Reviews The Flaming Lips © George Salisbury

Veröffentlicht am 14.09.2020 | von Tom Whelan

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THE FLAMING LIPS – American Head

The Flaming Lips American Head Artwork
Foto-Credit © George Salisbury

Thinking of you and me at the movies,
we‘re so high that we forget that we‘re alive.

As we destroy our brains till we believe we‘re dead,
it‘s the American dream in the American head.

(The Flaming Lips – At The Movies On Quaaludes)

Sie feiern bald ihr 40jähriges Bestehen. Anderen Bands geht nach so einer Langstrecke die Luft aus. Wayne Coyne und seine Kohorte holen tief Luft, immer im Wissen, dass sie ein psychedelisches Paket der besonderen Art präpariert haben. Man hat sich ja daran gewöhnt, dass bei ihnen alles außerhalb der irdischen Balance liegt. Zu gerne suchen sie Zuflucht in Räumen, in denen Aliens, Zauberer, Feen, Einhörner, Dämonen oder Hexen ihr Unwesen treiben. Vor diesem Hintergrund erstaunt der Hinweis auf ihr Heimatland im Titel ihres sechzehnten Studioalbums. Nach all den kosmischen Ausflügen erfolgt die Rückkehr auf den Planeten Erde. Was ist da los?

Mit Erschrecken stellt Coyne in Will You Return/When You Come Down die Absenz von vertrauten Personen fest: „Flower head, now all your friends are dead, and their ghosts floating around your bed.“ Ganz offensichtlich hatten die Verstorbenen, um die es im Text geht, mehr Pech im normalen Leben als Musiker, die den Künstlerwahnsinn meistern. Es geht um Schuldgefühl. Die Musik dazu ist weniger elektronisch als die auf Oczy Mlody und hat mehr mit dem schwelgerischen Gefühl aus den glorreichen Tagen von The Soft Bulletin gemein, das ist hilfreich.

Nach dem Einstieg kommt es zur kleinen Kindheitsträumerei über Glühwürmchen. Deren Flugweg wird vom Hauchen der neuen Country-Queen Kacey Musgraves bezaubernd begleitet. Auch Dinosaurs On The Mountain ist ein Flashback. Coyne und sein Bruder saßen lange auf dem Rücksitz des Kombis der Eltern und interpretierten Landschaftsbilder bei Tag und Nacht. Der Stoff muss in der Erinnerung einiges hergeben, sonst hätte daraus nicht die bis dato beste Melodie des Albums entstehen können.

Drogenrausch und andere Dinge, die nicht so ganz mit dem Gesetz in Einklang stehen, werden unromantisch bearbeitet. In At The Movies On Quaaludes geht es um die älteren Brüder, die weit vor Coyne irgendwelches Zeug nahmen und auf Jüngere wie Darsteller in einem Weirdo-Film wirkten. Die Musik klingt beschwichtigend, so, als hätten die Beach Boys was mit den Carpenters angefangen. Mother, I‘ve Taken LSD handelt von Brüderchens Drogenbeichte. Sie erfolgte zu einer Zeit, als sich Hippies losgelöst gehen ließen und es die Beatles noch gab. Bringt euch bloß nicht um, heißt es in Brother Eye. Coyne ist hörbar besorgt und setzt zur Unterstützung auf sinfonischen Überschwang und elektronische Frickelei.

Der Sänger selbst war auch nie ein Kind von Traurigkeit, siehe You n Me Sellin‘ Weed und Mother, Please Don‘t Be Sad. Es muhen Kühe und ertönen Polizeisirenen. Coyne erinnert sich an Zeiten, als er noch nicht erwachsen war, Marihuana verkaufte und zwielichtige Gestalten kennenlernte. Er erzählt vom Koksdealer und der Frau, die auf dem Schlachthof schuftete. Die beiden sehnten sich nach einem besseren Leben, wie im amerikanischen Traum: „We‘re the king and queen, dope dealing celebrities, dreaming that one day we‘ll get out of this scene and into the magic trees.“ Vollpersönlich wird es im anderen Track. Coyne arbeitete in einem Fast-Food-Laden und wurde zusammen mit seinen damaligen Kollegen Opfer eines Raubüberfalls. Er musste seiner Mutter erzählen, was los war, weil er später als sonst nach Hause kam. Wie dankbar er bis heute für ihre Liebe ist, zeigt sich in My Religion Is You. Der Sänger findet guten familiären Zusammenhalt wichtiger als Glauben, an welchen Gott auch immer. Es ist der Song, mit dem man sich am meisten von allen anfreunden wird, weil er entwaffnend eingängig ist.

Bleibt die Kardinalfrage. Warum wird ein bald 60jähriger plötzlich so autobiografisch, erzählt er gebündelt von Geschehnissen aus den späten Sechzigern und den ganzen Siebzigern? Man wird das Gefühl nicht los, dass substantielle, womöglich altersbedingte Ernüchterung eine Rolle spielt. Coyne selbst kann nicht klagen, die Flaming Lips sind trotz ihrer experimentellen Ausrichtung heute eine populäre Band und gerade als Live-Act wegen ihres Erfindungsreichtums kaum zu übertreffen. Aber das Drumherum in Oklahoma City und anderswo ist kaputt. Die Scheinwelt, die man sich in den Staaten aufgebaut hat, funktioniert nicht mehr. Grenzen werden erkennbar, man spürt Unwohlsein, aus den Augen quillt Unflat. Man steht dem von Trump schonungslos offenbarten System ohnmächtig gegenüber und findet die Antwort u.a. in Gewalt, Sucht, Kriminalität und Spaltung. Von Düsternis angestachelt hat diese eskapistische Band ein Konzeptwerk geschaffen, das mehr erbaut als alles, was die Lips in den vergangenen zehn verworrenen Jahren fabriziert haben. Der Reality-Check hat ihnen neuen Schub gegeben.

The Flaming Lips – American Head
VÖ 11. September 2020, Bella Union/PIAS/Rough Trade
www.flaminglips.com
www.facebook.com/flaminglips

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