Interviews

Veröffentlicht am 13.12.2017 | von Silvia Silko

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IBEYI – über Abgrenzung

Lisa-Kaindé und Naomi mögen Abgrenzungen – scheinbar am allerliebsten von einander: Weder der Stil noch die Ausstrahlung der einen ähnelt der der anderen. Lisa-Kaindé lacht viel, spricht viel, gestikuliert viel. Naomi hört zu, verzieht dabei selten ihre Miene. Wir unterhalten uns mit den Zwillingen von Ibeyi vor ihrer Show im Berliner Lido.

Trotz der gewollten Gegensätzlichkeit harmonieren Lisa-Kaindé und Naomi ziemlich gut „Wir lieben Harmonien und wenn Stimmen zusammen funktionieren. Die Stimme ist das ursprünglichste Instrument, das wir Menschen haben. Wenn sich Stimmen zusammentun bekomme ich Gänsehaut!“ erzählt Lisa-Kaindé. Dennoch brauchten die Schwestern verhältnismäßig lange, um Einklang zu finden. „Jede von uns hat ihr eigenes Ding gemacht. Wir sind eher nebeneinander aufgewachsen. Erst später haben wir gemerkt, dass das zusammen ganz gut funktioniert.“ erzählt Lisa-Kaindé. In ihrer Kindheit nimmt Musik viel Raum ein, was wenig überraschend ist, wenn man den Hintergrund der Musikerinnen betrachtet: Der Vater der Zwillinge war Anga Diaz, unter anderem Musiker beim Buena Vista Social Club, die Mutter Maya Dagnino ist Künstlerin und Musikerin.

Nach dem plötzlichen Tod des damals 45-jährigen Vaters fangen Lisa-Kaindé und Naomi an, gemeinsam mit dem Instrument ihres Vaters, der Cajón, zu experimentieren und Yoruba-Folklieder zu lernen. „Ich bin Musikerin, das ist meine Identität. Wenn Ibeyi morgen aufhören würde, ich würde weiterhin Musikerin sein.“ versichert Lisa-Kaindé. Naomi sieht sich hingegen eher als Künstlerin – ihr ist der Begriff „Musikerin“ zu eng gefasst. „Ja, du könntest auch Produzentin sein oder eben Beats bauen oder so.“ stimmt Lisa-Kaindé ihrem Zwilling zu.

Im Prinzip tut Naomi das bereits für Ibeyi. Gemeinsam mit Lisa-Kaindés Gesang und Songwriting ergeben sich dichte Stücke, denen man beinahe den fürchterlichen Genrenamen „Weltmusik“ geben möchte – nur in einer entstaubten, wilderen Version. Grund dafür ist das Verflechten sämtlicher Ursprünge, die die Diaz-Schwestern in ihrer DNA tragen: Elemente aus Cuba, Spanien, Frankreich und Yoruba finden sich darin wieder. Jazz, Neo-R’n’B und erhabene Chöre treffen aufeinander. Kollagenartig werden auf Ash Zitate neben Bläser oder Samples drapiert. Im Zentrum stehen die beiden Stimmen der Sängerinnen, der Rhythmus und die Aussage. „Alles muss aus deinem Inneren kommen – von hier!“ Lisa-Kaindé zeigt entschlossen auf ihren Bauch. „Wenn sich hier alles, was du tust und sagst gut anfühlt, dann ist es richtig!“

Ibeys Themen sind die kulturellen Wurzeln, die einiges aushalten mussten durch den Tod des Vaters und der älteren Schwester (2013 starb Yanira Diaz), es geht natürlich um die Gegenwart und ums Frausein. Letzteres scheint ein Thema zu sein, dem sich Künstlerinnen nicht verschließen können. „Nein, du kannst dich verschließen! Du musst nicht über den Feminismus sprechen, wenn du dich dabei nicht wohl fühlst. Du kannst dich entscheiden und alle, die sich entschieden haben, sind Risiken eingegangen. Beyoncé hat sich dafür entschieden – sie hätte das nicht tun brauchen aber es ist wichtig, dass bekannte Namen ihre Möglichkeiten so nutzen.“

Auf ihrem eigenen Album lassen Ibeyi Zitate Frida Kahlos durch die Stimme der Mutter der Zwillinge wieder laut werden, sie sampeln auf No Man Is Big Enough For My Arms Michelle Obamas feministische Rede, sie sprechen davon, was Stärke für sie bedeutet. Mit dieser Haltung sind sie derzeit nicht alleine – Künstlerinnen knüpfen sich ein Netz, dass sie gegenseitig stärkt. So traten Lisa-Kaindé und Naomi in Beyoncés Lemonade-Video auf – sie sitzen dort wie die typische Posse eines schwarzen Hip-Hoppers. „Es geht nicht darum, den Männern nachzuahmen oder so. Wir wollen uns aber abgrenzen davon, dass Frauen und Mädchen im Alltag diskriminiert werden, dass sie teilweise Menschen zweiter Klasse sind.“ Die Abgrenzung sei wichtig, um zu erfahren, wer man selbst ist – als Mensch und als Frau.

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