Reviews

Veröffentlicht am 17.11.2020 | von Emely Triebwasser

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ANNENMAYKANTEREIT – 12


Foto-© Martin Lamberty

Weißt du noch wie es ist
Wenn tausend Stimmen singen
Und die Funken überspringen

(AnnenMayKantereit – Das Gefühl)

In Zeiten, in denen vermeintlich alle Aufmerksamkeit auf dem aktuellen Weltgeschehen liegt, fühlen sich AnnenMayKantereit unbeobachtet genug um über das zu schreiben, was sie wirklich bewegt. Unerwartet und plötzlich veröffentlichte die Band heute ein neues Album, welches auf den Namen 12 hört und von Markus Ganter produziert wurde. Mindestens genauso ungewöhnlich wie das Veröffentlichungsdatum ist auch das Album selbst, denn AnnenMayKantereit scheuen nicht davor die Dinge beim Namen zu nennen und auf den Punkt zu bringen, worum es ihnen geht. Für große Metaphern und poetisierende Texte hat das vierte Album des Trios dieses Mal keinen Platz, Corona, Moria, Hanau – auf all diese Themen wollen sie auf den 16 Tracks aufmerksam machen.

Direkt im ersten Song Intro wird klar, dass dieses Album schmerzlich ehrlich ist, mehr sprechend als singend erinnert Henning May davon, dass es nie eine Selbstverständlichkeit war, wie wir auf Konzerten miteinander singen konnten, bevor die Pandemie anfing unser Leben zu bestimmen. AnnenMayKantereit läuten mit ihrem Intro ein neues Zeitalter ein: „Auf der Menschenuhr schlägt eine neue Zeit. 12.“ Somit ist dieser Track auch der Namensgeber des neuen Albums, kurz, aber unwahrscheinlich aussagekräftig.

Dass es nach Covid-19 nie wieder so sein wird wie zuvor, das dürften wir mittlerweile alle realisiert haben, auch AnnenMayKantereit verdeutlichen diese Erkenntnis im zweiten Song So wie es war sehr einschüchternd. Obwohl in dem 47 Sekunden langen Track nur immer wieder zwei Sätze wiederholt werden, schafft er es eine apokalyptische Stimmung zu kreieren, welche sich noch durch das gesamte Album ziehen wird.

Vor allem im dritten Song Gegenwart hallt diese Stimmung noch sehr nach. Schmerzlich spiegelt dieser Track den Alltag der meisten von uns wieder, in dem wir versuchen uns so gut es geht von dem, was auf der Welt passiert abzulenken, während wir gleichzeitig Angst haben etwas zu verpassen. Aber auch an dem Umgang der Politik mit den Künsten während dieser Zeit übt die Band hier Kritik. Die Frage wohin die Gelder fließen oder woher sie kommen, beschäftigt aktuell viele Kunstschaffende, die Angst um ihre Existenz im kulturellen Bereich haben.

Nachdem Vergangenheit einen melancholischen Rückblick auf die vergangenen 10 Jahre der Band wirft, bricht mit Spätsommerregen der zweite Teil des Albums an, welches als Triologie verstanden werden kann. Von der Melancholie des Lockdowns geht die Platte nun langsam in die leichtere Zeit des Sommers über. In diesem Track noch sehr verhalten, denn der Text ist noch immer von der Isolation geprägt, bringt jedoch auch schon einen losgelassenen und unbeschwerten Sound mit.

Auch Fremdsprachen finden auf dem vierten Album der Band ihren Platz: in Warte auf mich (Padaschdi) ist immer wieder der russische Ausruf für „Warte“ (Padaschdi) zu hören und im Song Paloma singt May sogar vorwiegend auf spanisch. Mit Aufgeregt kommt das Album dann endgültig im Sommer an. Der Track verkörpert die Vorfreude und Aufregung über das wiedersehen nach einem endlos scheinenden Lockdown. Er erzählt die Geschichte von verschiedenen Personen, die sich endlich wieder oder auch teilweise zum ersten Mal treffen können, nachdem die Regelungen gelockert wurden. Es ist ein hoffnungsvoller, im Vergleich zu den anderen Tracks, fast schon überschwänglicher Song.

Jedoch folgt direkt darauf die dritte Phase des Albums, welche sich wieder vermehrt der Melancholie hingibt. In So laut so leer übt die Gruppe erneut Kritik an den oft inhaltslosen Parolen der Politiker, welche Versprechen geben, die sie nicht halten. Frust und Verzweiflung macht sich breit und sorgt dafür, dass die allgemeine Stimmung der Songs wieder düsterer wird. Besonders deutlich wird der Gesamtton des Albums in Die letzte Ballade, in der Henning May darüber singt, worüber er in Zeiten wie diesen singen würde. Wenn niemand besonders aufmerksam auf die Musikbranche schaut, weil die meisten mit dem aktuellen Weltgeschehen beschäftigt sind. Im Endeffekt macht dieser Track klar, dass die Band genau das in diesem Album gemacht hat; über die Dinge zu schreiben, die sie wirklich beschäftigen, losgelöst von Erwartungen und Leistungsdruck.

Im Allgemeinen spürt man das ganze Album hinweg die Zeit, in der es aufgenommen wurde, natürlich durch die unverblümten Texte, aber nicht zuletzt auch durch die unverblümten Aufnahmen. Das Album ist sehr organisch, so hört man zum Beispiel im letzten Song Outro das Vogelzwitschern im Hintergrund. Die Band selbst sagt, sie haben sich oft für die nicht ganz perfekten Handyaufnahmen entschieden, weil diese das Gefühl besser transportieren. So haben auch Versprecher und viele weitere Umweltgeräusche ihren Platz auf das Album gefunden. Auch über die Reihenfolge haben sich die Jungs ihre Gedanken gemacht, es soll von düster, über das Aufatmen bis hin zur bitter-süßen Wahrheit am Schluss führen. Daher sagt die Band, dass es ihnen am Herzen liegt, dass das Album in der richtigen Reihenfolge gehört wird, da es so ein Ganzes ergibt. Es macht außerdem Spaß nach und nach zu bemerken, wie sich die einzelnen Tracks aufeinander beziehen.

Ich möchte mich hier fast gar nicht auf eine Bewertung zum Album festlegen, da es so ehrlich und echt ist, dass es etwas eigenes ist, das sich jeglicher Bewertungsskala entzieht. AnnenMayKantereit sprechen hier komplett ungefiltert über alles, was sie dieses Jahr bewegt hat, wie kaum jemand sonst. Über diese Offenheit und Ehrlichkeit an dieser Stelle zu urteilen scheint mir falsch, daher bewerte ich das Album mit 5/5, da es genau so ist, wie es sein sollte, egal was meine persönliche Meinung zu einzelnen Songs ist.

AnnenMayKantereit – 12
VÖ: 17. November 2020 (digital) / 27. November 2020 (physisch), AnnenMayKantereit
www.annenmaykantereit.com
www.facebook.com/AnnenMayKantereit

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