Interviews

Veröffentlicht am 13.02.2020 | von Silvia Silko

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NATHANIEL RATELIFF – lacht auch, wenn es eigentlich zum Weinen reichen würde

Nach dem immensen Erfolg mit seiner stampfigen Neo-Soul-Blues Combo Nathaniel Rateliff and the Night Sweats ist er wieder auf Solopfaden unterwegs: Rateliff kehrt mit sensiblem Folk-Songwriting zu seinen Wurzeln zurück. Mit seiner Platte And It’s Still Alright trägt er einen guten Freund und seine Ehe zu Grabe – und versucht bei all dem, die guten Seiten des Lebens zu feiern. Ein Gespräch mit einem, der es nie einfach hatte und deshalb am allerbesten in Trümmern tanzen kann.

Nathaniel Rateliff unterhält den ganzen Tisch. Er erzählt Anekdoten, imitiert amerikanische Dialekte und übertönt alle Restaurantgeräusche mit seinem schallenden Lachen. Der Amerikaner ist einer von den Typen, mit denen man am liebsten direkt in den Bars der Stadt seine Nächte verschwenden möchte. Man weiß schon vorher, dass man mit ihm mehr trinkt, mehr lacht und exzessiver tanzt, als sonst. Man weiß auch, dass die Kopfschmerzen am nächsten Tag heftiger werden als sonst, aber man weiß auch, dass es sich lohnt. 

Aus irgendeinem Grund strahlt Rateliff permanent Lebensfreude aus. Dabei ist er kein trauriger Clown, der hinter seiner Maske tristes Brachland versteckt. Der Musiker macht keinen Hehl aus seinen inneren Tälern – er schreibt ganz offen und unverblümt darüber: “They say you learn a lot out there, How to scorch and burn, Only have to bury your friends, Then you’ll find it gets worse”, singt Rateliff im Titelsong zum Album And It’s Still Alright. In dem Stück geht es um Rateliffs verstorbenen Freund Richard Swift. Der Produzent und Songwriter produzierte schon die zweite Night Sweats Platte und war bekannt für die Fähigkeiten, in seinen Kollegen das Beste rauszuholen. Er stand mit den Black Keys und den Shins im Studio. Im Juli 2018 starb er an den Folgen seiner Alkoholsucht. „Wir wollten meine dritte Soloplatte zusammen machen. Wir hatten eine richtige Vision, hatten Ideen, wie wir die Musik umsetzen wollten. Es sollte einfach werden und schnörkellos,“ erzählt Rateliff. Die Texte, an denen er schrieb, drehten sich um seine gescheiterte Ehe, toxische Beziehungen und die Phase danach, wenn man es geschafft hat, sich zu trennen, seine Wunden geleckt hat und wieder auf sich klar kommt. Ins Studio schafften es Swift und Rateliff nicht mehr gemeinsam.

Foto-© Danny Clinch

Nathaniel Rateliff kennt sich aus mit schmerzlichem Verlust: Sein Vater verstarb bei einem Autounfall als er ein Teenager war. „Ich denke jetzt nicht jeden Tag an ihn, aber ich merke einfach, dass er in meinem Leben immer gefehlt hat,“ erklärt Rateliff. Der Musiker war noch nie so richtig auf der Sonnenseite des Lebens: Durch den frühen Tod des Vaters muss er schauen, dass Kohle reinkommt. Er arbeitet als Gärtner, Trucker und sonst was, macht nebenher Musik. Seine zwei ersten Soloplatten werden Kritikerlieblinge, er tourt viel, der kommerzielle Durchbruch bleibt aus, er trinkt zu viel. Als er 2015 das Debüt der Night Sweats realisiert, geht es endlich ab. Es gibt Aufmerksamkeit, Fernsehauftritte, unzählige neue Fans und Werbedeals. Im Gespräch damals sagte er: „Hätte nicht gedacht, dass es so einschlägt, aber es ist großartig!“

Es ist nicht so, dass Rateliff für die Night Sweats nicht auch persönliche Themen verhandelt (S.O.B. etwa handelt von seinen eigenen Problemen mit dem Alkohol), aber für seine Solo-Sachen ist er noch ein kleines bisschen ehrlicher, oder besser gesagt: ungefilterter. It’s Still Alright ist eine Hommage an den verstorbenen Freund geworden, andere Freunde begleiteten ihn ins Studio um die geplante, ganz einfache Platte aufzunehmen. Sie handelt nun auch von dem Tod Swifts, nicht nur vom Tod einer Beziehung. Das Album ist einerseits typisch Rateliff – nur vielleicht etwas eleganter produziert und aufgenommen als seine Vorgänger. Und gleichzeitig ist es sehr viel bedachter und ruhiger. Was sofort auffällt: Kaum Drums. „Das war Zufall. Wir hatten bei einem Song einen Aufnahmefehler und die Drums sind nicht darauf gelandet. Das hat den Song noch besser gemacht. Wir haben dann bei den anderen Songs geschaut, ob es so passt. Und es hat den Stücken einfach echt gut getan,“ sagt Rateliff.

Auf dem Cover des Albums sieht man ihn breit lachen. Trotzdem lachen. Auch wenn alles scheinbar den Bach runtergeht, auch wenn Freunde sterben, Ehen brechen und Trump immer noch Präsident ist – Rateliff ist bekennender Sanders Anhänger. 2017 – im selben Jahr von Trumps Amtsantritt – gründete Rateliff das Marigold Project. Eine Stiftung, die Landwirten und Arbeitern in Denver helfen möchte und dies seit ihrer Gründung auch erfolgreich hinbekommt. „Mir war es wichtig, dass man etwas tut, statt sich nur zu beschweren. Das hilft ja auch nicht!“ Er hat Angst, dass Trump noch einmal gewählt wird. „Es ist ein Armutszeugnis! Aber gleichzeitig gibt es auch in Amerika so viele wundervolle Menschen! Wir haben bei der Arbeit mit unserem Projekt schon so viele tolle Momente gehabt, so viele großartige Personen erlebt – das lässt einen hoffen.“

Hoffnung – davon scheint Rateliff überdurschnittlich viel zu haben. Wie sonst würde er Songs schreiben, die den Tod einer geliebten Person besingen und sich gleichzeitig anhören wie heilsames Balsam auf geschundene Seelen? Rateliff erschreckt es halt nicht, wenn er unten ist. Er träumt dann vielleicht auch davon, dass die Zeiten besser werden. Aber erstmal schaut er sich um, wie man das Beste aus dem macht, was sich um einen befindet. Und das macht ihn auf gewisse Art und Weise unverwundbar.

Nathaniel Rateliff Tour:
23.04. Admiralspalast, Berlin

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