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Veröffentlicht am 25.06.2020 | von Malte Triesch

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NIPPON CONNECTION 2020 – Die Nippon Connection digitiert

Vom 9.-14. Juni feierte die Nippon Connection, das weltweit größte Festival des japanischen Films, in Frankfurt am Main ihr 20. Jubiläum (wir berichteten). Erstmalig fand das Festival aufgrund der aktuellen Umstände dieses Jahr virtuell statt. Trotz aller Vorfreude schwang gerade als langjähriger Fan eine gewisse Skepsis mit, ob die Transformation gelingen würde. Neben den Filmen, die natürlich ebenfalls von der Festivalatmosphäre profitieren, ist die Nippon Connection im Laufe der Jahre zu einem Fest der japanischen Kultur als Ganzem gewachsen. Essensstände mit japanischen Köstlichkeiten, Karaoke Partys, ein Gaming Raum, japanische Radio-Gymnastik, Konzerte, Vorträge und noch so vieles mehr, ermöglichen dem Besucher eine Woche Japanurlaub im Herzen Hessens. Auch wenn Spoiler gerade im Filmbereich zunehmend geächtet sind, das Fazit vorweg, den fast ausschließlich ehrenamtlichen Helfern ist es tatsächlich gelungen, nicht nur das augenscheinliche, sprich die über 70 Kurz- und Langfilme im Stream von Animation, über Indie bis hin zum japanischen Retro und Mainstream Film, sondern auch die Essenz der Nippon Connection in das neue Format zu überführen. Viele der liebgewonnenen Events fanden als Zoom Konferenzen statt, Filme konnten bequem über die Videoplattform Vimeo gestreamt werden und japanische Snacks und Merchandise wurden, zumindest im Raum Frankfurt, über einen eigens dafür eingerichteten Lieferservice täglich zwischen 12 und 20 Uhr direkt nach Hause geliefert. Als Nebeneffekt hatten sicher auch die Sushi-Lieferanten eine gute Woche gehabt. Im Folgenden beispielhaft drei unserer Highlights:

Beautiful, Goodbye ist das Regiedebüt von Eiichi IMAMURA und lief im Rahmen der Nippon Visions, dem Independent Segment der Nippon Connection. Gezeigt wird der melancholische Roadtrip von Shinoda und einer jungen Frau durch das japanische Hinterland. Er, auf der Flucht, weil er im Affekt jemand niedergestochen hat, sie, von den Toten auferstanden auf der Suche nach sich selbst und dennoch auf der Flucht vor ihrem alten Leben. Wobei die Geschichte sehr ruhig und unaufdringlich erzählt wird und vor allem von den Bildern lebt. Erinnerungen an den ebenso überraschenden, wie ergreifenden Maggie mit Arnold Schwarzenegger kommen auf. Wie eben jener absolut empfehlenswert für all jene, die offen sind für etwas andere Thematiken im Zombiegenre. Viel „nischiger“ als ein romantisches Zombie- Drama als japanisches Indie Regiedebüt geht es kaum, aber wer sich von dieser Prämisse nicht abschrecken lässt oder gar angesprochen wird, bekommt einen echten Ausnahmefilm zu sehen. Pflichtprogramm für alle Träumer und Melancholiker, alle, die noch an das Gute in den Menschen glauben oder daran erinnert werden müssen oder wollen.

 

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Film Nummer zwei kommt aus der Kategorie Nippon Cinema, dem japanischen Mainstream und hört auf den Titel Little Miss P. Auch wenn Mainstream sicher nicht die erste Assoziation ist, welche die Manga- Adaption über die, als süßes, rosa Maskottchen repräsentierte, Menstruation bei jedem hervorruft. Dennoch sollte dieser Film eigentlich Pflichtprogramm für alle Männer werden. An manchen Stellen etwas naiv und natürlich sehr japanisch, wird der Zuschauer spielerisch an die an sich recht ernste Thematik herangeführt. Erzählt werden mehrere Geschichten junger Frauen, von der Schülerin bis zur aufstrebenden Geschäftsfrau, welche lose miteinander verknüpft sind. Allen Episoden gemein ist der Fokus auf die Widrigkeiten, mit denen man als Frau zu kämpfen hat, wobei dies mal mehr, mal weniger gekonnt mit der Periode in Verbindung gebracht wird. Gleichzeitig nimmt der Film sich aber auch Zeit um zu erklären, dass die Periode eben dazu gehört eine Frau zu sein, etwas ist, mit dem Frau sich arrangieren muss. Ein Thema, das sehr trocken und bieder sein könnte, wird hier spielerisch und mit viel Humor vermittelt. Somit macht der Film schlicht Spaß, ist mit 75 Minuten sehr schön auf den Punkt gebracht und kann und sollte mit der ganzen Familie genossen werden.

 

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Film Nummer drei lief in einem der exotischeren Formate der Nippon Connection, dem Nippon Heimkinoabend. Hier ist im Ticketpreis normalerweise eine Tüte Chips und warmes Bier in der Plastikflasche inbegriffen. Auf einer Couch neben der Leinwand sitzt in der Regel der deutsche Horror / Trash- Experte und Regisseur Jörg Buttgereit mit jährlich wechselnder Begleitung und kommentiert live einen japanischen Trash- Klassiker. Es wird pausiert, zurückgespult, mit dem Publikum diskutiert, kurzum, der Film wird im gleichen Maß zelebriert, wie er in den Hintergrund tritt. Wenn auch der Name Heimkinoabend in diesem Jahr zum ersten Mal wörtlich zunehmen war, dennoch eine Veranstaltung, die sich nicht einfach übertragen lies. Sowohl Technik als auch Stimmung spielten jedoch mit und das Zoom Seminar mit Jörg Buttgereit und Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger überzeugte, ebenso wie die Trash Perle Terror Beneath the Sea, in Deutschland „bekannt“ unter dem Titel UX-Bluthund – Tauchfahrt des Schreckens. Unaufgeregt, mit viel Humor, aber auch Respekt und Anerkennung wurden Aspekte wie Kamera (unübliches 4:3 Format und fast ausschließlich Nahaufnahmen), Darsteller (bis auf den Japaner Sonny Chiba waren kaum professionelle Schauspieler dabei) oder die Effekte (heute witzig, aber erstaunlich gut für 1966) diskutiert. Somit ist der Heimkinoabend als Ganzes on- wie offline jedem zu empfehlen. Wer U-Boote, Monster à la Der Schrecken aus dem Amazonas, Sonny Chiba, hartes Overacting und eine Prise James Bond mag, der sollte nach UX-Bluthund – Tauchfahrt des Schreckens Ausschau halten. Dieser ist tatsächlich in Deutschland mit einer liebevoll restaurierten deutschen Tonspur und drei verschiedenen Covervarianten erhältlich.

 

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Und dies war, wie erwähnt, nur ein kleiner Auszug aus dem Programm. Die Zuschauer und somit der Erfolg blieb zum Glück nicht aus. Mit über 25.200 Zuschauer konnte man sogar das Rekordjahr 2019 (damals gut 17.000 Besucher) noch toppen. Ein Teil des Erfolges kommt sicher daher, dass man nun viel einfacher Japan- und Filmfans weit über Frankfurt hinaus erreichen konnte. In rund 40 Ländern wurden die Festivalfilme und das kulturelle Rahmenprogramm dieses Jahr gestreamt. Dennoch hoffen wir, die nächste Nippon Connection wieder ganz klassisch in Frankfurt begrüßen zu dürfen. Vielleicht ja mit einem begleitenden Streaming Programm. また来年。ライブで。

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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