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Veröffentlicht am 3.10.2019 | von Anne Beier

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ANGEL OLSEN – All Mirrors


Foto-© Cameron McCool

Wishing we could only find one another
All we’ve done here is blind one another
Hate can’t live in this heart here forever

(Angel Olsen – Lark)

Als Angel Olsen ihr viertes Studioalbum All Mirrors plante, sollte es eigentlich in zweifacher Ausfertigung veröffentlicht werden. Es sollte zum einen mit nahezu unbearbeiteten Versionen der Songs, und zum anderen Aufnahmen in voller Bandbesetzung erscheinen. Während der Aufnahmen der Soloversion mit Michael Harris in Anacortes, Washington war Olsen entschlossen, die Stücke so minimalistisch wie möglich zu halten. Im Prozess der Überarbeitung der ursprünglichen Soloversionen mit Orchester- und Bandbesetzung realisierte sie, welchen überraschenden Klang und Stärke die Stücke annahmen und wusste: Es gibt kein Zurück. Die Nacktheit der puren Songs hat es ihr erlaubt, die Veränderungen zuzulassen und ihr bisher mutigstes und stärkstes Album zu produzieren. Die finale Version entstand mit John Congleton, mit dem Olsen bereits für ihr Durchbruchs-Album Burn Your Fire for No Witness zusammen arbeitete. Weiterhin fügten sich Jherek Bischoff (Arrangement) und Multi-Instrumentalist/Arrangeur/Vorproduzent zum Aufnahmeteam hinzu. Eine aufwändige Extravaganz, die man sich als etablierte Künstlerin leisten kann. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass Olsen mit ihrem neuen Werk keinen sicheren Mainstream-Weg gegangen ist, sondern sich künstlerisch ausgereift, mutig und verletzlich zeigt.

Die Größe des neuen Sounds wird gleich beim Opener Lark deutlich: Die Power des 14-köpfigen Orchesters wird hier genutzt, um Widersprüche und interessante Brüche zu erzeugen, trotz des in Olsens Platten stets wiederkehrenden Motivs des Liebesdramas kein Geigenkitsch in Sicht- bzw. Hörweite. Die Leadsingle All Mirrors klingt nicht weniger interessant, aber elektronischer. Eingängige Synthie-Klänge und Percussions unterstreichen Olsens einzigartiges Vibrato während sie die Frage diskutiert, wie Selbst- und Fremdprojektion unsere Versionen der Realität und unsere Sicht auf uns und andere beeinflussen: „I keep movin‘, knowin‘ someday that I will be / Standin‘, facin‘, all mirrors are erasin‘ / Losin‘ beauty, at least at times it knew me.“

Damit ist auch gleich das Thema der Platte gesetzt: Es geht um „losing empathy, trust, love for destructive people“. Und so ist das Album ein dynamischer Kampf mit einem destruktiven Partner, der sich am Ende nicht nur nach Gewinn, sondern auch nach Katharsis anfühlt. Diesen Partner spricht sie oft direkt und wütend an: Im eingängigen What It Is ist der Sound weniger mystisch, aber der kalte Ärger trotzdem spürbar: „You just wanted to forget / That your heart was full of shit.“ Ähnlich cool klingt Spring, bei dem Olsen vor allem auf ruhigere elektronische Klänge setzt, die sich wie eine kunstvolle Zirkusmelodie aus der Ferne um ihre Stimme schmiegen. Düster, aber mittlerweile distanzierter wird es bei Impasse, ein Song dem die Streicher eine musikalische Tiefe geben, die fast schon apokalyptisch anmutet. Auch hier spricht sie den Partner direkt an, verachtend wirft sie dem Gegenüber ein „You know best / Don’t you now“ hin. In der reduzierten Ballade Tonight hat Olsen dann endgültig durch das Chaos zu sich gefunden, und im folgenden Summer hat sie den Partner hinter sich gelassen. Trotzdem sind die vielsagenden letzten Tracks Endgame, in dem einzelne Elemente des Orchesters auf eine reduzierte Weise eine hypnotischen Kombination mit Olsens Stimme eingehen, und Chance keine fröhlichen Leichtgewichte, sondern ein perfekter getragener Abschluss eines emotionalen Kampfes.

All Mirrors ist ein außergewöhnliches, aufwändiges und mitreißendes Album. Dabei schafft es Olsen, dass die orchestralen Klänge ihrem Sound Tiefe statt Kitsch verleihen. Ein Balanceakt, der hier so perfekt umgesetzt wurde, dass selbst Kate Bush stolz wäre. Obwohl Angel Olsen ihrem düsteren und oft dramatischen Songwriting treu geblieben ist, hat sie es geschafft, wiederholt eine neue musikalische Seite von sich zu präsentieren, die trotz ihrer Andersartigkeit auch alte Fans begeistern wird.

Angel Olsen – All Mirrors
VÖ: 05. Oktober 2019, Jagjaguwar
www.angelolsen.com
www.facebook.com/angelolsenmusic

Angel Olsen Tour (Support Hand Habits):
29.01.2020 Kammerspiele, München
30.01.2020 Huxleys Neue Welt, Berlin
05.02.2020 Gruenspan, Hamburg

YouTube video

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