MAX PROSA – Die Phantasie wird siegen


— Veröffentlich am 16. Februar 2012 von Fred


Tief im Gefängnis der Welt sind wir gefangen und ahnen es nicht.
Die Mauern, man kann sie nicht sehn, nur immer fühlen, sie stehn so dicht.
Du merkst doch, dass irgendwas quält, weil immer irgendwas fehlt, aber was?
Tief in versunkener Nacht weckt es Leute und hält sie dann wach.

(Max Prosa – Flügel)

Max Prosa ist ein Songwriter, wie man ihn sich am Lagerfeuer wünscht: Jugendlich, Strubbelhaare, Anfang 20 und voller Gedanken. Dass er die dann auch noch ausdrücken und in schöne Melodien kleiden kann, beweist er gekonnt mit seinem Debütalbum ‘Die Phantasie wird siegen‘.

Das alte Junge mit Gitarre Spiel. Abgebrochenes Studium der Physik und Philosophie. Aufgewachsen in Berlin. Entdeckung der Liebe zum Folkrock. Gitarrenspiel seit dem 6. Lebensjahr. Soweit so gut, damit wäre theoretisch die Grundlage für eine erfolgreiche Karriere als Songwriter gelegt. Wenn man dann von Clueso mit auf Tour genommen wird und die TV Noir Rakete des Jahres 2011 gewinnt, ist eine Karriere als Musiker wohl unausweichlich. Jetzt erscheint Max Prosas erstes Album ‘Die Phantasie wird siegen’ auf dem vierzehn Songs gelandet sind, vierzehn Gedichte und vierzehn Geschichten. Sehnsucht und Zerrissenheit sind die großen Themen der Textgefüge, die mit Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Cello und Mundharmonika in Musik verwandelt wurden. Prosas Lieder handeln von unbestimmtem Verlangen und dem Erfüllen von fälschlichen Erwartungen. “Nimm mich raus aus den Abgründen der Stadt“, proklamiert Prosa, “nimm mich mit irgendwohin“. Der Auftakt der Platte ist mit diesem schönen Gedicht, einem wunderbar runden Lied fantastisch gelungen. Auch die restlichen Songs glänzen von ihrer musikalischer Seite her in einem breiten Spektrum: Erhabene Hymnen wie ’Totgesagte Welt‘ oder ‘Ikonen‘ wechseln sich mit auf Stimme und Gitarre reduzierte Tracks ab (‘Straße Nach Peru‘ und ’So Wieder Leben‘). Doch Max kann mehr: Die beiden schnelleren, rockig beflügelnden Nummern ‘Tasunoro‘ und der ersten Single ‘Mein Kind‘ lassen den Fuß dann schneller auf den Boden tappen. Diesen temporeicheren Songs wird dann als Konterpunkt ein romantisch balladesker Song, wie ‘Als Der Sturm Vorbei War‘ oder ein klassischer Folk-Pop Song a la ‘Visionen Von Marie‘ entgegengestellt.

Doch interessanter und vor allem einzigartiger als die musikalische Ausgestaltung ist Prosas Art zu texten. Die Rhythmik und die Abstimmung der Worte beherrscht er perfekt. Die Betonung sitzt in jedem Moment und er spielt geradezu mit seinen Texten, die oftmals ins Lyrische abdriften. Was Max Prosa bislang noch fehlt ist die Reife der durchsoffenen, durchrauchten Jahre in seiner Stimme und der Mut öfter der Eingängigkeit der eigenen Melodie zu folgen. Doch diese Mischung aus Beiläufigkeit und Nachlässigkeit kann erst mit der Zeit entstehen. Wenn sie es denn überhaupt muss, denn ‘Die Phantasie wird siegen’ ist alles andere als zu glattpoliert. Max Prosa gelingt das Kunststück, trotz des hervorragenden Ohrwurmcharakters der Stücke zu polarisieren. Denn gerade der etwas eigenwillige Gesangsstil und die zuweilen arg verschlüsselten Lyrics werden nicht bei jedem Hörer auf Gegenliebe stoßen. Und genau deshalb überzeugt Max Prosas Debüt musikalisch, wie auch lyrisch. Das Prinzip vom Jungen mit der Gitarre geht ein weiteres Mal auf.

Max Prosa – Die Phantasie Wird Siegen
VÖ: 27. Januar 2012, Columbia
http://maxprosa.de
www.myspace.com/maxprosa



HUNDREDS – Variations


— Veröffentlich am 9. Februar 2012 von Dorota


I wake up
I wake up
it’s dark again 
the light house burned
there’s no way out
no way out
little heart 

(Hundreds – Little Heart)

2010 traten die großartigen Hamburger Hundreds in Erscheinung mit ihrem selbstbetitelten Debüt. Ende 2011 covern Bands und Künstler experimentierfreudig an den zehn Titeln herum und schaffen Neues, Ungewohntes und interpretieren Songs auf eine ganz andere Weise.

Mit dabei bei dieser Cover Platte namens ‘Variations‘ sind Small Panthers, Rue Royale, Monta, Bodi Bill, Sheahan Drive, Phon.o, Styrofoam, Einar Stray, Get Well Soon und Touchy Mob. Die Liste lässt sich also ganz gut lesen, auch wenn einige Namen noch unbekannt erscheinen mögen, spätestens jetzt haben sie sich ins melodramatische Herz gespielt.
Da fragt man sich natürlich wer die Auswahl getroffen hat – waren es Hundreds selbst die das Telefon in die Hand genommen haben oder boten sich die Bands an? Zumindest wurden die richtigen genommen, um endgültig zu beweisen – egal von wem die Lieder gesungen werden – wie hervorragend das Songwriting von Eva und Philipp Milner ist.
Besondere Schmankerl sind vertreten bei den Interpretationen von Rue Royale (Fighter), Bodi Bill (Machine), Phon.o (Happy Virus), Touchy Mob (Solace) und Get Well Soon (Let’s Write The Streets). Naja, vielleicht ist auch einfach alles toll – man hat auf jeden Fall nie wirklich das Gefühl ein Lied wurde vom neuen Interpreten zerstört. Es bleibt immer noch Hundreds – gefühlvoll, vorsichtig, vertraut – nur eben mit Ideen von Freunden gepaart.

‘Variations’ ist ein spannendes Album, mit dem sich vielleicht manche erst anfreunden müssen, manche dagegen werden es sofort für sich entdecken, genauso wie neue Künstler – wenn man nicht längst etwas von ihnen gehört hat. Eine willkommene und gelungene Abwechslung im “Cover-Land” der Musikbranche. Da wird das Warten auf die neue Platte von Hundreds dann auch gar nicht mehr so schlimm.

Hundreds – Variations
VÖ: 2. Dezember 2011, Sinnbus
www.hundredsmusic.com 



PHANTOGRAM – Nightlife


— Veröffentlich am 8. Februar 2012 von Lisa


Take this world away
Strangle it with wires for a lifetime
Make a pretty face and say I’m fine
I’m okay
Only in the nighttime

(Phantogram – Nightlife)

Phantogram, das New Yorker Electropo-Duo, das hierzulande leider trotz guter Kritiken für das 2009 veröffentlichte Debütalbum ‘Eyelid Movies‘ noch viel zu unbekannt ist, lässt endlich ein neues Lebenszeichen von sich hören: Am 17. Februar erscheint nun auch endlich in Deutschland die EP ‘Nightlife‘. Und die hat es in sich!

‘Nightlife’ beginnt schon stark: ‘Don’t Move‘, ein hypnotischen Bastard aus zuckenden Drums, kugeligen Loops und Bläser-Samples, vermischt mit der verführerischen und gleichzeitig geheimnisvollen Stimme von Sängerin Sarah Barthel, zeigt als zweiter Track der 6 Songs starken EP, wo der Hase hinwill. “Keep your body still” schmeichelt Sarah Barthels immer und immer wieder – hilft jedoch nix, bei diesem Beat muss ein jeder Arsch wackeln, ein jedes Tanzbein zucken.

Es folgt ‘Tuning into Stone‘, gesungen hauptsächlich von Partner Josh Carter anstatt nur von Barthel – ein Song, der einen immer mehr hineinzieht in das Zwielicht, das hinter ‘Nightlife’ steckt: aufreibende Nintendo-Beats vermischen sich darauf mit verzerrten E-Gitarren, die auch von Interpol stammen könnten, und Carters Gesang schnarrt und sträubt sich so lange im Wechsel mit Barthels Gesang, bis der Song schließlich in einem wunderbaren Crescendo-Inferno aufgeht und wie eine Sternschnuppe langsam am Nachthimmel verglüht. “It’s a new day and I’ve got a new way of turning into stone” singt Carter, und damit könnte er Recht haben – der Track, wohl der stärkste der EP, sitzt wie in Stein gemeißelt, jede Note, jeder Beat sitzen an der richtigen Stelle und packen einen an einem Nerv, von dem man vielleicht noch gar nicht wusste, dass er existiert.

Make A Fist‘, darauf folgend, ist ein beatlastiger, nervöser Track, der sich dank Barthels Gesang in schwindelnde Höhen schraubt, nur um dann so abrupt in sich zusammenzufallen, dass es einen beinahe straucheln lässt. Dagegen wirkt ‘Nightlife‘, der Titeltrack der EP schon fast wie ein klassischer Popsong. Eher bandgerecht stratt elektro-lastig instrumentiert, lebt der Song von seiner sphärischen Atmosphäre, die perfekt das dunkle Nachtleben widerspiegelt, in dem diese EP entstanden ist, und man fühlt sich sofort versetzt in dunkle Backstageräume, nächtlichen Tourbusse und verlassenen Autobahnraststätten.

So mitreißend und hypnotisch wirkt auch der letzte Track, ‘A Dark Tunnel‘, der sich dank eines dunklen, metallischen Elektrobeats im Gegensatz zu Barthels hier beinahe elfengleicher Stimme tatsächlich noch ein letztes Mal in allen Gehörgängen aufbäumt, bevor die EP sich dem Ende neigt.

Phantogram nehmen uns mit ‘Nightlife’ mit an einen durchaus dunklen Ort – der jedoch dank all der bezaubernden Melodien und verspielten Elemente, der vertrackten Ideen der einzelnen Songs einen Zauber entwickelt, der nicht depressiv stimmt, sondern einem warm ums Herz werden lässt. Hören und weiterempfehlen!

Phantogram – Nightlife
VÖ: 17. Februar 2012, Barsuk
http://phantogrammusic.virb.com
www.myspace.com/phantogram



ED SHEERAN – +


— Veröffentlich am 7. Februar 2012 von Dominik


And they say
She’s in the Class A Team
Stuck in her daydream
Been this way since 18
But lately her face seems
Slowly sinking, wasting
Crumbling like pastries

And they scream
The worst things in life come free to us
Cos we’re just under the upperhand
And go mad for a couple of grams
And she don’t want to go outside tonight
And in a pipe she flies to the Motherland
Or sells love to another man
It’s too cold outside
For angels to fly

(Ed Sheeran – The A Team)

Die britische Musik-, ach was sagen wir, Medien-Industrie ist ja zumeist auf den kometenhafte Aufstieg neuer Idole ausgelegt, die dann in Schüben auch ihren Weg von der Insel zum Festland finden. Dass es aber auch anders laufen kann und mitunter etwas dauert bis man die Schnellstraße gen Pop-Olymp nehmen darf, davon weiß einer der Newcomer aus 2011 zu berichten. Ed Sheeran veröffentlichte mit vierzehn Jahren seine erste EP, neun weitere sollten folgen, genauso wie unzählige Shows, Support-Slots und Möglichkeiten, die der mittlerweile zwanzigjährige abgearbeitet hat, bis er Mitte 2011 endlich einen Plattenvertrag in der Tasche hatte, um nur ein paar Monate später die UK Charts zu zieren. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter!

Ohne, dass sein Debütalbum ‘+‘ in Deutschland regulär erschienen ist, ziert schon ein ‘Ausverkauft‘-Schild die komplette hiesige März-Tour von Ed Sheeran – kein Wunder, verbindet er in seiner Musik doch unterschiedlichste Stile und bewegt sich dennoch immer im oder am Rande des Pop-Umfelds. So eröffnet ‘The A Team‘ das Album als schlichte Singer-Songwriter-Perle, die sich eingängig, aber ohne größeren Wiedererkennungswert dem Radioformat unterwirft und thematisch schon alles vorwegnimmt, was noch so folgen soll. Es geht um die logischen Themen eines jungen Erwachsenen: lieben, trinken und verzweifeln. Drumherum gibt es viel Pop-Appeal, mal variabler und mit Sprechgesang Richtung Rap, mitsamt Beatboxing (‘The City‘,’You Need Me, I Don’t Need You‘, ‘U.N.I.‘ & ‘Drunk‘), dann wieder ganz simpel und reduziert, um nur Sheerans Gesang, verbunden mit wahlweise sanften Gitarren- (‘This‘) oder Klavier-Klängen (‘Wake Me Up‘) in den Mittelpunkt zu stellen.

Und so schwankt das Songgebilde von Titel zu Titel, funktioniert hier mehr als Folk, dort mehr als Mainstream-affiner Hip-Hop-Verschnitt und bildet letztlich eine angenehm vielschichtige Pop-Platte, die gerade an den ruhigen bzw. reduzierten Stellen (‘Small Bump‘ & ‘Kiss Me‘) groß auftrumpft.

Ed Sheeran – +
VÖ: 10. Februar 2012, Asylum Records
www.edsheeran.de
www.myspace.com/edsheeran

Ed Sheeran – Drunk (Official Video) from Ed Sheeran on Vimeo.



MINT JULEP – Save Your Season


— Veröffentlich am 2. Februar 2012 von Dorota


The motion of the morning light
Carried the sin from the black night
I don’t wanna feel 
Anything else but you
As you hold me tonight

(Mint Julep – Why Don’t We)

Man nehme Minze, Crushed Ice, Zucker und Bourbon-Whiskey, gibt das alles in einen Silber- oder Zinnbecher und fertig ist der Cocktail Mint Julep. ODER man nimmt ein Ehepaar – in diesem Fall Hollie und Keith Kenniff – gibt ihnen Instrumente und ein Mikro und fertig ist die Band Mint Julep!
2007 wurde die Ehepaar-Band gegründet und konnte 2008 mit ‘Songs About Snow‘ schon eine beachtliche, kleine Platte vorweisen. Melodiöser Pop, der auf dem Debüt noch sehr ruhig und geheimnisvoll, ja fast schon Soundtrack-artig Atmosphären und Landschaften baut. Das ist allerdings nicht das Debüt von Frischlingen; Keith Kenniff ist bereits mit Projekten wie Helios, einem ambient/electronic Projekt und Goldmund, wo klassische Klaviermusik den Hauptbaustein der Musik bildet, im fortgeschrittenen Musikerleben angekommen. Und so ist es kein Wunder, dass seine Musik für Filme und Werbespots benutzt wird.

Tja und nun ist es 2012 und es gibt ein neues Album mit dem Namen ‘Save Your Season‘, das Aufmerksamkeit will und auch bekommt. Denn die erste Single ‘Aviary‘ konnte schon auf diversen Blogs positive Resonanz erfahren. Die Stimme von Hollie Kenniff ist dabei immer noch so gefühlvoll und zärtlich, nur der Sound nähert sich deutlich dem Indierock an. Auch die Ruhe, die noch auf ‘Songs About Snow’ vorherrschte, verwandelte sich bei einigen Songs ins Gegenteil, wie zum Beispiel bei ‘To The Sea‘. Durch Schlagzeug, repetitivem Bass-Gezupfe und Synthiemelodien sind die Songs düsterer und gewaltiger denn je.

Die Band Mint Julep hat also mit ihrem Album ‘Save Your Season’ ein hübsches Pop-Indie-Moment geschaffen, dass zum Teil an die Frauenband Telepathe erinnert. Das Gesamtkonzept des Album ist gelungen und ein hörenswertes Stück Musik geworden – auch wenn ‘Days Gone By‘ und der Track ‘Save Your Season‘ leider zu den schwächeren Songs auf der Platte gehören. Allerdings ist zu befürchten, dass die Aufmerksamkeit für die Band allgemein nicht so groß sein wird – was in diesem Fall wirklich schade ist. Hoffen wir, dass die Blogs schön weiter promoten und Mint Julep mehr als nur ein Cocktail wird.

Mint Julep – Save Your Season
VÖ: 20. Januar 2012, Village Green
http://mintjulep.squarespace.com 



BEN HOWARD – Every Kingdom


— Veröffentlich am 1. Februar 2012 von Dominik


And the church spire over the river
She still sits there warm in the evening glow
But you don’t care about these scenes I treasure
About these west winds, I know, I know

Seems everything aroung here
Stays like stone
Seems it’s about time darling
We let this all go

Everything must start again anew
Everything just goes that way my friend
Every king knows it to be true
That every kingdom must one day come to an end

(Ben Howard – Everything)

Schon bevor er überhaupt einen Plattenvertrag unterschrieben hatte, könnte der britische Singer-Songwriter Ben Howard schon auf ausverkaufte Shows zurückblicken und eine beachtliche Fan-Base sein eigen nennen – und das nicht nur in seiner Heimat. Denn auch während seiner letzten Deutschland-Tour eilte dem Hobby-Surfer schon sein Ruf voraus, sodass diverse Venues schon frühzeitig ‘Sold out‘ vermeldeten, bevor überhaupt ein Exemplar von ‘Every Kingdom‘ über den deutschen Ladentresen ging. Am Freitag ist es nun soweit, das Debütalbum von Ben Howard erscheint offiziell in Deutschland.

Der in Devonshire, im Südwesten Englands aufgewachsene Folkmusiker, wuchs in einem musikalischen Haushalt auf, in dem die Platten von Künstlern wie Joni Mitchell, Bob Dylan, Van Morrison oder Richie Havens rauf und runter liefen, sodass die Einflüsse auf ‘Every Kingdom’ auf der Hand liegen. Im Vordergrund steht dabei das grazile Gitarrenspiel und der Gesang des jungen Briten, der stimmlich vielleicht am besten irgendwo zwischen Damien Rice und seinem Kollegen James Vincent McMorrow einzuordnen ist. ‘Old Pine‘ stellt dann als Opener der Platte auch gleich diese beiden Zutaten in den Mittelpunkt, während India Bourne die gefühlvollen Gitarren-Zupfer mit ihrem Cello untermalt und erst zur Mitte des Songs hin auch Drummer Chris Bond einsetzen darf. Ein gemächlicher Start in ‘Every Kingdom’, der die Atmosphäre des Debütwerks vorwegnimmt, um mit ordentlich Schwung auszuklingen.

Diamonds‘ erinnert entfernt an den schwedischen Gitarrenästheten José González, ergeht sich dann jedoch zunehmend mehr in den Country-/Folk-Anleihen des Briten. ‘The Wolves‘ zeigt Ben Howard heißer proklamierend, vor beschwingter Instrumentierung, um nach einem Break noch mal gefühlvoll anzusetzen und sich im Dialog mit seiner Band als Echo immer wieder zuzurufen: Love, Love, Love! Das erste große Highlight der Platte, die mit ‘Everything‘ direkt ein weiteres zu bieten hat, zieht einen doch die fast schon greifbare Intimität des Songs unmittelbar in seinen Bann.

Die zweite Hälfte der Platte fällt dagegen keinesfalls ab, hält sie doch noch ‘The Fear‘, das langsam wachsenden ‘Black Flies‘, welches an Bon Iver erinnert, oder das einfach nur schöne ‘Gracious‘ bereit. ‘Every Kingdom’ ist damit die Momentaufnahme eines jungen Folkmusikers, der sich aufmacht, demnächst schon zu den ganz großen zu zählen.

Ben Howard – Every Kingdom
VÖ: 3. Februar 2012, Island
www.benhowardmusic.co.uk
www.myspace.com/benhoward

THE FEAR (Full Length version) from mickey smith on Vimeo.



DIAGRAMS – Black Light


— Veröffentlich am 31. Januar 2012 von Fred


She embodies an antelope
Elegant she got plastic stripes
Bites the open sky comes in hope
Of the majesty of the night

(Diagrams – Antilope)

Der ehemalige Tunng Frontmann Sam Genders entwirft mit seinem neuen Album ‘Black Light‘ psychedelisch verschachtelten Folk- und Softpop und kleidet diesen in ein elektronisches Antlitz. Mit dem eingängig-experimentellen Pop auf seiner neuen LP entwirft Diagrams einen einzigen schillernden Klang-Reigen, der an jeder Ecke zum musikalischen Entdecken einlädt.

Gerade im Opener ‘Ghost Lit‘ erinnnert Black Light noch an eine zarte schwedische Indie-Pop-Romanze, warme Keyboard-Klänge und noch viel wärmerer Melancholie-Gesang herrschen vor. Doch das es auch anders geht, zeigt der heimliche Hit des Albums, ‘Tall Buildings‘. Es ist der einzige Song auf ‘Black Light’, der auf der Stelle zündet, ein Dance-Pop-Hybride und eine potentielle Hymne in einem. Spielerische Elemente der Indie-Disco, wie ein Stakkato-Basslauf, Handclaps und Choral im Refrain vermischen sich mit einer doch erwachsenen Songstruktur und laden zum Tanz ein. Doch auch andere Tracks gefallen: Der leicht nervöse Math-Pop-Song ‘Antelope‘, entwickelt in dem Geflecht aus Chören und Bläsern und seinen assoziativ-träumerischen Lyrics später eine große Ruhe. Die ruhigen Momente überwiegen auf ‘Black Light’ und gerade wenn Sam Genders wie auf ‘Mills‘ zwischen den Polen Folk und psychedelischer Elektronik wandelt, erreicht die Platte eine besondere Klasse. Dann darf auch gerne mal Detailverliebtheit praktiziert werden und auch der Einsatz von eigentlich kitschig-spacigen Keyboard Sounds wirkt nicht deplatziert.

Neben den einzelnen Songs fällt vor allem die Produktion positiv auf. Leicht, klar und voller Respekt für jedes melodische Zucken und in jedem Moment offen für Emotionen. Mit Sicherheit wird man ‘Black Light’ nicht als Meilenstein des musikalischen Jahres in Erinnerung behalten und auch von Bestenlisten wird es fern bleiben. Es ist einfach dieser frische, minimalistische und dennoch abwechslungsreiche Pop, der gespickt ist mit Effekten, Synth-Bass, programmierten Beats und low-key Funkgrooves. Eigentlich erinnert Diagrams Art mit Sounds umzugehen oftmals an Hot Chip, denn auch hier verschmelzen Einfachheit und Perfektion zu einem einmalig-einprägsamen Klangerlebnis. Aber dank Genders aussergewöhnlicher Baritonstimme wird zu jeder Zeit das rechte Maß an Eigenheit bewahrt. An der Schönheit des sanft funkelnden, manchmal geradezu mathematisch bezaubernden Komplex-Pop von ‘Black Light’ ändert das aber nur wenig.

Diagrams – Black Light
VÖ: 13. Januar 2012 (Full Time Hobby/ Rough Trade)
www.diagramsmusic.co.uk
www.myspace.com/diagrams



WRONGKONG – So Electric


— Veröffentlich am 29. Januar 2012 von Dorota


You point your finger at me

(Wrongkong – My Dearest Enemy)

Der zweite Langspieler der deutsch-kanadischen Kombination Wrongkong ist draußen und trägt den Namen ‘So Electric‘. Und ja, die Platte hält was der Titel verspricht: Pop meets Elektro-Flöckchen mit ab und zu unterschwelligem Indie-Rock Charakter auf 13 Tracks!

Wrongkong können schon auf eine lange produktive Musikzeit blicken, vor 2006 auch noch ohne die Sängerin Cyrena Dunbar. Seitdem die Kanadierin dann auf dem Album ‘Being In A Boygroup‘ als Gastsängerin mitmischte, gab es Wrongkong nun als Fünfer-Kombo zu hören.
Tja und so ist dann auch das neue Album ‘So Electric’ da und macht mit eingängigen und gut platzierten Beats gute Laune für die Morgenstunden. Hä? Doch, doch, selbst erprobt: Das Album ist der Morgenmuffel-Killer schlechthin – die richtige Mischung an Tanz- und Kaffeekoch-Modus.

Anspieltipps sind auf jeden Fall: ‘Electric‘, ‘My Dearest Enemy‘, ‘My Mind‘ und ‘Hearts Are Breaking Hearts‘ mit seinem 80er Jahre Charme. Eigentlich kann man dem Album nichts Negatives vorwerfen: Es tut niemandem weh und gibt jedem die Möglichkeit sich seine Lieblingshits auszusuchen. Den einzigen Abzug kann man bei der Gesamtkomposition von ‘So Electric’ geben, denn es ist eine vielseitige aber relativ leicht zu verdauende Platte, ohne große Krisen, Hoch- und Tiefpunkten. Man schwebt unbeschwert nur so von Titel zu Titel. Für mich manchmal zu unbeschwert. Alles in allem ist ‘So Electric’ aber ein nettes Stück Pop-Elektronik ohne Widerhaken.

Wrongkong – So Electric
VÖ: 13. Januar 2012, Auf die Plaetze
www.wrongkong.de

Die Tourdaten zum Live-Anschauen:

18.02. Offenbach – Hafen 2
10.03. Stuttgart – Keller Klub
11.03. Regensburg – Heimat
14.03. Berlin – Comet
15.03. Hamburg – Prinzenbar
20.03. Köln – Blue Shell
22.03. Bamberg – Morph Club
23.03. Bayreuth – Glashaus
30.03. München – Backstage
31.03. Munderkingen – “Musiknacht”



THE MACCABEES – Given To The Wild


— Veröffentlich am 25. Januar 2012 von Dominik


With it all before you, how could it ever go wrong
When water mirrors for you and all that you look on
Just a glimmer from the way beyond
But you’re lost today, you’re lost today

In each and every tide things are lost
Things we must not lose sight of
No matter if you’re tired
Why suppose oracles can let you know

(The Maccabees – Glimmer)

Erwachsenwerden, Weiterentwicklung oder einfach Veränderung des Musikgeschmacks der beteiligten Musiker – ändert sich der Sound und die Stimmung einer Band massiv, liegen die Erklärungsschablonen schon bereit. Gerade wenn es sich um junge, meist zuerst stürmische Indie-Bands handelt. Aktuelles Beispiel: The Maccabees, deren Debütalbum 2007 für viel Aufregung im britischen Blätterwald sorgte, der Lobeshymnen auf das vor Kreativität und ungestümer Abwege überbrodelnde ‘Colour It In‘ beschwor und sich auch zwei Jahre später im Zweitwerk ‘Wall of Arms‘ bestätigt sah: Hier bewegt sich etwas, den Maccabees gehört die Zukunft.

Manch eine Band ist an solch einem Erwartungsdruck schon zugrunde gegangen, nicht so die fünf Londoner, die mit ‘Given To The Wild‘ so etwas wie das erste wirklich große Album in 2012 veröffentlicht haben. Wo die NME schon den Todschlag-Vergleich ‘The Suburbs‘ raushaut, bieten einige Parallelen doch viel mehr noch den Vergleich zum letzten Foals-Album ‘Total Life Forever‘ an. Denn beide Alben zeigen ähnlich große Entwicklungen in der Fähigkeit der Bands zur Konstruktion ihrer Songs und beinhalten für sie bisher eher untypische Lieder.

So setzen die Maccabees mit dem Intro ‘Given To The Wild‘ die Uhren auf null, erschaffen eine ruhige und atmosphärische Stimmung, wobei der Song mehr hallendes Dröhnen ist, als ein Musikstück an sich. Letztlich erweist es sich dann, mit Beginn des zweiten Titels ‘Child‘, als Klangteppich für einen der großartigsten Songs, den die Briten je veröffentlicht haben. Flirrende Gitarren, Bläser und das Ganze in einem für die Band angenehm gezügelten Tempo, das sich zum Ende hin in einem Rausch ergeht – angenehme Überraschungen sind doch immer die besten!

Und ähnlich gestaltet sich dann auch das restliche Erlebnis von ‘Given To The Wild’: Der Sound ist größer, die Instrumentierung vielschichtiger und man spürt in jedem Song den neuen Weg, den die Band bzgl. der Produktion der Platte eingeschlagen hat: Für das neue Album hat man sich erstmals zurückgezogen, damit sich jeder für sich seine Gedanken machen konnte, und nicht im Kollektiv die Stücke im Proberaum während des Spielens geschrieben. Im Ergebnis wirken die Songs dadurch durchdachter, funktionieren aber trotzdem auf den Punkt.

Glimmer‘ baut wie schon ‘Child’ eine besinnliche Stimmung auf, lässt die Drums angenehm zurückgenommen im Hintergrund versinken, während die Gitarren eine schillernd-verhallten Teppich um die Stimme von Sänger Orlando Weeks legen. ‘Pelican‘ wirkt dagegen eher wie ein Sturm und Drang-Song, treibt voran, enthält die von den bisherigen Alben gewohnten Gitarren-Bretter und verstrickt sich in so vielen Abwegen, wie nur möglich. ‘Go‘ erinnert dann wirklich auch mit seinen ausladenden Chören, der Raffinesse der Instrumentierung und der Stimmung an Arcade Fire.

Mit dem nicht minder ausladende ‘Grew Up At Midnight‘ klingt die Platte dann mit viel Bombast und Brimborium aus und entschwebt letztlich so, wie es angefangen hat. ‘Given To The Wild’ zeigt die Maccabees gewachsen, gefestigt und auf dem richtigen Weg zu einer ganz großen Band!

Anspieltipps: Child, Glimmer, Heave

The Maccabees – Given To The Wild
VÖ: 20. Januar 2012, Cooperative Music
www.themaccabees.co.uk
www.myspace.com/themaccabees



TYCHO – Dive


— Veröffentlich am 19. Januar 2012 von Fred


Tycho ist das Projekt des amerikanischen Grafikdesigners ISO50, der mit bürgerlichem Namen Scott Hansen heißt. Mit seinem zweiten Album ‘Dive‘ präsentiert er einen Longplayer, der ein faszinierendes Prisma aus verschiedenen Klanglandschaften erzeugt und gekonnt beweist, wie schön die Synergie aus analoger und digitaler Produktion sein kann. Das Ergebnis ist ein Album, das den Anspruch formuliert auch ohne komplexe Rythmusgefüge zu funktionieren, dabei aber seinen Anspruch nicht verliert.

Wie das vorherige Album von Tycho ist auch ‘Dive’ retrofuturistisch geraten und lässt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen. Dabei wird viel Wert auf warme, langatmige Klangcollagen und einen organischen Songaufbau gelegt. Diese Charakteristika der Platte werden auch im Coverdesign aufgegriffen: Eine befremdliche, untergehende Sonne, die in sättigungsarme Rot- und Blautöne getaucht wurde. Und genauso unwirklich wie das Cover, wirkt es auch wenn man in die beinahe isolierende Klangwelt der Platte abtaucht. Krautrockige Sequenzen a la Can wechseln sich mit New Age Ambient ab und immer wieder werden Klangbilder gemalt, die zum schwelgen in der eigenen Gedankenwelt anregen. Schon der Opener ‘A Walk‘ macht mit schleppendem Beat, warmen Flächen und einem tiefen, aber leisen, Bass klar, wohin die Reise geht. Im weiteren Verlauf öffnet sich der Track und gewinnt an Dynamik, jedoch sind die Veränderungen immer im kleinen zu finden, große Umbrüche oder Überraschungen sucht man hier vergebens. Auch das sinnhaft betitelte ‘Daydream‘ lädt mit seiner melancholischen Akustikgitarre und dem trägen Rumpelbeat zum gedanklichen Abheben ein. Bevor man komplett in den Schwebezustand übergeht, brennen die flirrenden Synthesizer in ‘Coastal Brake‘ den Himmel schwarz, verdichten sich und verdrehen dem Hörer dabei den Kopf. Hier wird auch kurzzeitig ein wenig mehr Tempo aufgenommen und gefrickelt was das Zeug hält, doch insgesamt ist ‘Dive’ ein eher gemächlich-ruhiges Tempo vorbehalten.

An jeder Ecke findet man hypnotisierende Loop-Passagen, die immer wieder leicht leiern und mit ihrer unaufdringlichen Art ein enorme Lässigkeit ausstrahlen. Und genau hier liegt auch die größte Stärke der Platte: Tycho hat es auf ‘Dive’ geschafft, die für Electronica sonst typischen Beatspielereien im Hintergrund zu platzieren und sich komplett auf seine wunderbar-unspektakulären, dabei aber ungemein eingängigen Melodien zu verlassen. Reduzierung bei stetiger Bewegung lautet das Prinzip und so liefert Tycho einen wunderbaren Sound, der an Tage und Nächte an der Küste erinnert. Sobald man sich den Kopfhörer aufsetzt wird man in Tychos einzigartige Klangwelt entführt, in der sich der Verkehr in Zeitlupe den Highway entlang loopt und Bewegung und Stillstand sich nicht ausschliessen.

Tycho – Dive
VÖ: 11. November 2011, Ghostly International
http://tychomusic.com
http://www.myspace.com/tycho