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Veröffentlicht am 20.06.2012 | von Dominik

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ALLIE – Interview

Im Schlepptau von Kraków Loves Adana, besuchte uns Allie im April als Support für ein intimes Wohnzimmerkonzert, um kurze Zeit später auf eigene Tour zu gehen und ein weiteres Mal einen Stop bei uns in Darmstadt einzulegen. Zwei Alben hat der Wahl-Berliner schon veröffentlicht, trotzdem kam er bisher mit relativ wenigen lästigen Interview-Terminen aus, was sich nun geändert hat, wollte wir doch mehr über den Musiker, seine Musik und seinen Werdegang wissen – Allie im Bedroomdisco Interview!

1.) Steckbrief:

– Name: Allie
– Bandmitglieder: Florian
– Gründungsjahr: 2007-2009
– Standort: Berlin
– aktuelles Album: New friends (2011)

2.) Fragenkatalog:

– Wie hast du angefangen Musik zu machen, was gab den Ausschlag?

Als ich 16 war, habe ich zusammen mit meinem Bruder angefangen, ein Instrument zu lernen. Da hatten wir schon seit 4 Jahren eine Band zusammen mit ein paar Freunden, aber nur einer von denen konnte ein Instrument spielen. Ich habe dann mit E-Gitarre und mein Bruder mit Bass angefangen und wir haben dann zu dritt weitergemacht, sind aufgetreten und haben einen Album aufgenommen. Ich glaube der ursprüngliche Grund war Langeweile in der Kleinstadt, wie bei vielen.

– Welche musikalischen Einflüsse hast du?
Viel zu viele um sie hier alle aufzuzählen. Ich habe einige Freunde, die Musik machen, mit denen ich mich austausche, die ich als meine größten musikalischen Einflüsse sehen würde: Pjtr Kaufmann, Cyan kid und Easter. Dazu kommt alle Musik die ich den ganzen Tag höre, in letzter Zeit viel Hip Hop: J Dilla, Madlib, Shabazz Palaces,…

– In welcher Situation kamst du auf den Namen ‚Allie‘, welche Bedeutung hat er für dich?
Ich wollte mal ein Lied über eine Person machen, deren Name mit L anfängt und den ich deshalb Elli nennen wollte. Der Song ist nie zustande gekommen, stattdessen hab ich mich selber so genannt. Er hatte da keine besondere Bedeutung für mich, ich wollte eher irgendeinen Namen nehmen, den ich gerne ausspreche und der dann im Laufe der Zeit für mich einen Bedeutung bekommt.

– Wir haben gehört, dass du vor ‚Allie‘ in einer Rockband gespielt hast – wie kam es zur plötzlichen Änderung in deinem Sound/zur Neuorientierung?
Hauptsächlich weil ich nach der Schule weit weg nach Berlin gegangen bin und es auf Dauer schwierig wurde, sich zum Proben zu treffen. Ich bin in eine sehr hellhörige Wohnung gezogen, wo ich nicht mehr E-Gitarre spielen konnte, und habe mir deshalb eine Akustikgitarre geliehen, angefangen dazu zu singen…das hat sich so über ein Jahr entwickelt, bis ich mich mit meiner Stimme anfreunden konnte und langsam Solo-Songs fertig wurden.

– Gleichzeitig sollst du auch nach Berlin gezogen sein – aus welchem Grund bist du nach Berlin gezogen bzw. hatte die Stadt auch Einfluss auf deinen Sound?
Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich da schon immer hin wollte. Meine Familie kommt ursprünglich aus der Nähe von Berlin, deshalb bin ich hier verwurzelt und schon immer oft hergefahren. Ich dachte ich bleibe nur für ein Jahr, aber ich glaube das ist bei den meisten so. Jetzt sind es schon fünf.

– Wie kam es dazu, dass du professionell Musik machst und zwei Platten veröffentlicht hast?
Wenn ich Songs fertig mache, will ich die auch möglichst veröffentlichen in irgendeiner Form. Als ich also genug Songs alleine geschrieben hatte, hat sich ein Album aufgedrängt. Professionell? Mh, Veröffentlichung klingt vielleicht ‚professioneller‘ als es ist. Am Anfang hieß veröffentlichen einfach, die mp3s irgendwo hochzuladen und den Freunden Bescheid zu sagen, dass es was neues zu hören gibt.

– Wie arbeitest du normal an deinen Songs?

Es fängt meistens damit an, dass beim Rumgespiele auf der Gitarre irgendwas gut klingt oder Spaß macht zu spielen ist, weil die Bewegung der Finger mir gefällt. Danach kommt oft ziemlich schnell eine Idee für eine Gesangsmelodie dazu. Parallel sammle ich ständig Wörter oder Ausdrücke, die mir vom Klang her gefallen. Ich gucke dann, welche davon zu der Gesangsmelodie passen und welches ‚Thema‘ oder so der Song haben könnte.

– Was inspiriert dich zu den Lyrics? In welchen Situationen schreibst du an Songs?
Der Klang der Wörter. Es sind auch oft falsch herausgehörte Songtexte von Liedern, die ich höre. Wenn ich irgendeine coole Zeile in einem Lied höre, gucke ich im Internet nach, was da gesungen wurde, und hoffe, dass es nicht das war, was ich dachte was es ist, damit ich es benutzen kann. Manchmal benutze ich es aber auch trotzdem, wenn es nicht zu originell ist, sondern einfach nur etwas, auf das ich in dem Moment nicht gekommen wäre.

– Wie, wo und wie lange fand die Produktion von ‚New friends‘ statt? Was war der beste, was der schlimmste Moment während der Aufnahme? Was ist die meist erzählteste Anekdote? Bzw. wie kamt ihr zum Alben-Titel?
7 Fragen auf einmal, hehe. Ich habe mit der Produktion angefangen als ich Anfang 2011 nach 6 Monaten in New York wieder in Berlin angekommen bin. In der Zeit in New York habe ich kaum Songs schreiben können, ich weiß nicht genau wieso, es war wie eine Blockade. In Berlin hat sich das wieder gelöst, also glaube ich, das zu merken war der schönste Moment. Ich habe es dann zu Hause mit einem Handy-Recorder nach und nach aufgenommen. Die meisterzählteste Anekdote ist vielleicht, wie ich zum Mischen eine zeitlang jeden Tag mit dem Fahrrad zum Fluma Studio und abends wieder zurück gefahren bin und mich gefühlt habe, als hätte ich einen normalen Job. Teilweise hat mir Cyan kid aus Berlin bei der Produktion geholfen.

Ich glaube das schlimmste ist für mich immer, die winzigen Feinheiten am Ende auszubessern und die Songs 1000 Mal hören zu müssen, bis ich zufrieden bin. Da hört dann der Spaß an der Sache auf, aber ich habe das Gefühl dass es nötig ist, um das fertige Album auch mit Stolz präsentieren zu können.

Zum Albumtitel: ich fand es interessant, dass er zuerst positiv klingt, aber gleichzeitig auch immer alte Freunde beinhaltet, die vielleicht verlassen werden. Und zum einen (aus der Sicht der alten Freunde) ob sie die neuen Freunde als Seite-wechseln sehen oder als Weiterentwicklung, was aber nur subjektiv gesehen werden kann und objektiv ist es eigentlich immer beides. Und dieser ganze Konflikt zwischen Seite-wechseln und Weiterentwicklung beinhaltet für mich auch Distanzieren und sich Annähern, Loslassen usw., wovon viele oder alle der Songtexte eigentlich handeln, wenn man sie auf einen Nenner bringen will. Deswegen wollte ich das Album auch erst ‚New friends in old friends‘ eyes‘ nennen aber das war mir dann zu tricky und lang. Die Songtitel sind ja immer nur höchstens 3 Wörter und das hätte sich dann zu stark abgesetzt, hatte ich das Gefühl, aber inhaltlich trifft es das eigentlich genau. Außerdem ist ein Thema des Albums auch Rausgehen, also nicht im positiven Sinne wie ‚mal rausgehen an die frische Luft‘ sondern New friends bedeutet ja erstmal nur eine neue Umgebung, neue Einflüsse usw. – und nicht unbedingt gute, sondern erstmal nur andere als vorher. Mein erstes Album ‚Mimi king‘ vermittelte für mich größtenteils die Stimmung, dass jemand im Zimmer sitzt und vor sich hinspielt und auch nur für sich spielt. Das Album jetzt ist eher distanzierter und bewusster und anders (new), aber immernoch persönlich (friends). Und das beides zusammenzubringen war eigentlich im Nachhinein der ganze Versuch des Albums.

– Gab es einen Unterschiede bei der Produktion von deinem Debütalbum zu ‚New friends‘?

Ja. Mein Debütalbum betrachte ich eher als Sammlung von Songs, die ich innerhalb von drei Jahren solo geschrieben habe. New friends war von Anfang an als Album ausgelegt und deshalb vom Sound auch mehr eine Einheit.

– Du hast deine bisherigen Alben selbst produziert – woher hattest du das Wissen dafür?
Ich habe sie nicht alleine produziert, sondern immer mit Hilfe von Freunden, hauptsächlich von Cyan kid aus Berlin. Ich habe keine große Ahnung davon, und insoweit ich es selber produziere ist es viel an Reglern rumprobieren, bis es cool klingt – ohne wirklich zu wissen was man macht.

– ‚Body Poetry‘ ist einer unserer Lieblingssong auf dem Album – kannst du erzählen worum es darin geht, wie der Song entstand bzw. ob es eine Geschichte dazu gibt?
Die meisten der Gedanken zu meinen eigenen Songtexten kommen eigentlich, nachdem sie schon fertig sind. Es macht mir manchmal Spaß, sie selber im Nachhinein zu interpretieren. Als ich den Text zu Body poetry geschrieben habe, hatte ich eher diese sehr konkreten Ideen, die ich mochte, wie z.B. „coffee“ auf „candy“ zu reimen usw. Wenn ich den Text im Nachhinein anschaue, könnte das Thema des Songs vielleicht das Verhältnis zum eigenen Körper sein, wie man ihn abgetrennt vom eigenen ‚Geist‘ oder so sieht, wie man ihn behandelt und vor allem wie man ihn angeblich behandeln soll, wie man mit diesen Regeln umgeht usw.

Der Song ist in zwei Teile geteilt: der erste war für mich immer eher der ’naive‘ Teil, der dann auf einmal wie in einem Loop auf einem Akkord stehen bleibt und sich in so eine Art Tanzsong entwickelt. Und nachdem im ersten Teil von Safari und Strand und Sonne die Rede war, erzeugt dieser plötzliche Loop für mich so ein Gefühl, ein bisschen zu lang in der Sonne gewesen zu sein. Wie ein Schwindelgefühl, alles wird verschwommen oder dreht sich. Als Teenager ist es mir einmal passiert, dass ich mich wirklich krank gefühlt habe, weil ich zu lange in der Sonne war, und zusätzlich zum Kranksein fand ich es irgendwie beängstigend, dass dieses Gefühl von der Sonne kommt. Schwer zu erklären.

Ich mag diese plötzlichen, unerwarteten Wechsel mitten im Lied, die den Hörer in den Song reinziehen. Dann wird es für einen kurzen Moment schwer, das Lied von Außen zu beobachten oder genau zu sagen, wie es überhaupt angefangen hat und sich so entwickeln konnte.

Zum Titel: ich hatte die Idee (oder habe es irgendwo gehört, weiß nicht mehr), Tanzen als so eine Art Poesie der Körpersprache zu sehen, und dachte das passt gut zu dem Song. Ich mochte außerdem, dass Body poetry wie eine Art Genre klingt. Ich würde meine Texte nicht als poetisch bezeichen, aber ich fand es lustig, Verse wie „I heard something in the coffee is as bad as eating candy“ als Poesie über den Körper zu verkaufen.

– Du bist aktuell für Aufnahmen in den Clouds Hill Studios in Hamburg – wie kam es dazu, woran arbeitest du gerade und was kannst du uns über die neuen Songs/ein neues Album erzählen?
Tina von der Hamburger Band The Building hat im letzten Herbst ein Konzert für mich in Hamburg veranstaltet und mich auf Clouds Hill aufmerksam gemacht. Ich habe dann einfach eine Mail an den Chef dort (Johann Scheerer) geschrieben und zu meiner Überraschung war er sofort sehr interessiert und offen dafür, mit einem völlig unbekannten Künstler wie mir zu arbeiten. Nach längerem Hin- und Herüberlegen haben wir dann beschlossen, erstmal zwei neue Songs aufzunehmen und die im August und September auf Clouds Hill Ltd. zu veröffentlichen, wahrscheinlich als 7-inch-Singles.

– Du hast auch einige NY-Auftritte in deiner Biographie, wie kam es dazu, wie liefen diese ab?
Wie gesagt habe ich da mal ein halbes Jahr gewohnt, deshalb war es für mich logisch, in der Zeit auch mal da aufzutreten. Genauer gesagt gehörten die zwei Auftritte in Manhattan zu meinen ersten Solo-Auftritte überhaupt. Ich hatte dann noch ein Konzert in Woodstock bei Freunden. Zurück in Deutschland habe ich erst angefangen, mich intensiv um Auftritte zu bemühen.

– Was sind deine nächsten Pläne?
Ich bin gerade auf Tour durch Deutschland über Genf nach Paris. Danach werde ich anfangen, die Songs fürs neue Album fertig zu machen und wohl eine zeitlang weniger live spielen. Im Oktober gehe ich dann wieder ins Studio und nehme das Album auf.

– Was machst du, wenn du nicht gerade Musik machst?
Musik hören größtenteils. Filme gucken. Fußball spielen.

– Das hast du 2011 gelernt?
Dass ich erstmal nicht das machen will, wofür ich studiert habe, sondern Musik.

– Deine Top 3 Alben aus 2012 bisher? Warum?
Ehrlich gesagt kenne ich fast nichts, das 2012 rausgekommen ist. Die neue Single von Animal Collective gefällt mir sehr, wie alles, was die machen. Visions von Grimes finde ich auch ganz gut. Das neue Beach House Album habe ich noch nicht gehört, kann aber schon sagen, dass ich es mögen werde.

– Welcher Song passt zu deiner aktuellen Stimmung?
Busta Rhymes feat. Mariah Carey – I know what you want (Cyan Remix)

– Welcher Song bringt dich jedes Mal wieder zum Tanzen?

Frog Eyes – „Stockades“

– Wie würde deine persönliche ‚Bedroomdisco‘ aussehen?
Das Schlafzimmer von meinem Mitbewohner ist eine Disco namens Roxy. Genau so.

– Wer hat den Fragenkatalog ausgefüllt?
Ich.

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Über den Autor

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!



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