Interviews

Veröffentlicht am 8.04.2020 | von Fred

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HELLO PIEDPIPER – Oxygen EP & Interview

Hello Piedpiper - Oxygen

Am 3. April 2020 war es endlich soweit – Hello Piedpiper veröffentlichte seine neue EP namens Oxygen über K&F Records/ Broken Silence. Auf dieser folgt der gefühlvolle Songwriter Fabio Bacchet weiterhin seinem Weg, den er mit seine letzten Album The Raucious Tide eingeschlagen hat. Cinematische Momente lösen introvertiert-feinfühlige Passagen ab, ohne dabei Piedpipers Suche nach der perfekten Melodie aus den Augen zu verlieren. Doch von Stillstand kann nicht die Rede sein, denn die Akustik-Gitarre verliert ihre Omnipräsenz und wird durch ihre elektrische Variante, sowie Piano- und Synthesizer-Sounds, angereichert. Daraus resultiert ein ungemein spannender und abwechslungsreicher Sound, der sich im Herzen treu bleibt und teilweise sogar mit ungeschliffenem Pop-Appeal begeistert. Große Klasse!

Die Vertrautheit im Sound der neuen EP kommt dabei nicht von ungefähr, denn Oxygen wurde erneut von Matthjis Herder ( The Black Atlantic, Black Oak) gemischt und musikalische Unterstützung kommt von Lukas Hoffmann an den Drums und Guido Sprenger am Bass. Und selbst die Arbeitswerkzeuge tragen Geschichten in sich, wurden Mikrofone, Klavierräume, Mischpulte und sogar Instrumente bei Freunden entliehen. Im Endeffekt ist Oxygen eine enorm gelungene Mischung aus liebgewonnenen Elementen und sinnvollen Neurungen, die Lust auf eine ganze Platte macht. Genau so sollte eine EP sein.

Passend zum Release hatte Hello Piedpiper ein paar Fragen an – Hello Piedpiper?! Ihr lest richtig, denn in Zeiten von Social Distancing hat sich Fabio einfach spontan selbst interviewt. Denn Journalisten stellen eh nie die richtigen Fragen und man kennt sich und seine Musik ja wohl immer noch am besten. Wir wünschen viel Spaß mit dem ungewöhnlichen Experiment:

Du interviewst dich selbst. Wieso will niemand mit dir reden?
Ich dachte, es sei vielleicht eine gute Idee sich selbst ein paar, unter Umständen auch, schwierige Fragen zu stellen. Um sozusagen auch den Prozess der EP ein wenig zu reflektieren. Was wichtig war und was vielleicht nicht. Ich dachte so könnte es am Ende vielleicht aufschlussreicher sein. Es sind durchaus auch Fragen, die mir schonmal nach einem Konzert gestellt wurden. Fragen, die mir Freunde oder Familie gestellt haben. Fragen, bei denen ich nicht wusste ob ich lachen oder weinen soll.

Wie geht es dir in Zeiten von Corona? Wie fühlt es sich an ausgerechnet jetzt eine EP zu veröffentlichen?
Mir und meiner Familie geht es gut. Meine Eltern, Schwester usw. leben in Norditalien. Da mach ich mir manchmal etwas Sorgen aber auch Ihnen geht es soweit gut und es besteht keine akute Gefahr. Ich bin gerade zum zweiten Mal Vater geworden und kann die Zeit Zuhause gerade sehr gut gebrauchen. Mein älterer Sohn wird gerade von uns daheim betreut und da ist es wichtig das Ich und meine Frau beide da sind. Anders ginge das gar nicht. Wir machen viel zusammen und das ist super. Ich merke auch, wie sich gerade alles etwas entschleunigt. Ich mache viel im Garten, gehe Laufen, spiele Abends Piano, lese etwas mehr. usw. Erstaunlicherweise verlier ich gerade das Interesse an Serien. Das finde ich super. Ich finde wir sollten uns alle etwas weniger beschweren und stattdessen dafür dankbar sein, dass wir in Deutschland und nicht sonst wo leben.

Die Veröffentlichung war natürlich lange im Vorfeld geplant und konnte nicht mehr verschoben werden. Ich glaub aber, dass die Songs auf der EP, den Leuten vielleicht auch etwas Hoffnung geben könnten. Ich bin froh, dass sie jetzt endlich raus ist. Das war ein langer Weg.

Du hast die Akustikgitarre zu großen Teilen durch E-Gitarren, Piano und teilweise auch Synths ersetzt. Hat es sich ausgefolkt?
Nein, das würde ich nicht sagen. Ich mag Folkmusik weiterhin sehr gern. Nach dem ersten Album 2012 „Birdsongs=Warsounds“ was schon sehr folkig war und mit dem ich ja über mehrere Jahre auf Tour war, hat es sich irgendwie so angefühlt als müsste ich mal andere Sachen ausprobieren. Es ist ja jetzt keine komplette Kehrtwende passiert, aber so ein wenig in neue Richtungen schauen, das gefällt mir schon gut. Bisl Strukturen aufbrechen, andere Instrumente ausprobieren. Wie man heute sagt. Aus der Comfort Zone raus. Das war nötig um etwas zu schaffen was mich auch selbst weiter interessiert und musikalisch am Leben hält.

2 Alben, 8 Jahre, viele viele Shows. Weiterhin erfolglos. Wird es nicht mal Zeit aufzuhören und was „Richtiges“ zu machen?
Muss selbst lachen. Ja, würde ich die Musik des Erfolges wegen machen, dann wäre es schon längst an der Zeit aufzuhören. Zum Glück ist aber genau das Gegenteil der Fall. Ich mache Musik, well es für mich nichts Besseres gibt, aus einem Inneren Drang heraus. Nicht um irgendwem etwas zu beweisen sondern erstmal für mich selbst. Sobald es dauerhaft aufhört mir Spaß zu machen höre ich sofort auf. Erfolg ist ja auch immer Definitionssache. Wenn Erfolg bedeutet bekannt zu sein und mit nem schlechten 1/2 Schlagersong Song, der als Indie getarnt ist, im Radio hoch und runter genudelt zu werden, kann ich da gern drauf verzichten.

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Was macht einen guten Popsong aus? Und wieso kannst du das nicht? Schreib doch mal was, was etwas Stimmung macht.
(Verdreht die Augen und denkt an die vielen Male wo er das gefragt wurde) Leute, die Musik nur schreiben um „Stimmung“ zu machen finde ich abscheulich.

Ich hab da ne Idee, hörma. Willst du nicht mal versuchen auch mal was auf Deutsch zu schreiben? So könnte man dich dann auch besser verstehen.
(Ballt die Faust in der Hosentasche und atmet tief ein) 99 % der Musik, die ich jemals gehört habe ist auf englisch. Ich bin also mit der englischen Sprache sozialisiert. Warum sollte ich also Texte auf Deutsch schreiben. Das würde sich für mich etwas komisch anfühlen.

Euer letztes Album „The Raucous Tide“ kam im Jahre 2017 raus. Wieso hat es so lange gedauert noch etwas veröffentlichen? Ist ja schon etwas lahm oder? Naja, wieso dauert etwas so lange? Woran hat et gelegen?
Es liegt da meist an der Zeit. Heutzutage ist es so: Entweder du hast Zeit um viel selbst zu machen oder Geld um in ein schickes Studio mit Techniker zu gehen und dort aufzunehmen. Man beauftragt dann Grafikdesigner, Promoagenten usw. Wenns ganz schlimm kommt beauftragt man auch noch nen Produzenten. Bei mir war es in den letzten Jahren so, dass ich weder Zeit noch Geld für so etwas hatte. Diese Platte ist, noch mehr als die letzte, zu großen Teilen DIY produziert und mega auf Sparflamme gekocht.

Wie sah das im Detail aus?
Alles vor der Pressung der CD haben wir selbst gemacht. Wir haben nur Unumgängliches bezahlt. In dem Fall war es Mixing/Mastering/CD Produktion. Ich habe erstmal (it) alle Songs, also myself do-mäßig vorproduziert. Also alles außer Bass und Schlagzeug. Wir haben uns in meinen Proberaum gesetzt, Mikrofone aufgestellt und dann einfach Drums aufgenommen. Da hatten wir zum Glück Hilfe von unserem Freund und (manchmal) Bassisten Johannes Steiger. Als die Drums dann fertig waren, habe ich dann nochmal alles auf Lukas Drumparts gespielt/gesungen. Guido hat alleine den Bass gemacht, aufgenommen und mir zugeschickt. Für das Piano bei „Addicted to your love“ hat ein Freund (Andrew Collberg) organisiert, dass ich in den Morgenstunden ein Klavier in nem alten Studio für n Appel und n Ei nutzen konnte. In den Zeiten wo sonst niemand dort war. Da bin ich dann mit meinen Mikros hin und hab das in 2 Sessions eingespielt. Bei zwei Songs, wo ich nicht weiterkam, habe ich dann die Vocals bei Felix Herzog, meinem Nachbarn aufgenommen. Da brauchte ich noch n Ohr das mithört. Das tat gut. Er hat mir dann anschließend noch n tolles Mikrofon geliehen.

Gibt es in den Geschäften in denen du einkaufst eigentlich auch was anderes außer Karohemden? Ist ja schon etwas altbacken.
Ja schon, aber das wären ja dann keine Karohemden. Ich trage die außerdem schon seit dem ich 4 oder 5 Jahre alt bin. Ich finde es im übrigen bemerkenswert wieviel Wert auf Aussehen allgemein gelegt wird. Das ist doch komplett egal, was jemand trägt. Vor allem wenn es um Musik geht. Eigentlich sollte man sich als Musiker überhaupt nicht zeigen, damit der Fokus nicht von der Musik abgelenkt wird. Wie z.b. Timber Timbre, der sich halb versteckt und keine Fotos erlaubt.

Eure neue EP Oxygen kommt wieder beim Label K&F Records raus. Warum?
Mario und Lars veröffentlichen Musik, weil sie sie gut finden und/oder etwas besonderes in den Künstlern sehen. Nicht aus Profitgier und sonst irgend einem doofen Grund. Das sieht man daran, dass sie nochmal etwas mit mir veröffentlicht haben. Lacht Solche Menschen schätze ich sehr. Sie sind wichtig für die Musikszene, schaffen Authentizität und Glaubhaftigkeit. Daher habe ich sie gebeten, auch wenn es nur um eine kleine Ep geht, wieder mit zu machen.

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Wie sieht denn so ein Tag von nem Singer Songwriter aus? Ich gehe davon aus dass du erstmal ausschläfst, in Ruhe frühstückst und so ein wenig in den Tag schlenderst. Dann schnappst du dir anschließend irgendwann ne Gitarre und schreibst lässig einen Song nach dem anderen weg. Abends triffst du dich mit Freunden, kiffst einen, paar Bier hinterher und dann schön spät in die Kiste?
(Lacht) Ich glaube das ist leider das Bild welches Leute von Musikern heutzutage haben. Das ist leider oder zum Glück n Trugschluss. Die meisten Musiker, die ich kenne, die zumindest zum Teil von ihrer Musik leben können arbeiten härter als die meisten anderen Leute in 8-5 Jobs. Bzw. arbeiten sie nach Ihren 8-5 Jobs nochmal so lange an dem was um die Musik herum passiert. Schreiben Email nach Email, telefonieren Leuten hinterher, suchen günstige Tourbusse, planen, organisieren, geben Unterricht, proben und, und, und. Das romantische Bild des Singer Songwriters? Keine Ahnung ob es das noch gibt.

Also für mich klingt diese Musik schon sehr nach Green Day. Würdest du diese Punkband als Inspiration bezeichnen?
Ja. Total sie zählen für mich zu den Wegbereitern der Punkbewegung. Deswegen mache ich auch Punk.

Ihr habt ein Label? Das heisst ja ihr seid ne große Band oder?
Ja.

Welche Zutaten hätten bei der EP nicht fehlen dürfen?
Als erstes muss man da schon das Kulturreferat der Stadt Köln nennen. Die machen da schon tolle Arbeit was die Künstlerförderung betrifft. Ohne die finanzielle Unterstützung, gäbe es diese EP schlicht und ergreifend nicht. Ich sagte damals: Ey, ich beantrage jetzt ne Förderung. Und wenn ich etwas bekomme, dann mach ich ne EP. Wenn nicht lass ich ́s bleiben. Dann kam die Zusage. Ich hatte Druck. Es musste also etwas passieren. Danke an Till und Dagmar. Ihr seid toll!

Welche Personen spielen in einem musikalischen Dasein und auch für OXYGEN eine wichtige Rolle?
Auf jeden Fall meine Frau die immer sehr sehr geduldig ist, auch mal ein Auge zu drückt, mich zu 100% unterstützt und mir für Touren immer den Rücken frei hält. Danke, bester Mensch. Für Oxygen waren, neben der Band auch Matthjis Herder und Lukas Hemmerich unglaublich wichtig. Matthjis, hat die Songs gemischt, gemastered und seinen eigenen Stempel mit drauf gesetzt. Er hat sie anders als ursprünglich geplant klingen lassen. Das fand ich fantastisch. Lukas hat über die letzten Jahre hinweg 80 % der Artworks gemacht. Für Birdsongs und Oxygen ganz, die Internetseite gestaltet und dann auch noch mit mir zusammen mit nem Camcorder das Video zu „Light Holder“ geschrieben, aufgenommen und geschnitten. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Unser Freund Dominik Schmidt, der für uns die Touren in den letzten Jahren bei GHVC gebucht hat und uns auf tolle Festivals geschickt hat, war in den letzten Jahren auch sehr wichtig.

Wie gut findest du deine Bandmitglieder?
Superkalifragilistikexpialigetisch. Ich bin wirklich sehr sehr dankbar mit so wunderbaren Musikern zusammen arbeiten zu dürfen. Die sind alle 10 Mal besser als ich und spielen trotzdem mit mir, obwohl sie, so wie ich, auch fast nichts daran verdienen. Guido Sprenger schreibt die schönsten Basslinien und Lukas Hoffmann schafft es sogar mir mit Schlagzeugbeats Ohrwürmer zu verpassen. Ich kann mich an zwei Songs vom letzten Album erinnern wo ich sagte nachdem Bass und Schlagzeug im Kasten waren: „ also ich brauch da eigentlich nichts mehr zu machen. Klingt schon irgendwie fertig.“ Zudem sind Beide sehr ruhig, freundlich, geduldig und kompromissbereit. Ich könnt mir keine besseren Jungs wünschen.

Wie sind die Songs entstanden? Habt ihr sie als Band geschrieben? Wie läuft das generell bei euch ab?
Normalerweise läuft es so, dass ich, woher auch immer, eine Idee bekomme und sic diese Idee dann einfach immer weiter aufbaut. Ich spinne das dann im Kopf immer weiter und irgendwann ist es fertig. Der Text kommt eigentlich immer zum Schluss. Manchmal hab ich Vorschläge zu Rythmen, oder Basslinien. Ansonsten machen das Lukas und Guido relativ autark oder eben in Zusammenarbeit beim proben. „Addicted to your love“ habe ich z.b. Morgens vor meiner Frühschicht um 7.00 Uhr im Weltempfänger Café zu großen Teilen geschrieben. Da steht ein Klavier auf dem ich immer Morgens spiele, wenn noch keiner da ist.

Oxygen entstand beim Spielen mit meinem Sohn auf unserem Wohnzimmerteppich. Erst war es ein 4/4 Takt Stück, insgesamt etwas flotter. Die 3/4 waren dann aber doch irgendwie passender.
Your Anger, my hope war eigentlich schon für die letzte Platte geplant. Ich fand damals aber keinen Chorus. Habe mich aber dann nochmal dran gesetzt und ich war dann ganz zufrieden.

Wie wollt ihr das bitte schaffen, diese Dichte an Sound zu dritt live auf die Bühne zu bringen.
Da gibt es zum Glück gute Neuigkeiten. Nachdem uns in den letzten Jahren Jonas Zorn, Stefan Honig und Johannes Steiger immer live als Musiker unterstützt haben, aber zeitmäßig nicht mehr können, haben wir jemand Neues gefunden. David wird ab sofort an den Tasten sitzen und zum Glück auch unseren Altersdurchschnitt um etwa 10 Jahre senken.

Wann kann man denn mit der nächsten VÖ rechnen? Wieder in 3 Jahren?
Mal schauen, gerade spiele ich viel Piano. Bzw. fange damit an.

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Über den Autor

Fred ist 32 Jahre, wohnt in der Pop-City Damstadt und mag Hunde, Pizza und Musik.



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