Interviews

Veröffentlicht am 13.02.2019 | von Dominik

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HAUSCHKA – Interview

Foto-© Gregor Hohenberg

Erst kürzlich erschien mit A Different Forest das neuste Album des Oscar-nominierten Komponisten und Piansten Hauschka. Es ist das erste Album bei dem Volker Bertelmann komplett auf Präparationen seines Pianos verzichtet, sowie seine erste Veröffentlichung bei Sony Classic. Wir sprachen im Interview mit dem Mann hinter dem Klavier über Natur, Komposition, Konzept und seine Live-Shows!

2018 scheint ein sehr arbeitsreiches und inspirierendes Jahr gewesen zu sein, wenn man sich anschaut, dass fünf Soundtrack-Alben von Hauschka erschienen sind und auch das neue Hauschka Album im gleichen Jahr entstanden ist. Musstest du daher zwischendurch immer mal wieder in die Natur zum Abschalten?
Ja, ich fahre öfter zum abschalten ins Siegerland, wo ich gross geworden bin. Da ist das Gefühl für Zeit ein anderes und ich kann wandern. Im Winter gibt es oft Schnee und ich kann dort Schlitten und Skifahren.

Welche Rolle spielt Natur allgemein in deinem Leben? Welche Rolle spielt sie für deine Musik & Inspiration?
Ich würde sagen, sie spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben aber in erster Linie als Rückzugsraum oder als natürlicher Raum, in dem das Tempo aus dem Alltag genommen wird. Als Inspiration für direkte Kompositionen dient sie eigentlich nicht. Sie gibt mir aber oft die Möglichkeit aus dem Stadtleben abzutauchen und wie ein Reset mich vorzubereiten auf neue Aufgaben. Sie macht mir Lust auf Neues.

Für Abandoned City hast du dich von Geisterstädten inspirieren lassen, für A Different Forest dient die Natur als Inspiration – wirst du eher von deiner Umgebung und von Atmosphäre inspiriert als von Erlebnissen und Menschen? Würdest du sagen, dass das gegebenenfalls insgesamt eher eine Gegebenheit der klassischen Musik ist?
Nein, eigentlich werde ich von Erlebnissen und Menschen genauso inspiriert…ich glaube die Inspiration von Begegnungen mit Menschen ist vielleicht die Größte, aber auch die Komplexeste, da sie zu vielen neuen Ansätzen und Ideen führt. Ich empfinde die Natur eigentlich wie mein Körper als eine Selbstverständlichkeit des eigenen Seins und muss sagen, dass es mir Sorge bereitet, dass dieser Teil in grosser Gefahr ist. Und ich selbst muss für mich Wege finden mein kleines Leben so aufzustellen, dass ich einen Beitrag zum Erhalt leisten kann. Das ist schwierig und komplex und zeigt mir das eigene Dilemma.

Das inhaltliche Thema von A Different Forest wird in der Bio zum Album auch als Erfahrung des Waldes als Metapher für die Suche nach dem Sinn des Lebens beschrieben – könntest du das noch etwas für uns erklären, was damit gemeint ist?
Ja, das ist etwas kompliziert ausgedrückt aber im weitesten Sinne ist eine längere Wanderung mit Rucksack und Proviant eine Metapher für den Weg als Ziel. Die Natur, wie der Wald oder das Meer helfen mir zum Beispiel ohne einen Anspruch mich einfach in dem Wald oder entlang des Meeres zu bewegen, ohne nach dem Grund zu fragen…meistens sind die einzigen Parameter die Frage wann will ich Zurück kommen oder wo will ich hin. Alles dazwischen ist irgendwie undefiniert und erlaubt diese Zeit frei zu gestalten.

Gleichzeitig ist das Album in zwei Aufnahme-Sessions eher live und Anhand weniger Skizzen, ohne großes Konzept und mit viel Improvisationen entstanden – warum hast du diesen Weg gewählt, welche Vorteile haben sich dadurch ergeben bzw. wie kann man sich diese Art des Komponierens vorstellen? Arbeitest du um gewisse musikalische Themen Improvisationen aus?
Das komponieren besteht aus dem Aufnehmen von Skizzen die ich im Spiel entwickle und die sich mit jeder Wiederholung verdichten.Dabei nehme ich jeden Versuch auf.Wenn ich fertig bin höre ich mir alle Versuche an und entscheide mich dann ob der ganz ausgearbeitete Ansatz der bessere ist oder der etwas rohere Ansatz. So habe ich im Prinzip die Entwicklungsgeschickte eines Stücks aufgezeichnet und habe alle Entscheidungsmöglichkeiten. Insofern arbeite ich die Themen auf aber schreibe sie erst nachher in Noten auf.

Welche Rolle spielen Improvisationen beim Schreiben von klassischer Musik?
Ich kann nicht genau sagen, da ich mich nicht als klassischen Musiker bezeichne. Aber ich glaube , dass Improvisation immer ein Anfang sein kann um Musik zu schaffen, die aus einem entspringt. Meistens ist sie unfertig, aber oft hat die Entscheidung, was man für gut und für einen selbst als wertvoll empfindet eine grosse Bedeutung um authentisch zu sein.

Wenn die Kompositionen von A Different Forest live und anhand von Improvisationen entstanden sind – wie gestaltet sich dann dein Live-Programm zum Album? Musst du dann anhand der Aufnahmen die Songs auswendig lernen, hast du danach Partituren erstellt oder entstehen die Stücke dann live jeweils als komplett neue Songs um gewisse musikalische Themen der Aufnahmen und Songs?
Ein Konzert ist für mich eine ganz eigenständige Kunstform. Die Veröffentlichung einer Platte gibt einem die Möglichkeit ein neues Programm zu gestalten, aber es muss keinenfalls eins zu eins Abbild der Veröffentlichung sein. Aber du hast recht, ich muss die improvisierten Stücke in Noten schreiben und dann lernen. Und da ich eher frei spiele als nach Noten, ist es für mich recht aufwendig meine eigenen Stück zu lernen. Zu a different forest werde ich aber die Stücke recht genau wie auf der Platte spielen und sie mit improvisierten Interludes verbinden. Ich mag wenn meine Konzerte eigentlich ohne Pause zwischen den Stücken auskommen. Ich habe aber auch bei der kommenden Tour Klangobjekte auf der Bühne, die wie Preparationen sind, die nun auf der Bühne anstatt im Klavier sind.

Beim neuen Album verzichtest du komplett auf Präparationen des Pianos und reduzierst den Klang komplett auf das eigentliche Instrument und das wo What If sich gerade als Abgrenzungen zu den gefälligen Melodien bei den zuvor gemachten Filmmusik-Kompositionen eher deinen HipHop-Wurzeln und der Liebe zur Elektronik frönte – warum diese Reduktion, welche Idee steckte dahinter?
Eigentlich verspürte ich in den letzten Jahren mehr und mehr den Wunsch auch ohne Verfremdung Klavier zu spielen und die Musik zu veröffentlichen, die ich ohne Präperationen mache. Die Verfremdung kenne ich und diesmal war ich daran interessiert den reinen Klang in den Mittelpunkt zu stellen.

Ist deine Produktionsweise unterschiedlich, wenn du für Soundtrack-Arbeiten arbeitest oder für deine Musik komponierst? Was fällt dir leichter, was macht dir mehr Spaß?
Es macht mir beides gleich viel Spass und natürlich gibt es einen Unterschied. Meine Alben sind freie Arbeiten, ohne jegliche Einflussnahme von außen, während Filmmusik eine Kollaboration darstellt, mit einem Regisseur und auch Produzenten, die eine Meinung zum Film haben. Aber gerade die Arbeit im Spannungsfeld verschiedener Meinung kann sehr viel Spass machen, solange alle am Ende in die gleiche Richtung wollen. In meinem Fall arbeite ich meistens an Filmen, bei denen die Verantwortlichen meine Musik mögen und ich daher gute Grundvorraussetzungen für eine lebendige Diskussion finde. Es wird immer dann kompliziert wenn man aneinander vorbei kommuniziert.

Deine Soundtrack Arbeit für Lion war für den Oscar nominiert – hat sich seitdem etwas in deinem Leben oder in deiner musikalischen Karriere geändert?
Ja, vieles, denn ich mache mehr und mehr Filmarbeit und liebe es. Dass sich die Arbeit in diese Richtung entwickelt ist nicht selbstverständlich und deshalb empfinde ich es als grosses Glück, eine Nominierung bekommen zu haben.

Die letzten beiden Hauschka-Alben sind beim Indie-Label City Slang erschienen, A Different Forest erscheint nun bei Sony Classical – eine bewusste Entscheidung hin zur klassischen Musik und damit auch zum Sound des neuen Albums oder eher ein Abstecher?
Es ist eine bewusste Entscheidung eine Platte dort rauszubringen, wo sie vielleicht besser aufgehoben ist. Nicht jedes Label kann alles rausbringen und ich habe mich irgendwann gefragt „Wie will ich mit reinen Klavierstücken umgehen?“ Sony erschien mir da das Label zu sein, was irgendwie im Aufbruch ist und neue Wege gehen will, ohne ein Erbe eines 150 jährigen Klassiklabels auf den Schultern zu haben. Ich machen gerade zum ersten Mal wieder eine Erfahrung mit einem Major Label und werde am Ende des Jahres schlauer sein.

Insgesamt scheint die klassische Szene in Deutschland sehr lebhaft und immer wieder neue spannende Acts hervorzubringen, die wie du immer wieder auch aus der „Klassik-Nische“ Wege in andere Szenen und Wahrnehmungen findet. Neben dir sind das zum Beispiel Nils Frahm oder die Grandbrothers – wie erklärst du dir die Häufung und Beliebtheit dieser Szene hierzulande und wie würdest du die Szene beschreiben?
Ich weiss gar nicht ob die oben genannten Acts und ich zur gleichen Szene gehören, aber klar ist, wir alle gehören zu einer Gruppe von Pianisten, die Klaviermusik lieben, aber irgendwie aus der Normalität des Pianisten ausbrechen wollen und nach etwas Neuem suchen. Dass ist grundsätzlich bei Musikern wie den Grandbrothers zu sehen und auch ganz toll. Meine Musik auf a different forest ist vielleicht am nächsten an klassischer Musik von all meinen Alben, denn die hatten meiner Meinung nichts mit klassischer Musik zu tun. Wie auch die Musik von den Grandbrothers. Was wir gemein haben mit klassischer Musik ist die Benutzung des Klaviers…..sonst nicht viel. Ich wollte mit A different Forest mich der klassischen Musik einmal annähern um zu sehen wie weit ich mich wohlfühle.

Was bedeutet Erfolg für dich bzw. wie definierst du ihn für dich?
Erfolg ist für mich, mit dem, was man gerne macht sein Leben bestreiten zu können und eine Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit hinzubekommen.

Was steht bei dir als nächstes an?
Ich veröffentliche die neue Platte. Ich habe die Musik für The Art of Racing in the Rain, Gut gegen Nordwind und The name of the Rose geschrieben und freue mich auf viele andere Filme in diesem Jahr. Und ich arbeite an der Musik für ein Tanzstück…

Was hast du in 2018 gelernt?
Ich habe vieles gelernt. unter anderem wie schwer es ist einen Glasfaser Anschluss in ein deutsches Wohnhaus zu bekommen.

Welches Album hast du dir zuletzt gekauft?
A flame my love, a frequency von Colleen

Wie würde deine Bedroomdisco aussehen?
Viele Kissen, Discokugel und ein gutes paar Kopfhörer

Hauschka Tour:
13.02. Elbphilharmonie, Hamburg – ausverkauft
27.04. Konzerthaus. Berlin
20.05. Mousonturm, Frankfurt
29.05. Ruhrfestspiele, Recklinghausen


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