Interviews no image

Veröffentlicht am 21.11.2018 | von Silvia Silko

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AURORA – Aliens aus Europa

Foto-© Morgan Hill-Murphy

Wesen, die wie vom anderen Stern wirken, kommen nicht aus dem All, sondern aus Skandinavien: Aurora befindet sich in ihrer norwegischen Heimat während sie sich mit uns zum Telefoninterview trifft. Ein Gespräch über Sensibilität, weiche Innenansichten und Obst.

Aurora, heißt aus dem Lateinischen übersetzt „Morgenröte“, ihre Heimat ist Norwegen und sie macht sich eindeutig dazu bereit, Björks Erbe anzutreten. Die visuelle Weirdness mit marionettenhaften Live-Auftritten oder kunstvollen Drahtadern, die im Video zu Running With The Wolves aus Auroras Extremitäten und Rücken wachsen, lassen Vergleiche zur isländischen Großmeisterin jedenfalls zu. Musikalisch bewegt sie sich jedoch in eindeutig gefälligeren Sphären: Aurora macht radiotauglichen Elektro-Pop mit verwunschener Edgyness. Das hat schon beim Debüt All My Demons Greeting Me As A Friend super funktioniert. Jetzt, nur zwei Jahre später, legt sie mit dem zweiten Album nach – viel Pause hat sich Aurora nicht gegönnt. „Ich bin hungrig nach Kreation. Wenn ich Musik mache, fühle ich mich lebendig,“ erklärt sie mit verhuschtem Stimmchen.

Wenn sie ausatmet hört man das in der Telefonleitung. Vermutlich schaut sie gerade mit groß aufgerissenen Augen und anti-intuitiven Bewegungen selbstvergessen aus dem Fenster. So zumindest stellt man sich Aurora stets vor – auch während eines Telefoninterviews. Ihre Aussagen tragen nicht unbedingt dazu bei, diesem Eindruck zu widersprechen. Die sehr seltenen Tage an denen sie frei habe, mache sie gar keine Musik, erklärt sie. „Ich liege dann viel auf dem Boden meiner Wohnung, es herrscht absolute Stille und ich esse viel Obst.“ Nach kurzem Räuspern fügt sie hinzu: „Ich brauche manchmal absolute Stille.“

Ja, man nimmt ihr diese Antworten ab. So sehr sie vermutlich auch zu der Maske „Aurora“ gehören. Ihre zarte Stimme, das unprätentiöse kindliche Lachen zwischen den Antworten und die Zerbrechlichkeit in der Stimme. Ob Image oder echt: Aurora hat den ehrlich staunenden Ausdruck einer Weltfremden, die alles zum ersten Mal erblickt und erlebt perfektioniert. Vielleicht kommt diese Art mit der Welt umzugehen aber auch einfach durch ihre gesteigerte Empfänglichkeit „Wir Künstler sind sensibler als andere Menschen. Unsere Aufgabe ist es, unser Verständnis widerzugeben um auf Dinge aufmerksam zu machen,“ erklärt sie.

Für manche bildet Aurora durch ihre offene Thematisierung aber auch eine Art verständnisvolles Heim: Auf dem Debüt hat sie ihre eigenen, persönlichen Dämonen ganz offen thematisiert – und so ihrer festen Fanbase Mut gemacht, ebenfalls offen mit der eigenen Psyche umzugehen. „Meine Dämonen sind aber derzeit sehr ruhig. Ich finde mehr und mehr zu mir selbst.“ Etwas, das zum Coming Of Age gehört, ist vermutlich genau dieser Prozess. Das Suchen, Finden aber auch Problematisieren des eigenen Selbst. „Meine Fans und ich sind sehr mit unserem Innern verbunden.“

Aurora spricht von ihren Fans, wie von einer eingeschworenen Gemeinschaft. Eine Gruppe, die die Welt eben auch als wunderlichen Ort ansieht, und vermutlich nicht immer ganz versteht, was los ist. „Ich habe mittlerweile sogar gelernt, auch körperliche Nähe zu ihnen zuzulassen. Ich kann meine Fans jetzt umarmen – was diese immer wollten, aber nun ist es auch für mich ok,“ erzählt sie stolz.
Neben dem Ruhigstellen der Dämonen hat das Älterwerden auch musikalisch Früchte getragen: Sie habe auf sich auf ihrem neuen Album noch besser ausleben können, habe mehr Skills gehabt, als noch am Anfang. Das hört man: Infections Of A Different Kind – Step 1 macht genau da weiter, wo Auroras Debüt aufgehört hat. Nur ist die Platte noch ein bisschen gründlicher, ein bisschen aufgeräumter und Aurora und ihre Stimme sind im Zentrum von all dem.

Mit Aurora sprechen ist ein bisschen, wie mit einer Elfe vom anderen Stern zu channeln. Ist Aurora vielleicht wirklich diese Lichtgestalt aus dem hohen Norden oder das glanzvolle Alien vom anderen Stern? Laut Aurora sind wir alle gleich – zumindest von innen. „Mein Song ‚All is soft inside‘ halte ich jetzt in diesem Moment des Gesprächs für einen meiner besten Songs, um einen ersten Eindruck in mein Gesamtwerk zu bekommen. Es ist außerdem ein wichtiger Song: Von innen sind wir alle weich, alle verletzlich und alle schützenswert,“ erklärt sie und wirkt wieder so gedankenverloren. Vermutlich schaut sie gerade wieder in die norwegische Ferne und sehnst sich auf ihren Heimatstern am Horizont.

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