Kritik

Veröffentlicht am 19.09.2019 | von Helena Barth

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Kinotipp der Woche: AD ASTRA


Foto-© 2019 Twentieth Century Fox

The enemy up there is not a person or a thing. It is the endless void!

(Colonel Pruitt – Ad Astra)

In einer nicht weit entfernten Zukunft ist die Menschheit technologisch so weit fortgeschritten, dass eine Reise zum Mond bloß einen Linienflug entfernt ist. Sowohl der Mond als auch der Mars sind kolonisiert und kommerzialisiert. Und die Erschließung des Sonnensystems nimmt stetig zu. Nun bedrohen jedoch immer wiederkehrende Wellen von elektromagnetischen Strömen die von den Menschen bewohnten Planeten und Ursache scheint eine Wissenschaftstation zu sein, die sich in einem Raumschiff befindet, das vor etwa zwei Jahrzehnten, mit der Mission intelligentes extra-terrestrisches Leben aufzuspüren, zum Rand des Sonnensystems aufgebrochen ist.

Die drohende Gefahr soll von Roy McBride (Brad Pitt), einem der besten Astronauten abgewandt werden. Er ist diszipliniert, fokussiert und sein Puls überschreitet weder in äußerst stressigen noch gar lebensgefährlichen Situation jemals 85 Schläge die Minute. Zudem ist der kommandierende Offizier des vermissten Raumschiffs und international gefeierter Held Clifford McBride (Tommy Lee Jones) sein Vater.

Bereits die ersten Szenen zeigen wie wirklichkeitsnah die Darstellung von Raumfahrt in Ad Astra umgesetzt wird. Roy McBride arbeitet an einem Konstrukt, das an einen weiterentwickelten Space Elevator erinnert, eine in der Theorie funktionierende Technologie, die gleich zur Eröffnung des Films eine tatsächliche Brücke ins Weltall darstellt. Die darauffolgenden Weltraumaufnahmen sind fesselnd, wunderschön gefilmt und zeigen überdies, was für ein grandioses Production-Design dargeboten wird. In detailverliebten und mit zahlreichen Ideen gespickten Szenarien wird so eine überzeugende Zukunftsversion erschaffen. So erinnert Ad Astra in vielen Kamerafahrten auch an Gravity und Interstellar. Dies verwundert nicht, denn für die Kameraarbeit ist Hoyte van Hoytema verantwortlich, der bereits bei Interstellar mitgewirkt hat und wiedermal eine technisch ausgezeichnete Arbeit vollbringt. Die Welt wird subtil portraitiert und mit atemberaubenden Bildern, die wie eine kleine Hommage an Science- Fiction-Filme wie 2001 – A Space Odyssey und Solaris wirken, komplettiert.

So subtil wie die Welt eingeführt wird, so fehlt diese Subtilität jedoch teilweise auf der erzählerischen Ebene. Denn hier ist der Film zwar äußerst eingängig und möchte nicht aufgesetzt oder prätentiös wirken, doch das zu oft genutzte Voice-Over des Protagonisten kollidiert mit der bereits ausreichenden und so viel mehr aussagenden Bildsprache. Die anspruchsvolle Schlichtheit der Bilder, die so gewaltig und intensiv sind, steht dabei im Kontrast zu der Handlung und dem im wahrsten Sinne des Wortes existenziellen Vater-Sohn-Konflikt, die doch recht wenig Substanz bieten. Grundlegende philosophische Fragen werden aufgeworfen um im Verlauf des Filmes nachvollziehbar und minimalistisch eruiert zu werden, doch der ständige repetitive verbale Nachschlag wirkt ein wenig redundant. Da der Film selbst zu zeigen vermag, dass der Mensch auf der immerwährenden Suche nach einem höheren Sinn zu oft das Offensichtliche übersieht.

Die offensichtliche Stärke von Ad Astra ist die audio- (hier im Bezug auf das Sound-Design) visuelle Darstellung. Und zu dieser zählt das hervorragende Spiel von Brad Pitt. Denn in Verbindung mit diesem schafft es der Film auch auf der emotionalen Ebene zu überzeugen. So düster und tragisch und teilweise verstörend die Tiefen und die endlose Leere des Weltalls bebildert wird, so schafft es Brad Pitt durch seine Mimik die Dunkelheit des Weltalls mit der Dunkelheit der menschlichen Seele zu vereinen. Die Emotionen werden von ihm so nuanciert wiedergegeben, dass das Gefühl entsteht, er selbst befinde sich über weite Strecken hinweg unter dem Helm eines Raumfahrtanzugs, doch wenn der Helm erst einmal abgenommen wird, dann hallt die Intensität der Emotionen umso stärker nach.

Ad Astra ist ein bildgewaltiges Epos, dessen Struktur zu Beginn etwas fremd und das Pacing ungewöhnlich ruhig erschienen mögen, doch gerade dies verwebt sich in einer gewissen Schönheit und Authentizität mit dem Gesamtwerk, in dem gezeigt wird, wie beengend die Weite des Weltalls sein kann und erst recht die Tiefen der menschlichen Seele. So wie die Hauptfigur hat der Film selbst einen konstanten Ruhepuls. Dieser überschreitet jedoch in den aussagekräftigsten Einstellungen die 85 Schläge pro Minute bei weitem.

Ad Astra (USA 2019)
Regie: James Gray
Darsteller: Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, Liv Tyler
Kinostart: 19. September 2019, Twentieth Century Fox

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