Interviews Giant Rooks @ Joseph Kadow

Veröffentlicht am 28.08.2020 | von Andreas Peters

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GIANT ROOKS – Interview

Foto-Credit @ Joseph Kadow

Der Begriff des Überfliegers reicht längst nicht an das heran, was die Giant Rooks in den letzten Jahren auf die Beine gestellt haben. Ob das Albumcover ihres überfälligen Debüts Rookery wohl darauf anspielt? Wie dem auch sei, seit Jahren ist und war das Indie-Fünfergespann ein gefragter Act auf Konzert- und Festivalbühnen und sorgte bei seinen Auftritten für Momente zwischen entgrenzter Euphorie und stillem Wundern – ohne bisher ein echtes Debüt vorgelegt zu haben. Mit Rookery wird nun vieles anders, auch wenn einiges bleibt. Und so wie das Quintett schon auf den EPs euphorische Melodien mit sensiblem Songwriting verknüpfte, spannt diese Platte den großen Bogen von berauschendem Power-Pop zu den inhaltlich großen Fragen, die die gerade mal Anfang Zwanziger jetzt schon umtreiben.

Zur Veröffentlichung von Rookery haben wir uns auf ein Interview mit Frontsänger Frederik Rabe und Gitarrist Finn Schwieters getroffen und die beiden zu genau diesen Themen befragt. Wir wollten außerdem noch wissen, wie es nach langer Zeit der Vorbereitung schließlich zu Rookery kam, wie tief die Wurzeln der einzelnen Songs zurückreichen und wie es sich anfühlt, gerade jetzt, bevor es richtig losgeht, einen Tag nach dem anderen zu nehmen zu müssen. Die Vorfreude auf die neue Bandphase kann ihnen das zumindest nicht nehmen, so viel ist nach diesem Interview schon mal klar. Vorhang auf für Rookery!

 

Hallo Fred und Finn, danke dass ihr euch die Zeit genommen habt! Euer Debütalbum „Rookery“ habt ihr lange vorbereitet, jetzt ist es endlich da – herzlichen Glückwunsch dazu! Wie fühlt ihr euch jetzt? Wie geht es euch damit? 

Finn: Das ist natürlich ein wahnsinniges Gefühl, das Album jetzt endlich fertig zu haben, weil für uns natürlich seit der Gründung 2015 das Debütalbum schon immer ein Thema war. Uns hat auch immer die Frage begleitet, wann der Zeitpunkt dafür da ist. Wir sind einfach wahnsinnig stolz auf uns, dass wir das Album jetzt fertig geschrieben und abgegeben haben. Wir sind auch sehr erleichtert und natürlich auch super gespannt, wie die Leute das aufnehmen werden.

Fred: Ich bin auch sehr erleichtert, dass es jetzt alles funktioniert hat, weil es auch für uns ein Mammutprojekt war. Wir haben das auf jeden Fall auch unterschätzt. Ein Debütalbum zu schreiben nimmt super viel Zeit und Energie gekostet. Es hat sehr viel Spaß gemacht, aber es war zwischenzeitlich auch sehr anstrengend und ich glaube wir sind auch alle so ein bisschen aufgeregt, wie das den Leuten gefällt. Auch was die Leute so dazu schreiben, auf den Musikblogs und Magazinen, wie es so in der Welt ankommt. Das kann man natürlich nicht beeinflussen. Da sind wir auf jeden Fall sehr gespannt.

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Die Umstände sind ja gerade sehr außergewöhnlich, vor allem was unsere Musik- und Veranstaltungskultur angeht. Wie fühlt es sich für euch an, gerade keine Konzerte mehr spielen zu können? Wie fühlt es sich an, gerade jetzt ein Album herauszubringen? 

Finn: Wir hatten uns das natürlich alles anders vorgestellt. Eigentlich hätten wir ja auch eine wahnsinnig lange Tour gespielt, von März bis Juli. Live spielen als Band ist für uns nach wie vor sehr wichtig. Dass das wegfällt ist natürlich super schade. Gleichzeitig war es keine Option, damit länger zu warten, weil wir ja auch alles fertig aufgenommen hatten, die Songs waren da und es war alles soweit fertig. Wir möchten das jetzt auch veröffentlichen. Das ist der einzig natürliche Schritt für uns gerade. 

Fred: Als klar war, dass wir eben keine Konzerte mehr spielen können, da ist uns natürlich auch so der Boden unter den Füßen weggezogen worden und wir hatten diese dreimonatige Tour in Amerika als Headline-Shows und Support-Shows für Milky Chance und in Europa überall eigene Shows. Wir haben uns auch überlegt, wie nutzen wir diese Zeit sinnvoll? Was können wir jetzt machen? Und dann haben wir uns gesagt, dass wir dieses Album jetzt richtig finalisieren und da jetzt unsere ganze Energie und Zeit reinstecken. Und wir sind extrem froh, dass wir das jetzt geschafft haben, weil es für uns auch so ein großes Ziel war von Anbeginn des Bestehens der Band.

Giant Rooks - Rookery Cover

Habt ihr während dieser Zeit noch aktiv Songs geschrieben, oder war dieser Prozess schon abgeschlossen?

Finn: Die Songs waren schon fertig geschrieben und wir hatten auch eigentlich schon alles im Studio aufgenommen. Vor allem während des „Lockdowns“ hatten wir sehr viel Zeit ganz detailliert ans Mixing der einzelnen Songs zu gehen, uns mit dem Artwork zu beschäftigen, mit der Tracklist und all sowas. Das sind so viel Sachen, die wir vorher gar nicht auf dem Schirm hatten, die noch alle dazugehören. Und da hatten wir dann einfach die Zeit, uns um diese Sachen zu kümmern. 

Fred: Ich kann mich noch gut daran erinnern. Die ganze Kommunikation während dieser letzten Monate war sehr schwer, weil wir wirklich vier oder fünf Telefonkonferenzen am Tag hatten und es immer nur relativ langsam voran ging, weil man eben sich auch nicht treffen oder persönlich austauschen konnte. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es extrem sinnvoll ist, wenn wir uns treffen und dann können wir ganz schnell Entscheidungen treffen. Deswegen hat sich das auch so in den letzten Monaten ganz schön gezogen. Das wäre unter „normalen“ Umständen sicher schneller gegangen.

Ihr habt ja mehrere EPs herausgebracht, habt intensiv im In- und Ausland getourt, bevor ihr jetzt Rookery unter die Fans bringt. Könnt ihr mir den Prozess / den Werdegang beschreiben, der dann zu dem Album geführt hat? 

Finn: Ich würde sagen, dass das schon eher ein Prozess, auf jeden Fall. Wir haben natürlich relativ lange darüber nachgedacht, wie wir unsere Zeit als Band nutzen wollen. Gerade am Anfang haben wir gemerkt, wie wichtig live spielen für unsere Entwicklung ist. Das hat uns wahnsinnig viel gegeben und auch das Selbstbewusstsein gegeben, dieses Album dann auch machen zu können. Weil wir auch immer schon sehr hohe Ansprüche hatten, auch das für uns bestmögliche Album zu schreiben. Wir haben also alle Zeit genutzt, um auch uns zu entwickeln und zu verbessern und auch eine klarere Vision zu formulieren, davon wie es klingen soll und was der Inhalt sein soll. Das ist dann auch im Schreibprozess immer klarer geworden. Wir haben ja konkret vor eineinhalb Jahren angefangen. Teilweise sind aber auch Ideen auf dem Album, die schon viel älter sind. So hat sich das dann zusammengesetzt.

Fred: Ja, es war ein längerer Prozess. Wir haben ja in den letzten Jahren so viele Stunden darüber gesprochen, wie das Album werden soll und wann wir das machen wollen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wir kommen ja aus Hamm und als wir dort gelebt haben, haben wir auch diesen Song „Wild Stare“ geschrieben. Als wir diesen Song hatten, haben wir uns die Frage gestellt: Was machen wir mit diesem Song? Wollen wir jetzt ein Album machen, wollen wir eine EP nach diesem Song benennen? Wir haben uns damals eben für die EP entschieden, weil wir uns noch nicht danach gefühlt haben und das hat irgendwann mal so richtig Klick gemacht.

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Ihr habt gerade gesagt, dass die Songideen teilweise weiter zurückreichen. Was ist der älteste Song auf dem Album?

Fred: Also die ganzen Songs sind alle neu. Teilweise basieren die aber auf alten Ideen. Zum Beispiel das Thema von „Watershed“ im Refrain. Diese Linie ist vier oder fünf Jahre alt. Die hab ich mal auf dem Klavier meiner Eltern geschrieben, zuhause in Hamm. Ich hab diese Idee rausgekramt, als wir im letzten Sommer im Studio waren, ich war auch nicht so ganz überzeugt davon. Dann habe ich die aber Finn mal gezeigt und Finn fand das total gut und wollte direkt weiter daran arbeiten. Und so ist das Album dann irgendwie auch entstanden. Wir haben einen Riesenordner mit tausenden kleinen Skizzen und Sprachmemos, diesen Ordner gehen wir immer wieder durch und hören uns da durch. Da sind ganz viele Ideen zum Album auch gekommen. Es sind viele kleine Ideen, an denen wir in der letzten Zeit weitergearbeitet haben. Der große Teil sind aber wirklich brandneue Songs, zum Beispiel „What I Know Is All Quicksand“, den haben wir zum Beispiel im Herbst 2019 geschrieben. Der hat zum Beispiel gar keine Verbindung zu früheren Skizzen.

Habt ihr bestimmte Themen, welche die einzelnen Songs verbinden?

Finn: Ja, auf jeden Fall. Also angefangen mit dem Albumtitel ist das so, dass Fred und ich uns immer Wörter und Sätze hin und her schicken, die wir gut finden. „Rookery“ war auch eins von diesen Wörtern. Das Wort kursierte dann irgendwie und irgendwann war schnell klar, dass das der Albumtitel werden würde. Das war eine ganz wichtige Entscheidung, weil wir davon auch ganz viel abgeleitet haben. Zum Beispiel den Intro-Song „The Birth Of Worlds“, der lehnt sich zum Beispiel total daran an, oder auch in „Heat Up“, da taucht auch diese Zeile „in the rookery“ auf. Das sind Sachen, die sich dann gegenseitig beeinflusst haben. Das ist der eine Rahmen, der andere Rahmen ist, grundsätzlich reizt es uns, in großen Bildern versuchen dramatische Geschichten zu erzählen, in surrealistischen Bildern. Das sind auch Sachen, die nicht rein autobiografisch sind, sondern auch teilweise fiktional, aber auf eine Art authentisch. Uns gefällt diese Art, Geschichten zu erzählen. Was wir im Laufe des Schreibprozesses auch festgestellt haben ist, dass das Album wahnsinnig viele Fragen aufwirft. Welche Rolle haben wir in der Welt? Wer bin ich eigentlich? Was mache ich hier? Das zieht sich bei ganz vielen Songs durch, auch wenn sie dann in der einzelnen Thematik ganz unterschiedlich sind. „What I Know Is All Quicksand“ zum Beispiel ist so entstanden, dass wir diese lauten, wütenden Strophen hatten und im Kontrast dazu diesen aufgehenden, sich zurücklehnenden Chorus. Da war die Idee, dass man in diesen bedrohlichen Strophen so eine Art Albtraum-Szenario beschreibt und im Chorus hast du dann diesen Moment des Aufwachens. 

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Noch einmal zum Titel der Platte, Rookery – was sagt das für euch aus?

Also zum einen fanden wir das vom Klang her natürlich gut, wir fanden es auch spannend, dass es so einen klaren phonetischen Zusammenhang zum Bandnamen. Oft werden Debütalben ja auch nach dem Bandnamen benannt. Das fanden wir auch cool, wollten das aber doch nicht so direkt. Deswegen fanden wir „Rookery“ schon aus dem Grund gut. Der Titel ist dann aber auch metaphorisch für das steht, wenn man es als „Nest“ übersetzt, dann steht „Rookery“ für den Ort, an dem wir gemeinsam Musik machen und diesen Traum auch verwirklicht haben. Im Prinzip repräsentiert das dann auch all das, was wir in den vergangenen fünf Jahren gemeinsam als Band erlebt haben, was am Ende auch zu diesen zwölf Songs geführt hat.

Gibt es bestimmte Musik die euch beim Schreiben der Songs begleitet hat?

Fred: So irre viele, so viel unterschiedlichste Arten von Musik. Unterschiedlichste Art von Gefühlen und Songwriting. Um jetzt einfach nur mal ein paar zu nennen, damit man es schwarz auf weiß hat… Ich tue mich da immer etwas schwer mit, weil wenn ich jetzt so ein paar Namen sage, dann sage ich eigentlich viel zu viele Namen nicht. Dann bleiben die meisten eigentlich ungesagt, und das finde ich immer etwas schade. Was mich so wirklich inspiriert, ist gerade was so aus England kommt. Diese neue etwas souligere Musik wie  zum Beispiel Arlo Parks oder Celeste, finde ich total stark. Aus Amerika Moses Sumney, aber natürlich auch so Namen wie Billie Eilish, Bon Iver, absolutes Vorbild, James Blake. Aber eben auch ganz viele Künstler*innen, die noch gar nicht so erfolgreich sind. 

© Nils Lucas

Ihr habt mal in einem Interview gesagt, dass ihr euren Sound als „Art-Pop“ bezeichnet. Wie wichtig sind euch Genres?

Finn: Ich glaube das spannende an der Zeit in der wir leben ist ja auch gerade, dass eigentlich so Genre mittlerweile überhaupt nicht mehr die Frage ist. Es gibt nicht mehr diese Schubladen. Wir selbst würden uns auch gar nicht in so eine Schublade stecken wollen, weil es für uns auch selber als Musikhörer eigentlich überhaupt keine Rolle spielt. Wir hören echt Musik, die wir gut finden und es ist damit so ein bisschen egal, wie die Genre-Bezeichnung dafür sein würde. Das ist eigentlich im Prinzip auch das, was wir dann versuchen, in unsere eigene Musik zu übersetzen.

Fast zum Schluss: Wie wichtig ist euch Bildsprache – gerade was eure Musikvideos angeht? 

Finn: Immer wenn wir einen Song schreiben, haben wir auch direkt Bilder dazu im Kopf und mögliche Musikvideo-Ideen. Es ist immer so, dass wir bei fast allen Musikvideos der letzten Jahre mit einem Freund von uns zusammengearbeitet haben, Sander Houtkruijer, ein ganz fantastischer Regisseur. Wir sind immer in einem ständigen Austausch mit ihm. Es ist auch sehr spannend, wie er als Filmkünstler unsere Musik interpretiert. Wir versuchen auch schon ihm da die Freiheit zu lassen, weil wir es gerade spannend finden, was seine Vorstellung von der Musik ist. Klar haben wir auch eine ganz eigene Vorstellung und sagen ihm dann, was uns gefällt und was nicht. Aber das lebt von einem ständigen Austausch, was in den Videos auch gut rüberkommt. 

Wie sehen die Pläne für die Zeit nach der Veröffentlichung aus? Wann können wir euch hoffentlich wieder auf der Bühne sehen?

Finn: Die gesamte Tournee, die wir jetzt eigentlich von März bis Juli gespielt hätten, haben wir ins nächste Jahr April, Mai gelegt und haben natürlich die Hoffnung, dass das dann auch geht. 

Fred und Finn, das hoffen wir auch sehr. Danke für das Interview!

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