Interviews

Veröffentlicht am 27.02.2019 | von Silvia Silko

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THE JAPANESE HOUSE – Traumsequenzen


Foto-© Jonas Gödde

Am 1. März veröffentlicht Amber Bain, aka The Japanese House, endlich ihr Debüt-Album Good At Falling. Vor ihrer Show in Berlin treffen wir sie zum Gespräch zwischen Kippenautomat (für den erst noch Kleingeld organisiert werden muss), einem Glas Weißwein und Chipstüten. Die Themen: Freier Fall, tiefer Schlaf und verflossene Liebe.

Ist jetzt keine komplizierte Gehirnleistung, The Japanese House mit Verträumtheit in Verbindung zu bringen. Über vier EPs verwünschte uns Amber Bain, so die Solo-Künstlerin hinter dem Projektnamen, nun schon mit luftigsten Dream-Pop. Ihre Songs haben Namen wie Pools To Bathe In oder Saw You In A Dream und die Plattencover sind gleichzeitig flüchtig und schön – wie die Gefühle, über die Bain singt und die sie damit bei ihren Hörenden weckt.

Die ersten musikalischen Regungen der Wahl-Londonerin gabs 2015, nun erscheint endlich das heiß ersehnte Debüt Good At Falling. Wieder als Produzent mit an Bord: George Daniel, der Drummer von The 1975. Schon seit den zarten Anfängen gab es daher offensichtliche Produktionsparallelen. Jedenfalls wurde The Japanese House selten diskutiert ohne die diesjährigen Brit Award-Abräumer zumindest zu erwähnen. Klar, das mit der sanft-seichten Elektronik, die sich widerstandslos in eingängigen Popsongs auflöst, die locker aufgeschlagenen Melodien, bei denen immer mal Syntie-Elemente untergehoben sind und die Melancholie in den Lyrics – das findet sich durchaus bei Bain und mehr oder weniger gleichermaßen bei den Jungs von The 1975. Allerdings sind das halt auch die Indie-Pop-Zutaten unserer Zeit. Bands wie Lany oder die Pale Waves schlagen erfolgreich in die genau selbe Kerbe. Scheint gerade irgendwie die Zeit der Empfindsamkeit im Glitzeranzug. The Japanese House ist zwar durchaus in genau diesem Kosmos zu finden – aber eigentlich auch wieder so ganz anders. Ihre Kompositionen sind um einiges entschlackter und kommen mit weit weniger 80ies Kitsch aus als ihre musikalischen Peers. Das erklärt sich leicht: An Amber Bain ist alles androgyn – ihr Gesicht, ihre Statur, ihre kornblonden Haare, ihre Stimme – und ihre Musik.

“Eigentlich ging es beim Schreiben noch nicht um Trennung”, erklärt sie, bevor sie an ihrem Weißwein nippt. Der Backstage-Raum der Berghain Kantine ist winzig, kahl, vollgestellt und am Spiegel lehnt eine geöffnete Tüte Billo-Chips vom Lidl. Bains Erscheinung wirkt hier noch luzider als sowieso schon. “Als ich das Album schrieb, waren wir noch zusammen. Es war damals also eher eine Momentaufnahme und vermutlich Gefühle, die sich angestaut haben.”, analysiert sie ihr Debüt. Eine Trennung gab es dann dennoch. Der Entstehungsprozess des Songs Lilo etwa erstreckt sich vom Anfang der Beziehung bis zu dem Zeitpunkt, als es eben schon eine Ex-Freundin gab. Im Video ist Bain neben besagter Frau zu sehen – küssend unter der Dusche und in tiefer Umarmung. Ist natürlich auch eine Art, sich mit einer Trennung auseinanderzusetzen. Man könnte es intensiv nennen – oder auch extrem. “Ich schreibe über alles, was mich bewegt. Ich beschäftige mich mit allem was mich bewegt. Ich kann gar nicht anders.”, erklärt Bain. “Ehrlich gesagt, ist das das Einzige, was ich wirklich kann.” Sie lacht laut über sich selbst. Das mit der Selbstreflexion funktioniert scheinbar tatsächlich ganz gut. So nebenbei beschreibt sie dabei in ihren Texten eine ganze Generation mit schmerzhaft treffenden Lyrics wie: “Searching for the right emoticon to expand my mental lexicon” (Lilo).

“Ich bin eigentlich ziemlich faul. Wenn Leute von dieser selbstoptimierten Jugend reden, frage ich mich immer, wen die meinen.” antwortet Bain auf die Frage, ob das mit dem Songwriting eigentlich viel Arbeit ist. “Musik machen geht bei mir ehrlich gesagt von selbst. Da muss ich nicht viel dran arbeiten.” Sie erzählt, dass ihr Vater immer meint, sie hätte Glück gehabt mit ihrem Talent. Wie passend der Albumtitel da erscheint: Good At Falling – gut in etwas sein, dass eigentlich aus nichts als Passivität besteht. Bain denkt nach: “So habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber stimmt: Passt total.” Sie grinst. Eigentlich spiele der Albumtitel aber darauf an, dass sie einfach gut loslassen könne und sich gedankenverloren mit dem eigenen Innenleben auseinandersetzt. “Deshalb träume ich auch immer so viel.” Und dann erklärt sie einen kruden Traum, den sie erst letzte Nacht hatte: Ein anderer Musiker, der ihr auf Instagram folgt, hätte ihr geschrieben, dass er den Song Follow My Girl nicht mögen würde. Dann sei sie aufgewacht und tatsächlich hatte betreffende Person ihr geschrieben – aber sich positiv zu eben jenem Song geäußert. “Das ist doch verrückt! Weißt du, wie erschrocken ich war? So ein krasser Zufall, mit dem Traum!” Klar – durchaus krass. Oder eben typisch Amber Bain, die mit The Japanese House Musik macht, die immer irgendwo zwischen Realität und Traumsequenzen changiert, die einen weit weg trägt, dahin wo die Morgendämmerung alles ein bisschen verklärt oder die Müdigkeit die Konturen sanfter macht. Schade, dass ihr neues, großartiges Album nur 13 Songs lang ist.


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