Musik

Veröffentlicht am 12.03.2020 | von Andreas Peters

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PORRIDGE RADIO – Every Bad


Foto-© El Hardwick

I am charming, I am sweet
And she will love me when she meets me
She will love me when she meets me
I am charming, I am sweet

(Porridge Radio – Sweet)

Dieses Quartett gehört nicht umsonst zu unseren Newcomern des Jahres: Geboren aus der DIY- und Open Mic-Szene im britischen Küstenort Brighton, wurde aus Porridge Radio unter der Führung der exzentrischen Frontfrau und Gitarristin Dana Margolin innerhalb kürzester Zeit eine der angesagtesten Indie-Formationen der letzten Jahre. Nach dem selbst produzierten Debüt Rice, Pasta And Other Fillers (2016) folgt mit Every Bad der zweite Wurf des hochgehandelten Projekts. Laut, progressiv und richtungsweisend, aber doch voller kleiner nach innen schauender Momente, ist diese Platte ein breit gefächertes Werk voll ehrlicher Aussagen, starker Botschaften, brilliert vor allem aber durch eines: einen eingängigen Sound, der einen so schnell nicht mehr loslassen will, wenn man sich einmal auf den Vibe dieser Band eingelassen hat.

So viel hier auch auf einen großen Durchbruch deutet, so sehr merkt man dem Sound dieser Platte doch das Moment der Rückbesinnung auf ihre Wurzeln an. Das beginnt schon mit dem Bezug auf die Küstenumgebung ihrer Heimat Brighton, die wie eine DNA durch die elf Songs geistert. „A lot of the songs of Every Bad are centred around the sea“, sagt Dana Margolin und fügt an: „I tried to follow the feeling of the flow of waves and how they keep coming in endlessly, washing everything away without judgment, and then bringing it back again.“ Und man muss sich nicht besonders Mühe geben, um dieses zirkuläre Prinzip in den einzelnen Stücken wiederzufinden. 

Sweet etwa, der zweite Song des Albums, zeigt das ganze Auf und Ab sich einander bedingender emotionaler Ausbrüche nur zu überdeutlich. In den ersten Sekunden hält sich noch alles zurück, eine Auseinandersetzung zwischen Mutter und Tochter wird angedeutet, und Sekunden später rauscht der energische Schwall an elektrischen Gitarren nur so an uns heran. Und so changieren auch im weiteren Verlauf des Songs in sich gekehrte Passagen („I am charming, I am sweet / And she will love me when she meets me“) und in die Welt hinausgeworfene Fetzen der Verzweiflung („You are such a nervous wreck / You can see it in the way you treat yourself“). Ein solch mutiges Hinauskehren persönlicher Gefühlswelten ist dann tatsächlich auch bestimmendes Element anderer Songs. Lilac lebt ebenso von der Kraft hemmungsloser Ehrlichkeit. „It’s really the atmosphere of being open, of being honest and trying to grow and trying to be better. On the one hand it comes from a very hurtful place, but it also is about a healing process“, sagte Margolin noch in unserem Interview Anfang des Monats. Doch nicht immer äußert sich das Aufbegehren in einem massiven Sog hereinbrechender Gitarren und punkig-aufgeladenen Shout-Passagen von Margolin. Auch die melancholischen Register weiß Porridge Radio gekonnt zu bedienen. Beispielsweise auf Pop Song, der so schön vor sich dahinfließt, dass man sich kaum etwas anderes vorstellen mag, als eine trunkene Bootsfahrt – so weltvergessen torkelt dieses Stück in der Mitte des Werks vor sich hin. Auch mit Circling zeigt das Quartett gekonnt diesen Spagat zwischen emotionaler Tiefe und energischer Fliehkraft. Sich windend in manischer Selbstversicherung („Everything’s fine“) und in den Fluten des Meeres auflösend („I go inside the sea sometimes“), öffnet sich hier ein musikalischer Raum, der ebenso von tiefen Inhalten wie einer äquivalenten klanglichen Dramatik gezeichnet ist. 

“A lot of it was figuring out how I want to exist in relation to others, and how to process my own feelings, how to be vulnerable, how to show people how I feel. I struggle with being vulnerable and being open, so that’s something I do through songs”, äußert Dana Margolin im Bezug auf Every Bad. Dies gelingt der Band nicht nur in Bezug auf den inhaltliche Dimension der Songs. Diese Dynamik zieht sich durch jede Faser der einzelnen Songs. Wer weiß, wie es sich anfühlt, mehr als ein Gefühl in seinem Herzen zu tragen, für diejenigen ist das Album ein Soundtrack, der noch eine Weile nachhallen könnte.

Porridge Radio – Every Bad
VÖ: 13. März 2020, Secretly Canadian
www.porridgeradio.com
www.facebook.com/porridgeradio

Porridge Radio live:
07.05. TIEF (Zukunft am Ostkreuz), Berlin
29./30.08. Golden Leaves Festival, Darmstadt

YouTube video

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