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Veröffentlicht am 28.01.2021 | von Dominik

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SQUID – krachendes Chaos


Foto-© Holly Whitaker

Die britische Band Squid gehört wohl neben den anderen Newcomern Black Country, New Road zu den am heißesten gehandelten neuen Bands der alternativen Musik aus UK – es wurde also höchste Zeit, dass die in Brighton von Louis Borlase (Gitarre & Gesang), Ollie Judge (Schlagzeug & Leadgesang), Arthur Leadbetter (Keyboards, Streichinstrumente, Percussion), Laurie Nankivell (Bass & Blasinstrumente) und Anton Pearson (Gitarre & Gesang) gegründete Band nun auch endlich ihr Debüt ankündigt! Dieses erscheint in Form von Bright Green Field am 7. Mai via Warp Records, produziert wurde es von Dan Carey (black midi, Fontaines D.C., Sophie Hunger) und es folgt einem klaren inneren Tempo, das auf einer gut durchdachten, wenngleich komplexen Struktur basiert. Da alle fünf Bandmitglieder ähnlich intensiv am Kreativprozess beteiligt waren, ist es vor allem ein echtes Gemeinschaftsprodukt von Squid. Ihre Suche nach etwas Grenzenlosem, nach einem Sound, der nie stehenbleibt, sich immer weiter wandelt, zählt dabei ganz klar zu jenen Eigenschaften von Squid, die die Band so besonders macht. So hört man auf Bright Green Field unter anderem auch Field-Recordings von Kirchenglocken und Bienen, kombiniert mit dem, was ein von der Decke pendelndes Mikrofon aus einem Raum voller Gitarrenverstärker aufschnappen konnte; später dann gibt es einen 30-stimmigen Chor und ein Bläser- und Streicher-Ensemble zu hören, bei dem auch die Multiinstrumentalistin Emma-Jean Thackray und der Saxofonist Lewis Evans (Black Country, New Road) mitwirken.

Obwohl der Albumtitel eher pastorale Szenerien, also etwas Ruhiges, Ländliches erwarten lässt, handelt es sich dabei genau genommen um eine Finte – irgendwie typisch für eine Band, die ein Faible für Widersprüchliches hat. Was die tatsächliche Geografie von Bright Green Field angeht, liegen darin auch monolithische Gebäudeklötze aus Beton, dystopische Szenerien aus imaginären Metropolen. So wie eben auch ihre Musik mal aufgebracht und disharmonisch wirkt, um im nächsten Moment vollkommen im Groove wieder herkömmliche Song-Strukturen anzunehmen. So wie unsere Welt eben – mal entrückt und aus den Fugen geraten und dann wieder im Fluss. „Dieses Album entwirft eine imaginäre Stadtszenerie“, sagt Schlagzeuger Oliver Judge, aus dessen Feder die meisten Lyrics stammen. „Die Tracks illustrieren die Orte, Geschehnisse und die Architektur, die diese Stadt ausmachen. Unsere zurückliegenden Projekte waren eher verspielt, und es ging eher um Figuren, während die Musik dieses Mal düsterer klingt – und es eben eher um Räumlichkeit geht. Der emotionale Tiefgang der Musik ist dadurch noch größer.“

Da Judge auch viele Bücher zum Thema verschlang, stieg er automatisch immer tiefer in die Thematik ein: „Als ich dann bei Douglas Coupland las, dass wir in der ‘extremen Gegenwart’ leben, oder auch Mark Fishers und Merlin Coverleys Texte über die ‘Gespenster der Zukunft’ und ‘die langsame Abschaffung der Zukunft’, da wurde mir klar, dass wir ja schon ganz schön lange in einer düster-dystopischen Zukunftswelt leben.“

Abgesehen von den vielen neuen Ansätzen im Studio, den neuen thematischen Schwerpunkten, den vielen Ideen und Geschichten, die hier zusammenkommen – ist es vor allem ein ausgelassenes, eindringliches Album. Ein Werk, das die Unsicherheiten der Welt mit einer Neugier, einem Forscherdrang verbindet, indem es immer neue Richtungen einschlägt und sich auf immer neues Terrain bewegt.

Zeitgleich zur Albumankündigung präsentieren die Briten die erste Single Narrator, deren massiver Funk-Einschlag im Verlauf des Tracks im krachenden Chaos versinkt, während Gastsängerin Martha Skye Murphy ihre Harmonien darüber ausbreitet. Obendrein gibt es das erste offizielle Video der Band; die Regie für den Clip übernahm Felix Geen.

„Inspiriert ist Narrator von dem Film Long Day’s Journey Into Night von 2019“, kommentiert die Band. „Der Song handelt von einem Mann, der zunehmend nicht mehr zwischen Erinnerung, Traum und Wirklichkeit unterscheiden kann, und es geht darum, wie man seine Erinnerungen an andere Menschen häufig so verformt, dass das eigene Ego dadurch gestärkt wird. Unsere Gastsängerin Martha Skye Murphy hat dabei betont, dass so ein unzuverlässiger Erzähler häufig ein Mann ist, der Frauen als unterwürfige Charaktere in seiner Geschichte darstellen will. Nach einigen Diskussionen hatte sie dann die Idee, den Part der Frau zu spielen, die aus der dominierenden Erzählung des Mannes auszubrechen versucht. Für mich war’s das erste Mal, dass ich einen Songtext zusammen mit jemand anderem verfasst habe, und dadurch konnte ich auch eine Schreibblockade endlich überwinden.“

„Ich hatte schon länger vor, ein Video über den Kreativprozess im virtuellen Raum zu machen“, sagt Video-Regisseur Felix Geen über den Clip. „Also beispielsweise die einzelnen Komponenten und Prozesse genauer zu beleuchten, aus denen virtuelle Welten aufgebaut sind, ganz genau diese kleinen Felsen, Gesteinsklumpen und Schotterhaufen zu betrachten, die zusammen etwas Größeres ergeben. Ich finde oft, dass dieser ‘Blick hinter den Vorhang des Digitalen’ beim 3D-Designen spannender ist als das fertige Produkt, weil so auch der Prozess und eine Autorschaft erkennbar werden. Als ich gebeten wurde, eine Idee für Squids ‘Narrator’-Single einzureichen, da dachte ich sofort, dass dieses Thema perfekt passen könnte. Nachdem ich dann mit der Band gesprochen hatte, lag auf der Hand, dass wir ästhetisch und kreativ auf derselben Wellenlänge sind, und der ganze Arbeitsprozess lief danach auch absolut rund bis zum Schluss.“

Tracklist Bright Green Field:
1. Resolution Square
2. G.S.K
3. Narrator feat Martha Skye Murphy
4. Boy Racers
5. Paddling
6. Documentary Filmmaker
7. 2010
8. The Flyover
9. Peel St
10. Global Groove
11. Pamphlets

Squid Tour:
11.10. Bumann & Sohn, Köln
12.10. Molotow Skybar, Hamburg
18.10. Kantine Berghain, Berlin
21.10. Heppel & Ettlich, München

YouTube video

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Über den Autor

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