Kritik

Veröffentlicht am 6.02.2014 | von Sebastian Ladwig

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Kinotipp der Woche & Filmkritik: DALLAS BUYERS CLUB

Rog: Who the hell’s Rock Hudson?
Clint: He’s an actor, dumbass. Haven’t you seen North By Northwest? 

(Dallas Buyers Club)

Ein Film über einen sterbenden AIDS-Kranken, der sich gegen das gesamte amerikanische Gesundheitssystem auflehnt. Der Academy muss schon beim Lesen der Inhaltsangabe das Wasser im Mund zusammengelaufen sein. Wie gemacht scheint ‚Dallas Buyers Club‚ für die Verleihung der kleinen, nackten, goldenen Männer, deren Veranstalter nichts so sehr lieben, wie menschliche Dramen und die ganz großen Gefühle. Am besten durchlebt der Hauptdarsteller für den Dreh enorme körperliche Strapazen (Matthew McConaughey verlor für die Rolle des Ron Woodroof 24 Kilo) und das Drehbuch beruht auf einer wahren Begebenheit (den Buyers Club und Woodroof gab es wirklich). Vielleicht ist es die Versicherung an den Zuschauer, dass die eigene Biografie nicht die beschissenst mögliche ist, die diese Filme so beliebt macht. Und doch würde man ‚Dallas Buyers Club‘ großes Unrecht antun, steckte man ihn in eine Schublade mit all den anmaßenden Schmonzetten über behinderte Laufwunder und Black Jack spielende Asperger-Patienten, den rassistischen Helfergeschichten und weichgespülten Dramen über Depressive, die sich nur mal wieder verlieben müssen. Filme, die inflationär als „mutig“ bezeichnet werden.

Ein Grund dafür, dass ‚Dallas Buyers Club‘ so vieles anders und besser macht, ist die unwiderstehliche Darstellung des Ron Woodroof durch Matthew McConaughey. Der mittlerweile 45-jährige ist endlich bei den großen Rollen angekommen, die ihm zustehen. Abseits der romantischen Liebeskomödie und der Reduzierung auf sein blendendes Aussehen. ‚Killer Joe‚, ‚Magic Mike‚ und ‚The Wolf Of Wall Street‚ waren Paukenschläge, die frühere Kritiker langsam aber sicher verstummen lassen. Und nun wird ‚Dallas Buyers Club‘, ein Film, der so sehr von Körperlichkeit bestimmt ist, dafür sorgen, dass man McConaughey als den Mann hinter dem Sixpack wahrnimmt. Als einen Schauspieler, der mit seinem genuschelten texanischen Akzent mehr transportieren kann, als die meisten der versehentlich für Charakterdarsteller gehaltenen Emotionslegastheniker in Hollywood zusammen.

Dallas 1985. Der Elektriker und Rodeofan Ron Woodroof lebt das, was man euphemistisch ein exzessives Leben nennen könnte. Er säuft und kokst, schläft mit Prostituierten, wettet Geld beim Bullenreiten und entspricht in seinem rassistischen und homphoben Blick auf die Welt dem klassischen Rollenmodell des Rednecks. Nach einem Arbeitsunfall landet er im Krankenhaus und im Zuge eines Routineblutchecks konfrontieren ihn die Ärzte mit der Diagnose HIV und einer Lebenserwartung von 30 Tagen.

Die Geschichte, die auf diesen ersten Akt folgt, klingt niedergeschrieben so kitschig, dass an dieser Stelle darauf verzichtet sei. Denn sie funktioniert. Und wie. Dies liegt zum einen an Craig Borten und Melisa Wallacks pointiertem Drehbuch, das das amerikanische Gesundheitssystem und die ihm unterworfenen Ärzte und Patienten genauestens analysiert, in all der Ernsthaftigkeit aber auch immer wieder einen launigen Kommentar auf die Gegenwart parat hat. Die Dialoge sind rasiermesserscharf und die Schauspieler, denen sie in den Mund gelegt werden, allesamt großartig. Der eigentlich unsägliche Jared Leto spielt die streetsmarte Transsexuelle Rayon mit einer solchen Wucht, dass man ihm schon fast 30 Seconds to Mars vergeben will. Denis OʻHare, unter anderem bekannt als psychopathischer Vampir aus ‚True Blood‚, gibt den Gott in Weiß, der mächtigeren Göttern in Grau unterworfen ist. Jennifer Garner meistert die undankbare Aufgabe, dem einzigen etwas zu eindimensional geratenen Charakter der idealistischen Ärztin so etwas wie Tiefe zu geben. Und Steve Zahn, der dauerschnurrbärtige Sidekick McConaugheys aus ‚Sahara‚, einem Film, der exemplarisch für die Niederungen dessen früherer Karriere steht, spielt den Polizisten Tucker so herrlich melancholisch und deplatziert, dass man ihn unbedingt einmal in einer Hauptrolle sehen will.

Am Ende ist ‚Dallas Buyers Club‘ weniger ein Film über HIV und die Auflehnung des Einzelnen gegen ein mafiöses Pharmasystem. Es ist ein Film über einen Redneck mit Schwulenseuche, der nur durch die Krankheit eine Chance auf ein reflektiertes Leben hat. Ein Leben, das es wert war, gelebt zu werden. Und eine solche Geschichte zu erzählen, das zeugt wahrhaftig von Mut.

Dallas Buyers Club (USA 2013)
Regie: Jean-Marc Vallée
Darsteller: Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto
Kinostart: 06.02.2014, Focus Features

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