— Veröffentlich am 20. Januar 2010 von Gianna Slomka
Heute mal etwas anderes als Romane und Lifestyle-Bücher: Sachbücher! Und bevor ihr jetzt alle fluchtartig den Blog verlasst, sei noch gesagt: Reisebegleiter. Das hört sich doch schon viel besser an, oder?
Das Buch, das mein Fernweh in den letzten Wochen so wohl genährt hat, heißt Chicago: Porträt einer Stadt und ist im Insel Taschenbuch Verlag im 2006 im Zuge eines internationalen Symposiums entstanden. Ich weiß, das klingt schrecklich nach Arbeit. Aber ganz so schlimm ist es nicht… das Buch besteht aus 15 Essays verschiedener Experten zu den Themen Geschichte, Architektur, Literatur und Film und lässt sich gerade dank der Essayform wunderbar zwischendurch lesen. Die Beiträge liefern hervorragende Hintergrundinfos zu der „amerikanischsten“ aller amerikanischen Städte und sind nicht nur für Chicago-Liebhaber (wie mich) sondern auch für alle anderen eine Bereicherung im Bücherschrank.
Im Einzelnen muss man sich das so vorstellen, dass zum Beispiel Wolfgang Pehnt, ein deutscher Architekturhistoriker und Kritiker, in seinem Beitrag „Bauen, Niederreißen, wieder Bauen“ (ein Zitat Carl Sandburgs) seine Gedanken und Eindrücke zu Chicago vor seinem ersten Besuch festhält. Natürlich geht es bei ihm in erster Linie um architektonische Phänomene, aber er beschreibt auch die Geschichte der Stadt und ihre Bewohner. So arbeitet er besonders heraus, dass sich Chicago immer wieder selbst neu erfunden hat und voll von „ungezügelter Produktivität“ ist. Es ist die „Stadt der Modernität, wo die Menschen eine neue und unsentimentale Beziehung zur Zeit eingehen“ und in seinem letzten Absatz erwähnt er die Menschen, die er in Chicago getroffen hat, und die er allesamt als freundlich, offen, ehrlich und in ihrem Gebiet sehr fähig beschreibt. Stellenweise ist die Lektüre anderer Beiträge etwas trocken, aber durchaus lesbar und mit jedem Essay wird die Sehnsucht ein bisschen größer. Außerdem lenken viele schöne Fotos und Illustrationen das Auge bei den allzu anstrengenden Beiträgen ab und geben Kraft zum weiterlesen.
Da sich das Fernweh ja nicht bei allen so einseitig auf Chicago beschränkt, lege ich euch auch noch eine Reihe aus dem Insel Verlag ans Herz: die Literarischen Reisebegleiter. Weil die Covergestaltung quasi die gleiche ist habe ich auch das Chicago Porträt für ein Band dieser Reihe gehalten, aber vom Inhalt her geht es ein bisschen in eine andere Richtung. In diesen 59 Bänden werden diverse Städte, Regionen und Länder mal anders beschrieben, als wir es von Marco Polo und Konsorten gewohnt sind. An die Stelle von Öffnungszeiten und Stadtplänen treten hier Spaziergänge, die uns „auf den Spuren berühmter Autoren zu den Schauplätzen der Weltliteratur“ wandeln lassen. So lernt man selbst Städte, die man gut zu kennen meinte, auch mal von ganz anderen Seiten kennen. Und da sie im Preis durchaus erschwinglich sind (ab 10 €, wenige Ausnahmen bis 17 €), sind sie auch wunderbare Geschenke für alle Reiselustigen. Für das gepflegte Fernweh von zu haus aus oder aber zur Unterstützung in der großen, weiten Welt. Und nun entschuldigt mich . . . ich muss meine nächste Reise planen!
Chicago: Porträt einer Stadt
Herausgeber: Johann N.Schmidt und Hans-Peter Rodenberg
VÖ: 18.12.2006, Insel Taschenbuch 3032, 10 €
Insel Literarische Reisebegleiter, 10 €, Ausnahmen bis max. 17 €
“Maria Ihm Schmeckts nicht”, erst kürzlich im Kino mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt gehört zu den Bestsellern von Jan Weiler. Der Müncher Journalist und Autor schreib neben höchst erfolgreichen Büchern auch Kolumnen für den Stern. Diese kommen nun gesammelt und auf 2 CDs gepresst als Lesung auf den Markt. “Mein Leben als Mensch” gesprochen vom Autor selbst. In der Lesung gewährt Jan Weiler circa 140 Minuten lang Einblicke in sein Leben als Vater pubertierender und frecher 4 jähriger Rotzlöffel, als Schwiegersohn eines ehemaligen italienischen Gastarbeiters, als Ehmenann, als AuPairmädchenbetreuer und und und. Die typischen Alltagsgeschichtchen werden von Jan Weiler mit augenzwinkender Trockenheit erzählt. Eine gewisse Resignation und Überforderung, gerade was die Erziehung der sprachlichen Umgangsformen seines Sohnes angeht lässt sich in seinem Sprachgestus auch des öfteres ausmachen.
Einiges, was Jan Weiler thematisch natürlich etwas zugespitzt erzählt wirkt auf mich zumindest etwas angestaubt, da es schon oft Tatbestand satirischer Auseinandersetzungen war. So zum Beispiel das Thema von pubertierenfrn Kindern oder spirituelle Öko-Selbstversuche einer Freundin. Doch viele Kolumnen werden thematisch frisch und originell aufgegriffen und haben mich zum Lachen gebracht. Hier sei zum Beispiel der Familienausflug zum Mittelaltermarkt oder die sehr spießig-dörlfiche Hochzeit der Nachbarn erwähnenswert.
Häppchenweise konsumiert funktioniert “Mein Leben als Mensch” ganz gut, als leichte charmante Kost nebenbei. Am Stück wird es irgendwann öde, da sich Jan Weilers Tonfall auf Dauer gleicht und wenig Abwechslung mit sich bringt. Machmal wirkt das Gesprochene auch sehr abgelesen, wenig adressiert an den Hörer und künstlich geschauspielert. Das nervt ein bisschen und lässt wiederum die Frage aufkommen, warum gerade der Autor selbst, offensichtlich kein ausgebildeter Schauspieler den Text vortragen muss.
“Mein Leben als Mensch”, Prädikat “ganz nett”, aber nichts, was groß im “Wie lustig”-Gedächtnis hängen bleibt.
Jan Weiler liest – Mein Leben als Mensch
Sprecher: Jan Weiler
Regie: Angela Kübrich
Produktion: Der Hörverlag 2009
Dauer: 140min
2CD/19,95€
Die ganze Zeit auf Tour, die Bandmitglieder kleben schon fast an einem. Wie funktioniert das ohne durchzudrehen? Was passiert eigentlich, wenn man dann in sein Heimatörtchen kommt und der normale Alltag von Soundchecks und Saufen wegbricht?
Nagel von Muff Potter hat ein ganz anderes Tour-Tagebuch geschrieben. Klar, der Touralltag ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Was kann alles wie kaputt gehen und was sind das eigentlich für Leute vor denen man auftritt. Doch da gibt es ja immer noch ein anderes Leben, mit Familie und Freunden. Doch die Umgewöhnung von ausrastenden Fans zu “Normalo”Typen ist enorm und nicht allzu einfach.
Begleitet wird das Ganze von Farin Urlaub und Axel Prahl, die das ganze Hörbuch mit ihren Stimmen aufwerten. Denn auch wenn es mal eine innovative Idee ist, nicht einfach stur die Toureindrücke herunterzuschreiben, bleibt doch eine gewisse Langeweile in der Erzählart und insgesamt im Vortrag der “Geschichte”. Als Buch wahrscheinlich weit mehr unterhaltsam, ziehen sich diese 152 Minuten bis in die Unendlichkeit und machen das Hören mühsam. Irgendwie stellt man sich das Leben als Punkrockband bzw. als Mitglied einer Solchen spannender vor. Leider packt den Zuhörer das Hörbuch nicht wirklich, dazu muss man wohl einfach großer Muff Potter Fan sein.
Nagel – Wo die wilden Maden graben
VÖ: 15. März 2009, Patmos; Auflage: 1 http://www.patmos.de/
Endlich ein Interview in unserem Bedroomdisco-Blog, das nicht nur im Musikkosmos spielt. Zwar ist Wolfgang Frömberg bei unserem Lieblingsmagazin Intro als Redakteur tätig, aber hier und heute geht es um seine Tätigkeit als Romanautor – denn er hat gerade seinen Roman “Spucke” im neu gegründeten Hablizel Verlag veröffentlicht! Über das Buch wird hier zu anderer Zeit auch noch geredet oder eher geschrieben werden. Wer sich jetzt schon mal einen kleinen Einblick in die Geschehnisse des Buches machen will, kann neben dem Interview unten auch noch einen Ausschnitt aus der Lesung von Wolfgang im Kölner King George sehen. Nun aber los mit dem ersten Interview unseres Bedroomdisco Bookshelfs!
2.) Fragenkatalog:
- Worüber geht dein Buch?
Der Roman handelt von Arbeit im Kulturbetrieb und von klassischer Arbeit. Spucke ist ein Schlüsselroman aus dem Kölner Milieu rund um die Zeitschrift Spex in den letzten Jahren bis zum Umzug nach Berlin und ein Ideenroman mit phantastischen Elementen. Die Hauptfigur Walter Förster ist ein Lohnschreiber, der über die Frage, was die Kunst mit seinem Alltag zu tun hat und durch die Beschäftigung mit Phänomenen der Popkultur und Treffen mit Schriftstellern zu einer eigenen, fragmentarischen Geschichte findet. Der Roman hat zwölf Kapitel, die zwölf Fragmente darstellen. Die Form war mir sehr wichtig, sie gehört zum Inhalt.
-Warum heißt es Spucke? Gute Frage. Der Titel war früh da, mit ihm im Rücken ging das Schreiben los. Ich brauchte ja einen Namen für das Popmagazin im Roman – und wollte auch eine Andeutung auf das Thema Arbeit. Da gibt es ja noch den voran gestellten, eigentlich sehr lustigen Hinweis mit dem Geier Sturzflug-Zitat. Aber Spucke steht sicherlich für eine gewisse Rotzigkeit, Punkigkeit. Und nicht zuletzt für feigesetzte Energie – wie bei einem Vulkan, der Lava speit. Aber das fällt mir auch jetzt erst auf, im Nachhinein.
- Möchte das Buch vor der Berufswahl “Journalist/Redakteur” warnen?
Nein. Eine Warnung hatte ich nicht im Sinn. Das kann eine sehr aufregende und spannende Tätigkeit sein. Es geht aber trotzdem darum, aus einem bestimmten kritischen Blickwinkel bestimmte Zustände zu schildern. Nicht, um mit der Perspektive in diesem Milieu zu versumpfen und selbstmitleidig herumzujammern, sondern weil ich glaube, dass bestimmte Erfahrungen sich mit gesamtgesellschaftlichen Umständen zusammen erzählen lassen. Das wäre meine Idee von Literatur.
-Wie kann man sich vor dieser verrückten Welt, die du in “Spucke” beschreibst, schützen? Naja, ich denke gar nicht, solange wir diese Welt nicht vollkommen auf den Kopf stellen.
- Was möchtest du den Leuten mit auf den Weg geben, die ebenfalls ein so rastloses und unruhiges Leben führen? Leuten, die ein rastloses Leben führen, würde ich raten, immer ein gutes Buch zur Hand zu haben. Und Risiko und Unsicherheit nicht auf Teufel komm raus zu romantisieren, auch wenn ich den Hang zum Abenteuer irgendwie nachvollziehen kann…
- Welche Einflüsse hattest du? Das sind jetzt wirklich viele. Angefangen bei den ganzen realen Menschen um mich herum, die mir wichtig sind und ohne die weder meine Artikel noch der Roman denkbar wären. Dann die alten Punkplatten von meinem Bruder, die mich schon in sehr jungen Jahren in eine andere Welt katapultiert haben. Es ist ein fortlaufender Prozess. Wenn mich etwas interessiert, führt eins zum anderen. Die Einflüsse sichtbar zu machen, halte ich für wichtig. In Spucke findet man eine Menge davon.
- Was reizt dich am Schreiben?
Eigentlich schwer zu sagen. Es ist ja auch eine Qual. Eine leere Seite, oder ein leeres Dokument, ist grausam. Ich schalte statt zu schreiben auch ganz gerne mal den Fernseher ein oder gehe Leute treffen. Spucke habe ich deshalb auch in einer Art Turmzimmer geschrieben, wo es außer Internet und einem Fenster nix zum Ablenken gab. Anders wird es, wenn sich ein Text langsam einer Form nähert, die meiner Ansicht nach die passende ist. Dann kann mich nichts mehr vom Weiterschreiben abhalten. Der Roman war insofern eine ganz neue Erfahrung: Bei der Arbeit für Magazine hast du immer eine Deadline, du hast einen Ablauf – Interview, Abtippen, Schreiben, Korrigieren. Spucke ist also eigentlich die logische Konsequenz, weil sich im Magazinkontext längst nicht alles sagen lässt, was für die Entstehung des Texts eine Rolle gespielt hat, all die Gedanken und Ideen, die aus dem eigenen Leben kommen. Und weil durch den Ablauf auch gar keine Zeit ist. Ich bin gespannt, wohin mich der Spucke-Text treibt…
- Dein Roman ist die erste Veröffentlichung des neuen Hablizel-Verlag – wie kam es dazu, was gab den Ausschlag für diesen Verlag? Markus Hablizel wollte einen Verlag gründen, aber nicht selbst ein Buch schreiben. Ich wollte den Roman veröffentlichen, aber nicht für Druck und Vertrieb aufkommen müssen. Wir haben uns getroffen, er hat das Manuskript in einer frühen Form gelesen – und es hat gepasst. Es ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin in den gesamten Prozess der Produktwerdung meines Texts sehr stark eingebunden. Außerdem gibt es viele wirklich gute Helfer, die kostbare Zeit in die Materialisierung von Spucke investiert haben. Es ist kein Zufall, dass einige Leute aus den alten Spex-Zusammenhängen stammen. Mario Lombardo hat mit seinem Bureau das Cover gestaltet, Thomas Brill und Frank Geber für Korrektur und Lektorat gesorgt. Ich bin sehr glücklich darüber, wie es läuft. Es ist absolut „Indie“ in einem sehr angenehmen Sinne. Und für alle Beteiligten sehr aufregend. Hablizel ist ein großartiger Verlag.
- Sind weitere Bücher von dir in Planung, oder war das nur ein Drang, dem du eben einmal nachgegangen bist?
Kein Drang in dem Sinne, dass sich da eine frei flottierende Kreativität entfalten musste. Aber Wut und Liebe waren im Spiel. Und davon habe ich noch mehr, und Zufriedenheit kenne ich kaum. Was einen Text angeht, strebe ich nach Vervollkommnung. Vermutlich wie ein Klempner, der ein Rohr ordentlich flicken will oder ein Architekt, der das beste Haus entwerfen möchte. Also…der Titel für einen weiteren Roman ist schon da, ein grundsätzliches Muster auch – und bei Spucke war das im Paket schon ein guter Anfang. Falls ich aber noch mal einen Roman über den Medienbetrieb schreiben sollte, dann müsste er schon den Umfang und die Qualität von Balzacs „Verlorenen Illusionen“ haben – und ich denke, das kann ich mir abschminken. Auch wenn ich andererseits glaube, dass Autoren immer wieder die gleiche Geschichte erzählen, nur bestenfalls immer wieder in einer anderen Form. Wie schön, dass es noch ein Leben gibt, dass über den Kulturbetrieb und die Arbeit hinausweist….
- Was machst du wenn du nicht gerade Bücher heraus bringst?
Ich arbeite als festangestellter Redakteur beim Magazin Intro, fünf Tage die Woche. Ansonsten höre ich in der so genannten Freizeit viel Musik, lese, schaue Filme. Ab und an schreibe ich Artikel für weitere Publikationen. In der Kölner Klubbar King Georg veranstalte ich gemeinsam mit Peter Scheiffele monatlich Lesungen. Ab und an hänge ich auch so im King Georg herum. Mit meiner 11-jährigen Tochter gehe ich oft ins Kino. Sie entscheidet, welchen Film…deshalb habe ich mir letztens „Gangs“ angeschaut. - Wie kamst du zum Musik-Journalismus? Durch Spex-Lesen und durch Zufall. Ein inzwischen sehr guter Freund begann damals ein Praktikum bei Spex, kurz bevor sie an den Piranha Verlag verkauft wurde. Ich rutschte irgendwie rein, weil ich unbedingt ein Interview mit Cat Power machen wollte. Das war erst mal ein reines Fan-Ding. Ich traf sie im Hotel, und wir führten das Gespräch auf dem Bett. Ich wäre fast gestorben. Zwei Jahre und ein paar Verwicklungen später schlug mich Redakteurin Annett Busch für ihre Nachfolge vor. So nahmen die Dinge ihren Lauf.
- Warum hast du von der Spex zu der Intro gewechselt und wie unterscheidet sich die Arbeit? Ich bin ja nicht mit nach Berlin, als Spex umzog -und da war ich Ende 2006 arbeitslos. Kurze Zeit später wechselte Sonja Eismann, die bei Intro eine ganz ähnliche Stelle bekleidet hatte wie ich bei Spex, in die Freiberuflichkeit. Ich interessierte mich für ihre Stelle, eines Tages wurde sie mir sogar angeboten, und so kam mal wieder eins zum anderen. Die Arbeit ist insgesamt sehr ähnlich. Aber bei Spex hatte ich niemals einen ordentlichen Vertrag und nie eine Vollzeitstelle – trotzdem geht die Arbeit heute wie damals immer über den „Feierabend“ hinaus. Bei Intro ist es reizvoll, dass im Verlag neben dem Printheft noch einiges mehr passiert.
- Wie ist deine Haltung zum Musik-Journalismus – Chuck Klosterman zum Beispiel ist da ja etwas gespalten?
Es gibt interessanten und langweiligen Musikjournalismus, so wie es interessante und langweilige Musik gibt. Ich finde es wichtig, dass die Autoren und Redaktionen ihre Kriterien offenbaren. Meinungen und Geschmacksfragen interessieren mich kaum.
- Wie kann man objektive über etwas (Musik/Filme/Bücher) schreiben, das im Allgemeinen eher im Auge des Betrachters liegt?
Das kann man gar nicht. Wer Objektivität inszeniert sehen will, sollte die natürlich total tendenziöse Tageschau anschauen oder Spiegel lesen. Und Bedingungen unter denen ein Produkt entsteht, liegen nicht einfach im Auge des Betrachters. Sie sollten bei der Rezeption unbedingt mitbedacht werden. Bands klingen nicht zufällig wie sie klingen. Das gilt auch für Bücher, Filme, Kunst. Was mich ebenso nervt wie „Objektivität“, ist eine subjetivistische Herangehensweise, die all das außer Acht lässt.
- 3 Top-Alben 2009? Bitte mit Begründung! Puh, in so was bin ich echt schlecht. Die Listen bringen mich um den Verstand. Ich möchte mal Urlaub in Polen mit „Liquid“ nennen, aber eigentlich eher wegen einem geilen Live-Konzert von ihnen im Deutzer Hafen. Letztens habe ich zu Philipp Janzen nach einer Lesung von mir gesagt: Wenn ich so gelesen habe, wie du Schlagzeug spielst, bin ich zufrieden. Dann „Life On Earth“ von Tiny Vipers, weil sie so unfassbar zerbrechlich ist. Man möchte die Musik beschützen wie einen jungen Vogel. Nummer Drei wäre im Moment eine alte Live-Aufnahme von Grateful Dead in Hartford, Connecticut aus dem Jahr 1977 als aktueller Release. Hey, ich bin kein Hippie, aber da sind einfach unglaubliche Sachen drauf, die schicken auch einen „alten Punk“ auf die Reise.
- 3 Top-Alben des letzten Jahrzehnts? Bitte mit Begründung! Noch mehr Listen? Also gut:
1. Cat Power – The Covers Record. Die Eigenartigkeit von Chan Marshalls Cover-Versionen erzählen auf schöne Weise von Selbstverwirklichung und Freiheit.
2. Blumfeld: Testament der Angst – Diese Platte hat den Nerv der Zeit getroffen. Angst, Depression, Liebe, Trost: Kapitalismus.
3. Lenin – So könnte explizit links politisierte Popmusik klingen und vor allem funktionieren. In Formation dagegen sein und die Widersprüche als unüberseh- und hörbares Theater aufführen.
- Deine 3 All-Time Favourite Platten? Okay, die letzte:
1. Talking Heads : The Name Of This Band Is Talking Heads (allerdings nur die 1977-Seiten, auf dem schönen CD-Rerelease finden sich viele Bonus-Tracks, unbedingt die anschaffen, alternative die „Fear Of Music“-Studioplatte oder die erste, „77“.)
2. Cat Power – What Would The Community Think
3. Aphex Twin – Selected Ambient Works Vol. II
Hmmm, und wo steck ich jetzt Wire hin, Spaceman 3, Oma Hans…? Habt ihr nicht doch noch ne Liste?
- Das habe ich 2009 gelernt?
Wie man Basilikum-Pesto selber macht und dass man unvorbereiteten Journalisten keine Interviews geben sollte, ohne sich nachher die verwendeten O-Töne noch mal zeigen zu lassen. Ein ganz neues Erlebnis, auf der „anderen Seite“ des Tischs zu sitzen. Allerdings hat sich 2009 meine Vermutung gefestigt, dass es mehr gute Leute gibt als Arschlöcher.
- Euer/dein bestes persönliches Erlebnis 2009? Die Spucke-Releaseparty Ende Oktober im King Georg.
- Deine Pläne für 2010?
Paprika-Pesto lernen.
- Was stellst du dir unter Bedroomdisco vor? Einen schönen Ort, an dem man schlafen und tanzen kann.
Das wird von einem Mann moderiert, der eine Perücke
aus dem Nuttenfundus trägt
(Linus Volkmann – Robbe und Bürzel – Zwei Herzen schlagen super)
Robbe und Bürzel. Die Namen gehören zwei armseligen Freaks, die ihre Zeit miteinander verbringen. Sei es bei Rollenspielen oder beim Fernsehen. Die beiden machen aber eigentlich nichts. Vor allem machen sie nichts mit Frauen. Der erotische Höhepunkt findet beim Wetten dass…? schauen statt, wenn weibliche deutsche Fernsehgesichter über 50 “bewundert” werden. Doch dann trifft Robbe Dipsy, die neu in das Haus eingezogen ist. Dipsy ist eine Frau, die die Eigenartigkeiten von Robbe und Bürzel noch nicht kennt und sich von sich aus Freitag Abend mit den Beiden verabredet, damit die mit ihr ausgehen. Allerdings dauert es nicht lange, bis sie merkt, was für Jungs sie vor sich hat.
Robbe und Bürzel – Zwei Herzen schlagen super von Linus Volkmann ist ein humorvolles Hörspiel, das den Hörer sowohl zum Schmunzeln als auch zum angewiderten Kopfschütteln verleitet. Die 40 Minuten Hörvergnügen sind leider viel zu schnell vorbei, aber dafür gibt’s noch über 20 Minuten Bonusmaterial mit Anrufern, die Fragen über das Hörspiel stellen und Antworten, die zum Teil noch unterhaltsamer sind, als das Hörspiel selbst. Leider ist die Art und Weise, wie gesprochen wird ein wenig anstrengend, aber da das Hörspiel ja auch keine 16 1/2 Stunden lang ist, kann man das verkraften.
Eine schöne Abwechslung zum täglichen Buch-Gelese, Film-Geschaue und Musik-Gehöre.
Linus Volkmann – Robbe und Bürzel – Zwei Herzen schlagen super
VÖ: 1. Oktober 2005, Ventil http://www.ventil-verlag.de/
Chuck Klosterman ist Redakteur beim New Yorker Musikmagazin „Spine“ und hat einen neuen Auftrag: Er soll einen Artikel über Orte schreiben, an denen Rockstars das zeitliche segneten. Aus der Reise entstand der Roman „Eine zu 85% wahre Geschichte“.
Warum nur 85%? Nein, der Rest ist nicht erstunken und erlogen, sondern könnte einfach aufgrund der Tatsache, dass der Autor nicht alle seine Gespräche und Telefonate aufzeichnet, im Detail nicht ganz eins zu eins so passiert sein wie im Buch geschrieben. Außerdem wurden manche Namen und Einzelheiten abgeändert. Denn in diesem Roman geht es letztlich nur am Rande um den Roadtrip des Autors quer durch Amerika, sondern viel mehr um sein Leben, seine Liebe zur Musik und seine Gedanken- und Gefühlswelt.
Oha, harter Stoff? Nein, bei Leibe nicht! Klosterman hat einen sehr lebhaften Stil und einen grandiosen Humor. Außerdem schreibt hier ein absoluter Musiknerd, der alle Frauen seines Lebens mal eben aus dem Stehgreif mit den Alben von KISS vergleicht.
Das kommt euch bekannt vor? „High Fidelity“, Nick Hornby? Na klar! Na und? Dieses Buch ist durchweg interessant und mitreisend geschrieben, sodass man es kaum aus der Hand nehmen will. Berechtigung genug! Und letztlich erfährt man ja nicht nur etwas über Beziehungen, sondern auch etwas über die mehr oder weniger ruhmreichen Abtritte ehemaliger Idole.
Chuck Klosterman – Eine zu 85% wahre Geschichte (Broschiert)
288 Seiten, 9,95 €
VÖ: 12. August 2008, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH
Was ist Indie? Ist das, was man heute als krassen Indie-Shit bezeichnet überhaupt Wert so genannt zu werden? Ist Indie eine Lebenseinstellung oder ein Labelbegriff? Ist die Musik aus dem Lokalradio Indie? Bin ich Indie? Tausender dieser Fragen versucht Albert Koch, Redakteur beim Musikmagazin „Musikexpress“ zu klären. In seinem Buch „Fuck Forever – Der Tod des Indie-Rock“ werden essentielle Fragen der Herkunft und der Bedeutung des Indie gestellt.
Mit Vergleichen und Zusammenhängen aus vergangenen Jahrzehnten geht Albert Koch dem Phänomen Indie auf den Grund. Immer wieder fallen Phrasen, wie „Transformation von innovativer Musik, in ganz normalen Rock“ oder „Indie ist der neue Mainstream“. Hier wird also nicht unbedingt auf die heutige Indie-Szene abgefeiert, sondern sie wird in Frage gestellt. Der Krieg ist eröffnet: hier tritt der “andere” Indie gegen die “Class of 2005” (Bands wie Bloc Party und Maximo Park) an.
Fuck Forever setzt auf Aufklärung für all die Menschen, die nicht wissen was vor ihrer Geburt und ihrem Karohemd-Röhrenjeans-Haare-ins-Gesicht-Look, musikalisch in der Welt so los war. Aufgewertet wird das Buch zudem mit Interviews von Adam Green, Mayo Thompson von The Red Krayola, DJ Chris de Luca (ja auch Elektronik wird auf ihre Beats getestet), und der ehemaligen Fast-Forward Moderatorin Charlotte Roche. Nicht nur der Begriff Indie wird hier auseinandergenommen, sondern auch alle Begleiterscheinungen: alle Arten von Menschen, die sich dem Indie so nahe fühlen, Partys und Drogen. Zum Abschluß des Buches findet sich eine Top-25-Albenliste von 2005 bis 2007 im Anhang.
Der Leser dieses Buches kann eine Menge Spaß bei der Selbstkategorisierung seines Indie-Seins haben. Wer diese Musik hört, findet sich definitiv in vielen der beschriebenen Klischées wieder. Das macht die Mainstream-Geschichte zwar nicht besser, dafür aber amüsanter, solange man dieses Buch nicht als radikalen Angriff auf seine Individualität sieht.
Störend hingegen sind eigentlich nur die vielen Wiederholungen von Sätzen, deren Hauptwort einfach ausgetauscht wird. Wohlmöglich, das sich hier der Schreibstil des Autors wiederfindet, trotzdem lässt die Aufmerksamkeit beim Lesen durch dieses copy & paste Verfahren nach und wirkt auf die Dauer etwas kreativlos. Natürlich hat das Buch nicht nur unterhaltenden Charakter: es möchte auffordern zum Hören von älterer, anderer Indie Musik. Es möchte zeigen, dass der Indie-Hype im Moment eben nur ein Hype ist, eine Reproduktion dessen, was schon einmal da war, nur schneller und lauter. Im Idealfall denkt man über die Kritik des Autors nach. Wenn einem nicht danach ist, kann man darauf wetten in den nächsten Seiten wieder etwas Amüsantes zu lesen, was man dann bei sich selbst und seinen Freunden nachprüfen kann.
Zusammengefasst: wer wissen will, wie Indie er und die Musik, die er hört, ist und dabei auch noch über sich selbst lachen kann, sollte dieses Buch auf seinen Wunschzettel schreiben. Da freut sich auch die Mutti, wenn das Kind endlich mal ein Buch liest!
Albert Koch – Fuck Forever-Der Tod des Indie-Rock (Broschiert)
229 Seiten, 14,90 €
VÖ: 23. April 2007, Hannibal http://www.hannibal-verlag.de/