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Veröffentlicht am 5.10.2020 | von Andreas Peters

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CULK – Zerstreuen über euch


Foto © Antonia Mayer

Deine Nicht-Worte für mich
Führen mich in die Ohnmacht
Verschweigung bringt Vertreibung
Vertreibung bringt Verschweigung
Vergiss mein nicht

(CULK – Dichterin)

Für ein Album mit einer echten Kampfansage fängt Zerstreuen über euch dann doch sehr abwartend an: Sachte Orgelklänge bilden den anschwellenden Beginn von Leuchten und Erleuchten, dem ersten Song von CULKs zweitem Werk. Lang ist es der Ruhe dann aber nicht, der Ausbruch folgt, und das zeigt nicht nur das Crescendo, das hier dem gedämpften Vorleser-Sound der ersten Minuten folgt. Eine Dynamik, die auch im weiteren Verlauf der acht Songs von Zerstreuen über euch absolut prägend ist. 

Die Wiener Formation CULK, angeführt von Frontsängerin und Multiinstrumentalistin Sophie Löw,  die bereits mit ihrem ersten selbstbetitelten Debüt irgendwo zwischen Shoegaze und Postpunk für einiges an Aufsehen gesorgt hat, legen mit Zerstreuen über euch, produziert von Wolfgang Möstl (Nino aus Wien, Voodoo Jürgens, Dives,…), einen Nachfolger vor, der den Weg des Erstlings konsequent weiterführt. 

Die betörende Stimme von Sophie Löw immer im Vordergrund, umgeben vom verdichteten Nebel elektrischer Gitarren und rhythmischer Sohlentritte. Gewichtig sind auch die Themen, die die Band hier in den Vordergrund rückt: Es geht um Macht, um Liebe und um Selbstermächtigung. Innerhalb poetischer Lyrics drängt sich hier der ungleich geführte Kampf um Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen an die Oberfläche. Ob es die Unsichtbarmachung weiblicher Formen im Sprachlichen ist (Dichterin), soziale Rollenverteilungen (Helle Kammer), oder die psychologischen Schäden, die solche Erfahrungen nach sich ziehen (Jahre später) – Zerstreuen über euch schafft es, diese explosiven Geschichten zu einem dringlichen Werk zu formen, das trotz seiner politischen Schlagkraft wenig von seinem ästhetischen Anspruch verliert. 

Auf Nacht, von fiebrigen Gitarrenriffs getragen, besingt Löw die vielfältigen Strategien, mittels derer sich Frauen auf dem nächtlichen Nachhauseweg vor männlichen Blicken zu schützen versuchen: „Straßen, Schuhe wechseln / So tun, als würde ich mit jemand sprechen / Strenger Blick und schneller Gang“. Düster sind nicht nur die Bilder, die hier wiedergegeben werden, das pulsierende Echo der Musik sorgt zudem dafür, dass dieser Song nicht ohne Weiteres verhallt. Jahre später beginnt mit einem bassigen Fundament und verbleibt auch sonst musikalisch wie in ein dunkles Gewand gehüllt, was auch sonst zu der bedrückenden Thematik des Stücks passt. „Was ist schon normal / Was war schon normal / Du verstehst Jahre später / Du zerbrichst Jahre später nochmal“, singt Löw im ersten Vers. Mit dem angemessenen Timbre und einem zerbrechlichen Modus wird hier das Bild gemalt, was mit und in einem Menschen passiert, wenn persönliche Grenzen eingerissen werden, ohne dass man sich der Tragweite in dem Moment bewusst sein kann, in dem diese Übertritte begangen werden. Den Ausbruch im Herzen trägt auch Dichterin in sich, ein geladener Song über fehlende weibliche Daseinsformen im Bereich des Sprachlichen. „Du verschweigst mich. Und du begreifst nicht / Deine Sprache, sie ertränkt meine Wortе / Es gibt keine Orte für mich / Und diе du für mich hast / Führen mich weit weg von Einfluss und Macht“, schallt es hier aus einem Vers heraus und die Botschaft ist so dringlich, dabei so poetisch auf den Punkt gebracht, dass man nach dem Hören kaum noch weiß, was man schöner finden soll: die Message, oder wie diese musikalisch eingefasst ist. 

Dringlich und gereizt sind die Rhythmen und Zeilen von Zerstreuen über euch, mit dem CULK ein eindrückliches zweites Werk geschaffen haben. Dessen politische Aussage ist dabei so konsequent in eine ästhetische Form gegossen, wie es im deutschsprachigen Pop wirklich selten zu finden ist. Dass sie damit Gehör finden, kann man ihnen wirklich nur wünschen, in jeder Hinsicht.

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