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Veröffentlicht am 28.07.2020 | von Patricia Hölscher

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HANNES WITTMER – Das Ende der Geschichte


Foto-© Christoph Naumann

Wir sind Projektoren und Leinwand zugleich
Wir alle sind Spiegel (4x)
Spiegel
Man sieht sich vielleicht

(Hannes Wittmer – Ich Du Er Sie Ich)

Hannes Wittmer veröffentlicht inmitten einer globalen Krise vier Tracks in Kombination mit so etwas wie einem Minipodcast, respektive einer sehr langen Sprachnotiz, nennt es Das Ende der Geschichte und ich denke, mach das nicht! Beende nicht deine Karriere oder wie auch immer man wirtschaftlichen Erfolg in der kapitalismuskritischen Filterblase nennt, Hannes, bitte hör nicht auf Musik zu machen. Ich brauche ein paar Minuten, um zu realisieren, dass Hannes Wittmer sich auf den US-amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama und sein 1992 erschienenes Buch End of History bezieht, dass das hier viel mehr ist als bloß die nächste Veröffentlichung und dass der Würzburger sein Musikerdasein nicht aufgibt. Gut so! Schließlich hat er ja gerade erst seine Wohnung aufgegeben, aber das ist eine andere Geschichte, nachzulesen auf seinem Blog.

Hier soll es um die vielen klugen Gedanken zum Zeitgeschehen gehen, die Hannes Wittmer sich gemacht und zu vier Stücken Musik zusammengesetzt hat. Feingliedrige Sounds, fast wie von einer Spieluhr, tragen Wortgebilde durch die Luft wie die Samen einer verblühten Pusteblume. Keine Sorge, dieser Satz wird weniger kitschig, wenn ihn mehr Leute fühlen. Man kann Hannes‘ kritischen Blick auf die Welt deutlich hören. Er singt von vermeintlich bedrohten Existenzen, der nie enden wollenden Suche nach Identität, einem eigenen Rollenverständnis und dem sich Verorten in komplexen gesellschaftlichen Systemen. Im Prinzip ist das genau das, womit sich Hannes seit seiner Abkehr von einer Musik kommerziell verwertenden Industrie noch eingehender beschäftigt, als er es vorher eh schon tat. Für ihn ist es längst Alltag, von außen wirkt es noch immer wie ein mutiges Experiment. Wäre mal an der Zeit, solche Sichtweisen zu hinterfragen, oder? Was vermeintlich mutige Experimente angeht, bleibt Hannes sich aber treu. Er schenkt uns nicht einfach nur vier neue Songs – seine Musik kann gegen eine freiwillige Spende auf seine Homepage heruntergeladen und gestreamt werden – sondern liefert auch direkt seine eigene Interpretation dazu. Antworten ohne Fragen quasi. Die Idee ist so simpel wie genial. Nach vier Songs ist man absolut aufnahmefähig für achteinhalb Minuten gesprochenes Wort und danach mehr als neugierig, die Songs noch einmal zu hören.

Hannes bedankt sich auf seiner Homepage dann auch fürs „Hinhören“ und mir fällt plötzlich auf, dass das viel aktiver klingt als „Zuhören“. Sieht er wahrscheinlich ähnlich, da steht ja nichts ohne Grund. Irgendwas schwingt. Eine Zuhörerin bedankt sich in den Kommentaren unter dem Blogeintrag zur Veröffentlichung „für’s spiegeln und die Resonanz“Hartmut Rosa lässt grüßen. Hannes Wittmer ordnet Wörter nach Farben. Das hier ist echt. Das hier tut weh. Das hier ist 2020, ein sich viel zu behäbig vollziehender Paradigmenwechsel und zur Abwechslung mal keine selbstreferenzielle Kackscheiße. Hinhören ist das Mindeste, Hannes Aktivist: „Die immense soziale Ungleichheit, sexuelle (Diskriminierung) und Rassendiskriminierung und allen voran der drohende Klimakollaps lassen sich letztendlich nur dadurch bekämpfen, dass Menschen ihre eigenen Privilegien hinterfragen und bereit sind, sie aktiv aufzugeben. Es braucht also den Willen für politische Veränderungen genauso wie die Bereitschaft auf alte Privilegien und Selbstverständlichkeiten in Form von Konsum, Mobilität und persönlichen Freiheiten zu verzichten. Über das alles nur zu reden, sich zu echauffieren, Slogans und Hashtags in sozialen Medien zu teilen, ohne dabei die eigene Rolle zu reflektieren, wird auf Dauer nicht reichen […].“ Check your privilege. Ja, wieder ein aktueller Slogan. Ein Hashtag. Aber immerhin ein Anfang. Und was passiert, wenn deine Gefühle auf dem Boden der Tatsachen aufkommen? Werden sie zu einem scharfkantigen Scherbenhaufen? Hört sich das an, als würde jemand ein Ei zerditschen? Oder prallen sie dynamisch und unkontrolliert ab wie ein Flummi? Los, trau dich.

Hannes Wittmer – Das Ende der Geschichte
VÖ: 24. Juli 2020, Hannes Wittmer
www.hanneswittmer.de
www.facebook.com/hanneswittmer

Hannes Wittmer live:
28.08. Köln – Stadtgarten
29.08. Essen – Zeche Carl
04.09. Ludwigsburg – Scala
06.09. Erlangen – E-Werk (nur Abendkasse)
12.09. Hamburg – Knust Lattenplatz
13.09. Lüneburg – Schröder Garten

YouTube video

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