Filmnews

Veröffentlicht am 22.09.2020 | von Helena Barth

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FANTASY FILMFEST 2020 – Rückblick

Die Zeichen für das 34. Fantasy Filmfest standen aufgrund der immer noch prekären Umstände dieses Jahr nicht besonders günstig. Die Fantasy Filmfest Nights, die seit 2005 alljährlich im Frühjahr stattfinden, mussten dieses Jahr bereits verschoben werden und auch andere renommierte Filmfestivals wie die Nippon Connection in Frankfurt am Main konnten bloß über diverse Onlineplattformen ausgetragen werden. So war es umso erfreulicher zu vernehmen, dass das in Deutschland größte Filmfestival für Genrefilme wieder im Spätsommer stattfinden konnte. Und als eines der wenigen Festivals in 2020 überhaupt auch dieses Mal in analoger Form.

Ursprünglich in Hamburg gegründet, sind sieben deutsche Großstädte zeitversetzt Austragungsort des Festivals. Seit zwei Jahren ist das Harmonie in Frankfurt Sachsenhausen Austragungskino für das FFF, ein gemütliches Arthouse Kino und in Frankfurt unter Kinoliebhabern für zahlreiche Sonderveranstaltungen wie die DisHarmonie, der Reihe für den abseitigen Film, bekannt.

21 Filme wurden in Frankfurt vom 09. bis zum 13. September präsentiert und wirklich jede Vorstellung war komplett ausverkauft. Das Fantasy im Titel des Filmfestes mag zunächst etwas andere Assoziationen hervorrufen als die Filme, die auf dem Festival gezeigt werden. Sowohl das aktuelle FFF- Team sowie die Gründer verbinden Fantasy mit „Fantasie, Innovation und Skurrilität“. So erschließt sich in Hinblick auf die ursprüngliche Wortbedeutung dem Zuschauer die Auswahl der Filme umso eher, die allesamt auf ihre Art und Weise absonderlich, unwirklich, gespenstisch und bizarr sind. So sind die Grenzen, was dazu gehört und was nicht, fließend; klar ist jedoch, es geht nicht (nur) um Fantasy à la Herr der Ringe, sondern schlicht Genrefilme, also den phantastischen Film als Ganzes. Dabei werden alle Filme in OV gezeigt und auch wenn ein Großteil der Produktionen englischsprachig ist, ist man keinesfalls auf diesen Markt beschränkt.  So hat besonders in den letzten Jahren zum Beispiel gerade das koreanische Kino viel  absonderlich und bizarres hervorgebracht. Und so durfte auch dieses Mal ein koreanischer Film auf dem FFF nicht fehlen.

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Allein schon die Einführung zu Bring me Home (2019), dem Spielfilmdebüt von Kim Seung- woo, war vielversprechend, wenn nicht sogar etwas verstörend: ein Film, der dem Orga- Team des FFF letztes Jahr nicht sogleich ins Auge fiel, da er als relativ klassisches Familiendrama beworben wurde. Doch der Film ist schließlich so viel mehr und zeigt so viel mehr, hauptsächlich Einblicke in menschliche Abgründe und deren Grausamkeit und Gefühllosigkeit. Ausgangspunkt der Handlung ist die seit sechs Jahren andauernde Suche eines Ehepaares nach ihrem Sohn, der bei einem Besuch auf dem Spielplatz verschwand. Und zunächst wirkt Bring me Home wie ein modernes Familiendrama, die Eltern geben die Suche nicht auf und tun ihr Möglichstes um einen geregelten Alltag führen zu können. Bis plötzlich einfach alles zerbricht und weitere dramatische Schicksalsschläge die Familie ereilen. Der Regisseur schafft es ästhetisch schöne Bilder einzufangen und dabei eine den Film durchziehende Trostlosigkeit und Gnadenlosigkeit zu vermitteln. Alles in dem Film ist düster, alles ist physisch und psychisch brutal und die An-sowie Spannung ist große Teile des Films über so greifbar, dass man den Tränen nah ist, ob der Erbarmungslosigkeit und Ausweglosigkeit. Einzig die bedingungslose Liebe der Mutter, ergreifend gespielt von Lee Young- ae, bekannt für ihre Rolle der Lady Vengeance, ist ein Hoffnungsschimmer in dieser entsetzlichen und leider realistischen Darstellung von fehlender Menschlichkeit. Bring me Home beschäftigt sich mit schwerwiegenden Themen wie Kindesmissbrauch, Korruption, Ausbeutung, Machtmissbrauch und ist unter anderen deswegen schwer zu ertragen, da der Thriller den Zuschauer eher extrem beschäftigt, als dass er unterhält. Ein Film, den man sehen wollen muss.

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Es gibt zwei Arten von Filmen, die dank dem fantastischen Publikum, auf dem Fantasy Filmfest ganz besonders intensiv wirken. Zunächst die richtig harten, psychologischen Horrorfilme und Genrefilme wie Bring me Home. Gerade bei komplett gefülltem Saal ist die Spannung fast greifbar und alle verharren in absoluter Stille bis das gesamte Kollektiv gemeinsam aufschreckt. Am komplett anderen Ende dieses Spektrums befindet sich Psycho Goreman, kurz P.G., bei dem das gesamte Publikum gemeinsam mit Regisseur Steven Kostanski lachend und jubelnd das Genre des Splatter- Trash abfeiert. Kurz gefasst ist P.G. eine triefend blutige Liebeserklärung an Power Rangers, versehen mit der kindlichen Freude und Naivität eines The Goonies und dem Kino der 80er im Allgemeinen. Wobei P.G. nicht die mittlerweile etwas abgenutzte Nostalgiekeule schwingt, sondern sich wörtlich ein sehr frisches Schwert aus Blut und Knochen zaubert. Alles beginnt damit, dass die Geschwister Mimi (so arrogant wie charmant gespielt von Newcomer Nita-Josee Hanna) und Luke (Owen Myre) erwecken dabei den titelgebenden Weltenzerstörer (gespielt von Matthew Ninaber), welcher fortan Mimis Befehlen folgen muss und das Kleinstadtleben gehörig durcheinanderbringt. Es dauert jedoch nicht lange bis sowohl alte Freunde wie auch Feinde mitbekommen, dass P.G. wiedererwacht ist und so kommt es wie es kommen muss, zu dem ultimativem Showdown des Universums direkt hier auf unserer Erde. Auf dem Weg dorthin gibt es viel Humor, viel Blut, eine völlig überbordende, epische Hintergrundgeschichte, japanische Hexen, ein Tentakelgehirn- Sidekick / Loveinterest und eine grandiose Musical Einlage. Klare Empfehlung für alle Fans von ehrlichem, herzlichem Trash.

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Neben den mit Herzblut produzierten Nischenfilmen sind einige Filme, die auf dem FFF gezeigt werden, so hochwertig produziert und hochpoliert, dass, wenn sie aus Hollywood kommen würden, definitiv das Potential zu einem Blockbuster hätten. So ist Sputnik (2020) von Egor Abramenko ein gutes Beispiel für einen Sci- Fi- Horrorfilm, der sich technisch und visuell gesehen mit Filmen wie Arrival (2016) und Life (2017) messen kann. Vor allem visuell orientiert er sich sehr an die Regiearbeiten von Denis Villeneuve und bringt einige spannende und interessante Ideen mit sowie den dröhnenden Sound, den Christopher Nolan mit seinen Filmen etabliert hat. Sputnik startet zwar als Sci- Fi- Horror, doch mit Verlauf der Handlung entwickelt er sich eher zu einem Sci- Fi- Thriller, da weniger gehandelt als geredet wird. Doch gerade in dieser Hinsicht lässt er leider etwas nach, da die Charakterentwicklungen nicht vollends zu greifen vermögen. Die Anspielungen und Parallelen die in Bezug auf ein totalitäres Regime und Parasiten fallen gelassen werden, schaffen Raum für mehr   und der Retro- Charme der 80er Jahre, der sich hier weder negativ noch aufdringlich gibt, machen den Film umso zugänglicher.

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So wie viele Filme auf dem Filmfest begeistern können, gibt es auch einige, die trotz vielversprechender Prämisse eher enttäuschen. Das Beispiel hierfür ist Inheritance von Vaughn Stein, der in seiner dritten Regiearbeit zum zweiten Mal nach Terminal (2018) mit Simon Pegg zusammen arbeitet. Und Simon Pegg ist auch das Highlight in diesem Suspense- Thriller um ein düsteres Erbe, das der verstorbene Patriarchat einer einflussreichen Politfamilie seiner Tochter (Lily Collins) hinterlässt und das nicht nur ihr Leben in den Ruin treiben könnte. Bedauerlicherweise vermag Inheritance weder Spannung zu erzeugen noch Interesse an den Figuren und ihren Schicksalen zu wecken und nimmt einfach alles vorweg, was eine gewisse Spannung erzeugen könnte. Wären der Figur von Pegg mehr Möglichkeiten gegeben sich zu entfalten, statt den Fokus auf die Familiengeschichte der Hauptfigur, die aus einer Telenovela stammen könnte, zu legen, wäre auch der obligatorische Twist der am Ende zwanghaft eingebaut wird umso überraschender. So wirkt Inheritance wie ein B- Movie Fernsehproduktion, die im Kino schlichtweg enttäuscht.

Enttäuscht hat die analoge Version des Fantasy Filmfest als Ganzes hingegen auch in diesem Jahr in keinster Weise. Trotz strenger Hygienevorschriften und einer verringerten Zuschauerzahl war es ein reines, auch im wahrsten Sinne des Wortes, Vergnügen sich im kleinen aber feinen Arthousekino an manchen Tagen sogar von Mittagsstund bis Mitternacht phantastische Filme mit einem fantastischen Publikum anschauen zu dürfen. Und die Auswahl an Genrefilme war wie so oft abwechslungsreich und faszinierend. Viele der Filme haben ein paar mehr Ecken und Kanten als der Mainstream, aber gerade das macht ja auch den Reiz aus. Schön zu sehen das Kino und Film so lebendig, einzigartig und vielfältig sind.

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