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Veröffentlicht am 22.04.2016 | von Teresa

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ME AND MY DRUMMER – Interview

Im Februar haben Me And My Drummer ihr langersehntes Album ‚Love Is A Fridge‚ herausgebracht. Kurz vor Beginn der Tour hatte das Duo allerdings mit einigen Schicksalsschlägen zu kämpfen. Warum wir fast vier Jahre auf ihr zweites Studioalbum warten mussten, was man von einem gebrochenen Fuß alles lernen kann und was es mit dem Albumtitel auf sich hat, haben wir vor ihrem Konzert im Fluxbau in Erfahrung gebracht.

MeAndMyDrummer_©stweicken

Bei euch war ja in letzter Zeit ziemlich der Wurm drin, wurde euer Studio auf einem alten Indianerfriedhof gebaut oder was war da los?
Charlotte: Das ist eine coole Formulierung, stell dir vor unter unserem Proberaum! Man kriegt schon ein bisschen Angst wenn so viel schief geht. Andererseits ist schief gehen ja auch ne Definitionssache, am Anfang ging ja gar nichts schief, im Gegenteil. Wir waren total euphorisiert von der Kampagne fürs erste Album, die hat ja super geklappt. Wir haben ganz viele Konzerte gespielt und als das dann abebbte wurde uns klar, dass wir ja auch ein zweites Album machen müssen. Dann haben wir gesagt, los geht’s und unsere Sachen gepackt und uns Inspiration gesucht. Wir waren in NRW auf dem Land, in Görlitz,…
Matze: Ja wir haben viel die Orte gewechselt auch in Berlin. Dann haben wir ziemlich viele Produzenten ausprobiert und einzelne Testsongs aufgenommen, um zu gucken ob die Zusammenarbeit cool ist. Bis man dann mal anfing aufzunehmen ist ne ziemlich lange Zeit vergangen. Dann hat das Aufnehmen nochmal sehr lange gedauert und dann war das Album vor fast genau einem Jahr fertig. Dann standen ein paar Konzerte an und dann hat Charlotte sich den Fuss gebrochen. Da waren wir aber eigentlich auf einem guten Weg.
Charlotte: Davor– das darf man ja nicht auslassen– haben wir 2014 schon ein Album aufgenommen das wir dann fast komplett in die Tonne gekloppt haben. Davon sind dreieinhalb Songs übrig geblieben und den Rest haben wir komplett in einer Studio Session mit Olaf Opal, die eigentlich nur ne Mixing Session hätte sein sollen, aufgenommen. Das Album ist de facto heute vor einem Jahr entstanden.

Welche Songs sind denn nicht in der Tonne gelandet?
Charlotte: Also wir mussten auch an den Songs noch viel herumschleifen aber das waren ‚Blue Splinter View‘, ‚Grown Up Shape‘, ‚Pentonville Road‘ und ‚Prague I‘. Also eigentlich starke Songs. Das ist ein wahnsinnig spannender Lehrgang gewesen. Wie macht man das eigentlich, wie weit kann man sich künstlerisch vorwagen, was funktioniert und wie geht das: einen Song aufnehmen. Wie geht man mit so einer riesigen Latte von Spuren um und wie stellt man das her, dass der Zuhörer sich so und so fühlt? Das ganze Handwerk hinter so einer Stimmung, die ein Song erzeugen soll. Dass haben wir jetzt in diesem langen Prozess über die Jahre immer mehr gelernt. Seitdem machen wir auch im Proberaum ganz anders Musik und schmeißen uns viel selbstverständlicher die Bälle zu. Es war wie eine Ausbildung.

Was geht einem durch den Kopf wenn man ein ganzes Album verwirft?
Charlotte: Ich glaube Matze hat mehr Probleme bei der Entscheidung.
Matze: Ja ich musste mich schon ein bisschen von Charlotte überzeugen lassen. Das war schon ziemlich konfliktgeladen aber es hat sich gelohnt. Es war einfach nicht gut genug und dann muss man halt weitersuchen. Wir haben dann versucht zu zweit weiter zu mache und das Album fertig zu machen, aber das hat nicht ausgereicht.

Dann kam Olaf ins Spiel. Was hat euch an der Zusammenarbeit überzeugt?
Matze: Vor allem die Erfahrung, Olaf hatte so eine Situation mit Bands schon öfter. Er erzählt auch immer von The Notwist, dass die auch versucht haben ihr Album selbst zu produzieren und am Ende nochmal Hilfe gebraucht haben. Wir kannten Olaf schon länger und er hat uns so eine Sicherheit vermittelt und uns Selbstbewusstsein gegeben. Wir waren eben auch ziemlich angekratzt nach dieser ewig langen Phase, wo man nicht fertig wurde.

Das wäre ja auch eine Situation gewesen in der andere Band sich vielleicht getrennt hätten.
Charlotte: Es gab zwischendurch auf jeden Fall einen Zeitpunkt. Wenn man komplett pleite ist, das Album immer noch nicht fertig, man kein Geld mehr hat um daran weiter zu arbeiten und du es nicht geschafft hast mit deiner Zeit und deinem Geld fertig zu werden. Das ist wahrscheinlich ein Punk an den jeder kommt, der selbst erschafft. Besonders wenn man nicht alleine am Laptop aufnimmt sondern wie wir im Studio mit akustischen Signalen arbeitet. Ich kenne das von vielen befreundeten Musikern. Denn beim ersten Album wird man irgendwie getestet, dein System wird getestet. Das Schicksal hat mir einfach den Fuss zerhauen, so dass ich letzten Sommer komplett auf der Couch lag. Matze ist echt der allerbeste Mensch, das hat schon fast buddhistische Ausmaße, was er so alles erwirkt! Er kümmert sich ja um den ganzen organisatorischen Kram und ist derjenige der mit Menschen geschäftlich kommunizieren muss. Er ist genau in diesem Auge des Orkans zwischen Künstler sein, Bandmitglied sein, mein Kumpel sein und dadurch auch mein Beschützer und professionell solche Rückschläge zu kommunizieren. Ich hab da auch oft gelacht muss ich sagen. Ich dachte so, dass ist ein komischer Film in dem wir hier sind aber wenn’s weiter nichts ist, warten wir mal ab.

Somit hat es ja tatsächlich fast 4 Jahre bis zum zweiten Album gebraucht. Zurecht?
Charlotte: Ohne den einen oder anderen Unglücksfall hätten wir das auch in 2 ½ Jahren schaffen können, oder wenn wir früher mit Olaf gearbeitet hätten aber hätte, hätte… jetzt ist es wie es ist.
Matze:Ich glaube das kann viel schneller gehen, natürlich. Man muss aber auch immer damit rechnen, dass es sein kann, dass man wieder mal so lange brauchen wird, weil in so einem Prozess immer unvorhergesehene Dinge passieren.

Nachdem euch so viele Steine in den Weg gefallen sind: war es Fluch oder Segen?
Charlotte: Also ich kann jetzt gar nicht mehr an sowas wie Fluch und Segen glauben. Man wird einfach live und in Farbe mitgeschüttelt vom Leben und merkt, dass man nichts besonderes ist. Jedem kann immer alles passieren und so ne Art von Glückskindarroganz wird völlig zerhackt. Es gibt ja Leute die immer sagen „Du hast ne Schutzengel“ oder „Uns passiert schon nichts!“ aber da ist überhaupt nichts gesagt. Das Wort ist vielleicht ein bisschen groß gegriffen aber ich bin jetzt schon dankbarer für alles was klappt und ein bisschen demütiger. Auch an so Abenden wie heute, wo der Fluxbau komplett voll wird, weil die Leute uns sehen wollen oder die erste große Berlin Show ausverkauft ist. Man denkt, ihr seid so da draußen und habt Bock uns zu sehen – dann ist alles gut! Wenn keiner Bock mehr auf die Sache hätte, würde es ja gar keinen Sinn machen die Band noch zu haben aber solche Sachen balsamieren uns komplett.

„Love is a Fridge“, das kann man ironisch aber auch zynisch deuten.
Charlotte: Der Titel des Albums ist quasi wie ein Rorschachtest, es geht darum was du darin siehst. Wenn du darin was zynisches siehst sagt das etwas über dich aus. Das hat mir an dem Titel extrem gut gefallen. Ich hab meine persönlichen Gründe warum das Ding so heißt, aber ich hab auch persönliche Gründe für alle meine Lyriks und finde es extrem toll, wenn die Musik beim Hörer reift. Das einem beim Hören immer wieder andere Songzeilen auffallen und kleine Bomben im Kopf platzen lassen. Dieses Gefühl finde ich ganz wichtig und möchte das beim Songwriting erzeugen. Das sollte eben auch im Albumtitel statt finden.

Meine absolute Lieblingszeile ist ja „You’re the carrot and I’m the rabbits nose“.
Charlotte: Das ist tatsächlich eine deutsche Redensart. Eine gute Freundin von mir ist Kat Frankie und die sagt immer: “Never explain your lyrics, cause art is what happens between the artist and the audience!“ Aber es geht hier natürlich um das Gefühl immer gelockt zu werden und niemals ans Ziel zu kommen. Quasi wie eine Fata Morgana nur wäre Fata Morgana pathetisch gewesen und mir hat das Bild von dem Kaninchen und der Möhre so viel besser gefallen.

Ich hab gelesen euer neues Album würde so international klingen, was denkt ihr darüber?
Charlotte: Das wurde über unser erstes Album auch schon gesagt. Diese journalistische Denke der Schubladen und der Kategorisierung von Musik, die aus Deutschland kommt ist eigentlich das Problem finde ich. Das ist so verkopfte Kacke. Entweder man sagt mal „Scheißegal woher diese blöde Band herkommt“, denn das ist einfach unerheblich woher Bands kommen. Wir waren auf der Talinn Music Week und da war eine Band unter deren Name stand Germany und das waren 5 süße Israelis, die in Berlin leben.
Matze: Hätte aber auch eine deutsche Band sein können, wenn man das jetzt mal so labeln will. Das war relativ krautiger, punkiger Rock. Wenn man jetzt sagt, krautige Musik ist was deutsches dann wären die auch als deutsche Band durchgegangen. Aber das ist ja der Job von denen, die schreiben und unser Job ist es, das dann abzulehnen. Da halten wir uns sozusagen an die Regeln. Wir haben aber keine Definition für deutsche vs. Internationale Musik.
Charlotte: Aber natürlich wollen wir durch unsere Musik auch Türen aufschubsen aus Deutschland rauszukommen und mal die Länder zu besuchen, die angeblich die Trends setzen. Mal gucken ob die mit Wasser kochen, denn das tun die alle. Die sind genau wie wir und diese Kategorien sprengt man am besten, indem man sich in die Konfrontation begibt. Deswegen singen wir englisch und sind hungrig nach anderen Ländern. Ich persönlich besonders nach Folklore aus anderen Ländern, Matze weiß eher was in der Indie-Szene angesagt ist und auch bei Flux FM gespielt werden würde. Ich höre eher so Arabic Beats und das ist vielleicht undeutsch.

Gut, letzte Frage. Wie schafft man es als Band zu funktionieren und noch Zeit zu finden einfach nur befreundet zu sein?
Charlotte: Das ist sehr schwer, das kriegen wir nicht so gut hin. Ich will jetzt auch gar nicht anfangen darüber zu lamentieren was mit Bands momentan so passiert, aber wenn du andauernd das Gefühl hast, du musst dich jeden Tag gegen das Böse entscheiden und dann noch überleben mit dem was du willst, braucht das wahnsinnig viel Energie. Das Songschreiben, Proben und Organisieren braucht aber auch sau viel Energie. Meine Cousine hat gestern gesagt: “Du musst immer drauf gucken, was jemand tut. Aber wie jemand zu dir steht kannst du eins zu eins an seinem Verhalten ablesen.“ Wenn ich das jetzt auf Matze übertragen würde, dann muss ich sagen, das ist einfach eine so tiefe Freundschaft, Loyalität und Liebe, dass ich schön blöd wäre dafür nicht jeden Tag sau Dankbar zu sein. Das allein ist ein so starkes Band das es einfach reicht. Was wir zusammen durchgemacht haben und das wir bereit sind den anderen immer vorne anzustellen, das zeigt einfach wie lieb wir uns haben.

Fotos: ©st.weicken

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