene Symbol”, das in einer bearbeiteten Fassung, gelesen von Wolfgang Pampel erhältlich ist. Auf 6 CDs (hinzu kommt noch eine CD mit Bonus-Material) spielt die Synchronstimme von Harrison Ford alle Rollen mit einer angenehmen Eigenheit und schafft es über 450 Minuten die Spannung aufrecht zu erhalten, selbst wenn dem Roman manchmal die Puste ausgeht. Eine schöne Alternative für Dan Brown Fans – einfach mal zurücklehnen und mitfiebern – klappt doch sonst auch gut bei Jack Bauer…

Das verlorene Symbol von Dan Brown
Genre: Szenische Lesung
Sprecher: Wolfgang Pampe
Redaktion: Dr. Arno Hoven
Produktion: Lübbe Audio 2009
Dauer: 6 CDs, ca. 450 Minuten (plus 1 Bonus-CD ca. 65 Minuten)
ISBN: 978-3-7857-4300-3
http://www.dan-brown.de



SCOTT SMITH – Dickicht


— Veröffentlich am 20. Juli 2010 von Dominik


Hach Sommer, du Blüte unseres Jahres, du Kalenderblatt der schönen Monate, voll mit Urlaub, Besuchen am See und ausgelassenen langen Abenden. Immer mit dabei in der Tasche: Decken, Trinken und vielleicht auch ein gutes Buch? Doch was empfiehlt sich als sommerliche Lektüre für See, Strand oder gar um ein paar Flugstunden nicht auf diese kleinen wackligen Bildschirme zu starren? Wir versuchen es heute mal mit “Dickicht” von Scott Smith – spielt ja in Mexiko, könnte also zu unseren sommerlichen Gefühlen passen…

Zwei amerikanische Pärchen feiern ihren Collage-Abschluss in Cancún, Mexiko. Ein bisschen am Strand liegen, das Zusammensein genießen bevor sie durch ihre Uni-Pläne getrennt werden. Die Gruppe lernt beim spaßigen Trinken ein paar lustige Griechen kennen, mit denen sie sich nicht verständigen können und auch einen Deutschen, Matthias, nehmen sie auf. Als sich dieser in den Dschungel aufmacht um seinen Bruder zu finden, der mit einer Archäologin zu einer Ausgrabungsstätte aufgebrochen war, ist es für die Gruppe keine Frage, dass sie ihn begleiten werden. Doch was als Abendteuer beginnt, soll für sie alle ein Kampf um Leben und Tod werden.

Bei “Dickicht” handelt es sich um den zweiten Roman des US-Amerikaners Scott Smith, der 13 Jahre nach seinem Debütwerk “Ein einfacher Plan“, das auch eine Verfilmung durch Sam Raimi erhielt, einen Thriller nachlegt. Dabei schildert er das Geschehen aus den Perspektiven der vier amerikanischen Freunde. Schilderung aus verschiedenen Blickwinkeln – eine häufig verwendete Methode, die teilweiße zur Aufwertung der Geschichte führt, hier das Geschehen aber durch die permanente Wiederholung ausbremst. Dabei bricht der Autor auch noch inkonsequent aus diesem Muster, um diesen Kniff unmotiviert verpuffen zu lassen, sodass man sich fragt, warum er dieses Mittel überhaupt gewählt hat. Eine etwas straffere Erzählung hätte dem Buch außerdem gut getan, dann hätte man auch mit ein paar Seiten weniger sein Gepäck nicht so sehr belastet – so können wir das Buch nur bedingt als Urlaubslektüre empfehlen.

Dickicht von Scott Smith
480 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3596176168
Fischer Verlag, 1. Juli 2007 (4. Auflage)
8,95 €



NICK HORNBY – Juliet, Naked


— Veröffentlich am 7. Juli 2010 von Dominik


Nick Hornby ist ja nun wirklich kein unbeschriebenes Blatt mehr, kennt man doch mittlerweile den lockeren Stil des britischen Musiknerds und dessen Lieblingsthemen: Liebe, Musik, Fußball – immer verbunden mit der Unfähigkeit der Akteure die richtigen Worte zu finden. Und auch für “Juliet, Naked” kehrt der Autor von “High Fidelity” oder “Fever Pitch” wieder zu seinem Spezialgebiet zurück.

Die Musik: Tucker Crowe ist ein gescheiterter amerikanischer Songwriter, dessen Ruhm nur noch in einem kleinen Fankreis existiert – diese sind dafür umso fanatischer und rätseln über die Gründe seines plötzlichen Verschwindens von der Oberfläche und seine aktuelle Lebenssituation. Diese sieht mal wieder düster aus: Der Vater vieler Kinder und Ex-Mann von noch mehr Frauen steht mal wieder vor dem Scherbenhaufen einer Beziehung – nur dass er dieses Mal als verantwortungsvoller Vater agierte und somit seinen Sohn aus der Beziehung mitnimmt. Seine anderen Kinder kennt er kaum, hauptsächlich weil er vor ihren Müttern Angst hat…und nunja…ein Taugenichts ist, der seit seinem letzten Auftritt vor über 20 Jahren nicht gearbeitet hat und sich viel lieber mit Büchern und Kunst beschäftigt als mit Familie und Gefühlen.

Die Liebe: Annie lebt im fernen England in einem kleinen Küstenkaff, das ihr genauso wenig gibt wie ihre Beziehung mit ihrem Freund Duncan. Die beiden waren irgendwann mal verkuppelt worden und sind seitdem mehr aus Gewöhnung als durch Liebe aneinander hängen geblieben, was sich nun allerdings ändern soll: Duncan ist großer Tucker Crowe-Fan und einer der ersten, dem das neue Crowe-Album zugeschickt wurde. Darauf befinden sich die Demo-Versionen des bis dato letzten Albums. Er ist begeistert und schreibt eine enthusiastische Rezension in einem Internetforum. Annie währenddessen findet die Demos nicht gerade prächtig und postet einen Zerriss – natürlich eine Hoheitsbeleidigung für den Crowe-Kenner Duncan, der sich in seiner Ehre verletzt fühlt.

Was sich wie zwei getrennte Geschichten liest, verbindet Hornby zu einem Beziehungsgeflecht, bei dem es sehr viel mehr um die zwischenmenschlichen Probleme der Akteure als um die Musik geht. Die Musik ist dabei nur Beiwerk, außer, dass sie der Ursprung von Duncans-Fanatismus ist und diese letztlich zu den ersten Rissen in der Beziehung Duncan-Annie führt. Letztlich ist “Juliet, Naked” einer der erwachsensten Romanen von Nick Hornby, der aber die typischen Probleme seiner Protagonisten und seinen gewohnten Stil mitbringt. Somit wie immer ein Genuss!

Juliet, Naked von Nick Hornby
304 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3462041392
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 3. September 2009
19,95 €



LINUS VOLKMANN – Endlich Natürlich


— Veröffentlich am 21. Mai 2010 von Franzi


Wir hatten eigentlich ganz schön viel gemeinsam und sie hatte kurzes braunes Haar.

Heute schon Angst vor Tröpfcheninfektion gehabt? Oder mal wieder Hasstiraden auf die deutsche Bahn geschoben? Was den Charakter Wilhelm Bitters angeht sind das berechtigte Fragen. Der 26-jährige Neurotiker ist Protagonist des neuen Romans von Linus Volkmann: “Endlich Natürlich” heißt es und in dem Buch gibt es so viele skurrile Situationen, dass der Titel wirklich im Satzzusammenhang verstanden werden muss: “Wie sehr muss man sich eigentlich noch verstellen, um endlich natürlich rüberzukommen?”. Wilhelm studiert Soziologie “geht aber ungern hin, weil [ihn] der Unibetrieb so fertig macht”. Hauptsächlich arbeitet er als Caterer, was ihm seine misanthropischen Wesenszüge allerdings nicht gerade leicht machen, von den ganzen tödlichen Infektionen durch Bakterien in beispielsweise altem Wein ja ganz zu schweigen. Wilhelm ist am liebsten allein und daheim, beziechnende Zitate: „ You will never walk alone klang in meinen Ohren immer wie eine furchtbare Drohung“

Die Aftershowparty bei der Presiverleihung des deutschen Hörbuchpreises auf der Wilhelm als Caterer arbeitet endet in einer Orgie samt Drogenrausch und Wilhelm landet mit der Hörspiellegende Freya von Rosenberg im Bett. Von da an bestimmt diese reife, erfahrene Frau seine Tag-und Nachtträume. Er ist wohl irgendwie verliebt. Und dann muss er sich auch noch mit einem rüpelhaften, aber ebenso sympathischen Finnen rumschlagen, wird von einer Stalkerin heimgesucht und muss den Niedergang eines ehemaligen großen Schauspielers miterleben! Das scheint Wilhelms Jahrundert zu werden.

“Endlich Natürlich” ist einfach großartig geschrieben, voller trockenem und niveauvollen Humor , der sich durch Wilhelms zynischer SIchtweise auf die Welt bzw. messerscharfe Analyse seiner Umwelt ergibt. Oft habe ich dagessen und gedacht: “Du hast so Recht Wilhelm, danke, dass ich meine Beobachtungen jetzt auch endlich mal in Worte fassen kann”. Danke für viele Lacher und Dejá-Vus, lieber Linus!

P.S. Das Buch gibt es bald auch als geniales Hörspiel! Das ist dann nochmal ein ganz anderer Schnack!!! Bedroomdisco wird natürlich berichten, brandheiß aktuell und immer nah dran. Dafür stehen wir mit unserem Namen.

5von58

Linus Volkmann  - Endlich Natürlich
174 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3453675445
Ventil Verlag, 1. Auflage 2010
12,90 €