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Veröffentlicht am 6.05.2019 | von Lea Kleisinger

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MARTIN KOHLSTEDT – STRÖME

Foto-© Mike Zenari

Nach Martin Kohlstedts Werken Tag, Nacht und Strom konnte man sich gut fragen: Was macht das musikalische Genie als nächstes? Welche Grenzen sprengt er mit seiner zarten Direktheit nun? Die Antwort ist das Leipziger GewandhausChor. Auf seinem neuen Album STRÖME findet eine experimentelle Symbiose zwischen den 70 Chormitgliedern unter der Leitung von Gregor Meyer und Kohlstedts Klavierkompositionen statt. Hier und da von elektronischen Spielereien untermalt und immer wieder auf minimalistische Grundgerüste zurückbrechende Lieder, die sich über sechs Minuten atmosphärisch ausbreiten, sind das Ergebnis.

Beginnen tut Ströme mit SENIMB, einem hellklingenden Lied, dass den Zuhörer umwickelt und ganz langsam darauf vorbereitet, was ihn als nächstes erwartet. Bei TARLEH überwältigt der Chor von Anfang an mit seiner wunderschönen Harmonie und Klangfarbe. Wie ein einziges Organ verschmilzt das Klavier mit den feinen, überlappenden Stimmen bis sie gemeinsam leise ausklingen. Auch AUHEJA verzaubert durch die Kombination von Stimmen und Klavier. Hier bemerkt man besonders, was Kohlstedt über sein neuestes musikalisches Experiment geäußert hat. Der Raum pulsiert und alle anwesenden Individuen klingen gemeinsam. Der Chor singt nicht, er atmet.

In anderen Werken wie KSYCHA wird eine düstere Atmosphäre geschaffen. Die ausgehauchten Laute des Chores haben etwas Ursprüngliches, aber auch fast schon bedrohliches. JINGOL vereint epische Synthesizer-Klänge mit den treibenden Klängen des Klaviers. In THIPHY elektrisieren Keyboard und Synthesizer, während der Chor dem Zuhörer fast unbemerkt ins Ohr flüstert. Ausklingen lässt Martin Kohlstedt STRÖME mit AMSOMB. Das Keyboard erinnert an eine ältere Komposition, welche bald von Streichern und Bläsern abgelöst und mit den Stimmen des Chores vereint wird.

Was ist Klassik? Was kann und was darf Klassik sein? Diese Fragen kommen bei modernen Komponisten immer wieder auf. STRÖME entwickelt einen epischen Charakter, der an Filmkompositionen erinnert. Kein Wunder, da sich Kohlstedt auch in diesem Bereich austobt. Auch seine elektronischen Bands Marbert Rocel und Karocel sind schöne Beispiele seiner musikalischen Begabung und sollten unbedingt mal angehört werden. Er schafft es den Zuhörer in seine Welt zu locken, in der er sich öffnet und seine Verletzlichkeit zu seiner Stärke macht.

Martin Kohlstedt – STRÖME
VÖ: 3. Mai 2019, Warner Classics
www.martinkohlstedt.com
www.facebook.com/martinkohlstedt


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