Interviews

Veröffentlicht am 15.04.2019 | von Tom Whelan

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FAT WHITE FAMILY – Interview

Foto-© Ben Graville

Das dritte Album Serfs Up! der Fat White Family erscheint dieser Tage und markiert wohl die unerwartetste kreative Kehrtwende der jüngeren Musikgeschichte. Schon nach der Veröffentlichung des zweiten Albums Songs For Our Mothers im Januar 2016 begannen die Brüder Lias und Nathan Saoudi das neue Album zu schreiben. Herausgekommen ist ein Album, das lasziv und persönlich, sympathisch und monumental ist. Es lädt den Zuhörer ein, statt ihn vorsätzlich vor den Kopf zu stoßen. Fat White Family haben mit alten Verhaltensmustern gebrochen und so läutet ihr drittes Album eine neue Ära in der Geschichte der Band ein. Gregorianische Gesänge, Glam Beats, Streicher, raffinierte und üppige Cocktail-Exotika, Electro-Funk und der Spirit von Alan Vega und Afrika Bambaataa inklusive! Genug Zutaten also für ein spannendes Interview – wir sprachen mit Lias Saoudi über Serfs Up und vieles mehr!

Ich möchte mich zunächst bei dir bedanken.
Das ist aber nett. Wofür denn?

Nicht jedes Interview mit einem Musiker beginnt mit dem von Sigmund Freud bekannten Mythos der Vagina dentata. Bei euch schon. Einer eurer Songs heißt so. Warum spielt ihr direkt auf dieses Thema an?
Das ist mir erst so herausgerutscht. Ich musste danach überlegen, was da mit mir passiert ist. Ich kam zu dem Schluss, dass alles mit meiner Angst vor Frauen zu tun hat. Es ist so: Mein Vater stammt aus Algerien und wird wegen seiner nordafrikanischen Herkunft aus westlicher Sicht womöglich als krankhafter Frauenfeind angesehen. Im Laufe meines Lebens wurde ich mir immer mehr dieser möglichen Sichtweise bewusst. Ich entdeckte Verhaltensmuster in mir, die nichts mit denen meiner rein weißen Altersgenossen zu tun haben. Ich wollte mich mit diesem Problem an dieser Stelle genauer befassen, deshalb jetzt dieser Titel. Es handelt sich nicht um billige Provokation, das will ich betonen.

Wo kommt deine Mutter her?
Sie stammt aus einer Bergbaufamilie in Yorkshire in der Nähe von Sheffield. Ich kann mich nicht an einen Moment erinnern, an dem sie und mein Vater zärtlich miteinander umgegangen sind. Es war eine extrem lieblose Ehe. Meine Mutter hat noch einmal neu geheiratet, da war ich 12. Ich weiß noch genau, wie es war, als mein Stiefvater nach Hause kam. Er und meine Mutter umarmten und küssten sich die ganze Zeit. Mich verwirrte das, weil meine richtigen Eltern nie so miteinander umgegangen sind. Ich war mir erst nicht über die Auswirkungen im Klaren. Je älter ich wurde, desto mehr merkte ich, wie der Vater für mich ein Vorbild ist, an dem ich mich naturgemäß orientiere. Nur konnte ich mit der Distanziertheit dieses Vaters gegenüber Frauen nichts anfangen. In meiner Persönlichkeit fehlt dadurch etwas. Das ist kein gutes Gefühl.

Mich erinnert das an Unverständnis gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Im letzten Jahr waren bei uns viele Fußballfans darüber empört, dass sich die in Deutschland geborenen Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die in England aktiv sind, mit Staatspräsident Erdogan fotografieren ließen. Lassen wir die Einschätzung über den Politiker mal beiseite – viele Leute konnten und können die emotionale Verbindung der Spieler zur Türkei nicht verstehen.
Das hängt immer vom Einzelfall ab. Ich nehme mal an, dass es Deutschtürken gibt, die sich auf das Leben in eurem Land voll einlassen, den anderen Teil verdrängen und nicht an dem Politiker interessiert sind. Bei meinem Vater hat so eine Abkopplung nie stattgefunden. Er hat sich für die Einflüsse aus seiner Heimat entschieden. Das Problem in so einer Debatte liegt für mich darin, dass die Nuancen vernachlässigt werden. Es gibt für viele nur das eine oder das andere. Ich selbst merke, dass ich mich in so einem Mittelding befinde. Ich spüre ständig diesen absurden, nie enden wollenden Schwebezustand und dadurch auch diese Beklemmung gegenüber Frauen. Aus diesem Grund finde ich die Beschäftigung mit Freud oder Jung hilfreich. Mich interessiert auch, was Camille Paglia darüber in ,Sexual Personae‘ zu sagen hat, gerade im ersten Abschnitt. Ich will mich nicht ihrem brutalen amazonenhaften Feminismus unterwerfen, kann mit ihm aber immer noch mehr anfangen als mit der zu dogmatischen Sicht auf die Dinge.

Du hast dich für das hedonistische Leben nach westlichem Vorbild entschieden. Du bist Rockmusiker. Zweifelst du das an?
Einerseits bin ich Moslem, andererseits das Kind einer progressiv denkenden, linksliberalen Mutter. Das sind für mich zwei unterschiedliche Pole. Öl und Wasser vertragen sich nicht, sagt man. Klar verstehe und unterstütze ich den Kampf von Frauen, die sich für die Gleichheit der Geschlechter einsetzen. Aber wie passt das zum anderen Teil meines familiären Hintergrunds? Ist das miteinander vereinbar oder führe ich ein Leben, das wegen der doppelten Staatsbürgerschaft immer eine Zerreißprobe darstellt? Ich habe da keine Antwort.

Im Text zu Feet geht einmal um die Attraktion von Weiblichkeit. Am Ende heißt es: „I hope your children wash up bloated on my shore, Caucasian sashimi in a sand nigger storm“. Warum kommt es zu dieser Verschärfung?
Die Zeile, von der du sprichst, hat mit dem Rassismus zu tun, den ich aus Cookstown in Nordirland kenne. Dort habe ich einen Teil meiner Jugend verbracht, wurde ich ständig als sand nigger (in etwa mit Kameltreiber zu übersetzen, d. Verf) oder Paki beschimpft. Man hat mich zusammenschlagen und mich angeekelt bespuckt, weil mein Vater Algerier ist. Das ging Jahre so und führte dazu, dass ich ständig diese Ressentiments spürte. Die Mitgliedschaft in einer Rockband half mir, damit umzugehen. Alles war eigentlich gut. Dann fielen vor ein paar Jahren plötzlich die Herrschaften von Pitchfork über mich her (im Herbst 2017, d. Verf.). Ich hatte mir erlaubt, eine abscheuliche Aussage von Boris Johnson zu kommentieren. Der ehemalige britische Außenminister meinte tatsächlich, man müsse an der libyschen Küste bloß ein paar tote Körper abtransportieren, dann entstehe in Sirte das neue Dubai. Ich schrieb auf Twitter, man müsse bloß die Kadaver der Kameltreiber beseitigen, schon stehe einem neuen Disneyland nichts im Weg – los geht‘s! Die Redaktion von Pitchfork stauchte mich danach öffentlich zusammen und bezeichnete mich als Rassisten. In was für einem Zeitalter leben wir, wenn ein New Yorker Journalist aus der Mittelklasse meine Karriere in einer eigentlich kleinen Indie-Band zerstören kann, weil ich mir erlaube, ein politisches Monster in aller Deutlichkeit zu verspotten? Auf den Dünnpfiff von Johnson muss man einfach reagieren, das kann man nicht auf sich sitzen lassen. Man sagt etwas und schon fährt der Riesenapparat seine Geschütze auf – das ist ja wie im Kriegszustand. Da wird man fast paranoid.

Musikalisch gesehen ist dein Verhältnis zu New York entspannter. Wenn man sich Feet und Fringe Runner anhört, denkt man an die Disco-Ära und den Hip-Hop der Achtziger. Wie kommt es zu dieser Parallelität?
Fringe Runner stammt aus der Feder unseres Gitarristen Saul Adamczewski. Es ist seine Ode ans Speedballing mitten in unserer wilden Zeit in Manhattan. Wir wollten das Rauschgefühl zum Ausdruck bringen. Dabei hilft uns die Musik von Grandmaster Flash und Liquid Liquid.

Drogen sind schon sehr euer Ding, oder?
Das kann ich nicht ganz abstreiten (lacht). Während der Aufnahmen zum neuen Album waren wir aber clean, was das Heroin angeht. Wir haben das Zeug aus unserer Welt verbannt. Das musste langsam mal sein. Die ganze Band wäre sonst irgendwann draufgegangen. Als sich der braune Rauch verflüchtigte, lebten wir neu auf. Wir wollten tanzen und Musik wie auf einer Party machen und nicht mehr wie vorher diese Bunker-Balladen abliefern. Das brauchten wir echt nicht mehr.

Dem Vernehmen haben euch auch die B-Seiten alter Wham!-Singles inspiriert. Stimmt das?
Ich war schon immer und bin nach wie vor großer Fan von George Michael. Es gibt da einen Song namens Blue (Armed With Love), es ist die B-Seite von Club Tropicana. Es hört sich schräg und durchgeknallt an, so als hätte man das Ding auf Ketamin geschrieben. Wir waren komplett besessen von diesem Track und dem Arrangement. George lässt der Sache etwa anderthalb Minuten lang Raum zum Atmen, bevor er mit seinem Gesang einsteigt und wie ein Großmeister durch die klangliche Landschaft stolziert. Es hört sich wie in der New Wave oder im Post-Punk an, dargeboten von einem Pop-Titan.

I Believe In Something Better fällt stilistisch etwas anders aus. Man fühlt sich an die elektronische Musik aus Sheffield erinnert. Eine Grußadresse?
Ein bisschen vielleicht, ja. Meine Mutter stammt ja aus dieser Ecke. Wir leben jetzt auch dort, weil wir eine neue Basis brauchten. Der ganze Süden von London ist eine versiffte Jauchegrube, da willst du echt nicht ewig leben. Sheffield hat den Vorteil, dass die Ruhe auf dem Land nie weit weg ist. In der Stadt selbst herrscht schon eine grimmige Atmosphäre, aber die spornt uns irgendwie an. Der Song, von dem du sprichst, stammt aus der Endphase der Produktion. Der zuständige Mann bei unserem neuen Label Domino meinte, wir bräuchten noch ein schnelleres Stück. Da dachten wir: Okay, lasst uns was über Ted Kaczynski schreiben (auch als Unabomber bekannt, d. Verf.). Wir haben uns dazu eine Zukunft vorgestellt, in der wegen einer ökologischen Katastrophe alles den Bach heruntergeht. In so einer verzweifelten Situation hilft am Ende nur der Glaube an den Anarchismus. Vielleicht merken wir so, dass wir was gegen den ganzen Dreck auf Erden tun müssen.

Für mich verändert sich das Album im zweiten Teil. Der Groove spielt keine so große Rolle mehr, Baxter Dury gastiert, Marc Bolan taucht als Einfluss auf, es wird nachdenklicher und politischer. Wie kam es zu diesem Bruch?
Es gibt die Fat White Family jetzt acht Jahre. Am Anfang erlebten wir eine Situation, in der es im britischen Pop keine nennenswerte Auseinandersetzung mit politischen Themen gab. Es war ein homogenisierter, sicherheitsbetonter Zeitvertreib für Mittelklasse-Angehörige, die aus Londoner Universitäten und Eliteschulen kamen. Wir haben darauf reagiert, indem wir offen unsere Meinung sagten. Das tun wir immer noch, das gehört zum Diskurs. Aber es gibt da auch diese andere Seite. Die persönlichen Probleme, die wir mit uns herumtragen. Ich denke, dass Tastes Good With The Money ein gutes Beispiel dafür ist. In dem Song geht es um den Westen Londons und das Feuer im Grenfell-Tower-Hochhaus. Es geht aber auch um eine Affäre mit einer Prominenten aus L.A., wie ich damit meine Seele verkaufe und aus mir ein Scheusal wird. Ganz ehrlich: Ich bin nicht frei von moralischem Verfall, es gibt ihn in mir genauso wie in der Gesellschaft. Ich bin Teil der häßlichen Fratze der Existenz und kann mich als Künstler nicht so darstellen, als sei ich etwas Besseres. Ich rede über die Dinge, singe über sie, bin deshalb aber kein Gutmensch, der alles verändern kann. Das muss klar sein.

Dieses absolut formidable neue Album namens Serfs Up! endet mit der Zeile „Bobby‘s boyfriend is prostitute and so is mine“. Warum ist das für dich die perfekte finale Aussage?
Hier geht es um Chem-Sex-Roulette-Partys. Ich kenne Leute, die sich in den Londoner Stadtteilen Vauxhall und Stockwell in diesem Grenzbereich bewegt haben. Sie suchen Momente totaler übermenschlicher Ergötzung und nehmen alle Nachwirkungen in Kauf. Es ist eine Charakterskizze über ein bestimmtes Milieu, das ich interessant finde. Menschen unter Volldrogeneinfluss brauchen die absolute Aufregung und manchmal auch Augenblicke der Sinnlichkeit. Ich bewundere diese Einstellung in gewisser Weise wegen des Mumms, den diese Leute haben. Es geht ihnen überhaupt nicht um gute Sitten. Ich wollte das beschreiben.

Danke für die ehrlichen Worte.
Ich danke dir. Das war sehr deep.


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