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Veröffentlicht am 25.03.2021 | von Christian Weining

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BEN HOWARD – Collections From The Whiteout


Foto-© Roddy Bow

What a day to go around
Heavy in the sound of breaking mirrors
What a day to go around
Head up in the clouds thought you were better
What a way to come around
Well I take you out, I take you walking, healing
Mercy
Shadow nearing
Course there’s knowing
Where to put the right words here in Where does all the time go?

(Ben Howard – What A Day)

Die Frage nach der Inspiration für ein neues Album wird nur zu oft mit dem Verweis auf das eigene Innere beantwortet. Lebenskrisen, die Verarbeitung eines Traumas oder die Suche nach dem Sinn, sind – wenn auch etwas klischeehaft – häufig der Stoff, aus dem Lieder, wenn nicht gar ganze Konzeptalben geschrieben werden. Dass aber auch außerhalb der eigenen Gedankenwelt inspirierende und vor allem kuriose Dinge passieren, die es sich in Lieder zu verarbeiten lohnt, zeigt uns Ben Howard auf seinem vierten Studioalbum.

Im Geiste des irischen und englischen Folk-Storytelling widmet sich der Weltenbummler aus der Grafschaft Devonshire (UK) nun nicht seinem Innern, sondern gibt Erzählungen aus dem beobachteten Außen zum Besten. Collections From The Whiteout versammelt schaurige Geschichten und Kuriositäten, wie die Betrügereien von Anna Sorokin in der New Yorker High Society, den Tod des Amateurseglers Donald Crowhurst oder die durch den Vater eines Freundes gefundenen Leichenteile in einem Koffer aus der Themse. Und nicht nur die Geschichten haben es in sich, auch klanglich passiert viel. Es vermischt sich das gesamte Schaffen Howards in einem neuen, wenn auch letztlich wie immer klar erkennbaren, howardischen Signature-Sound.

Die Inspiration überhaupt an einem neuen Album zu arbeiten, entstand noch vor der Geschichtensammlung auf Reisen in Portugal. Im Stück Santa Agnes von The Nationals Dessner-Brüdern verbarg sich für Howard eine akustische Faszination, die ihn nicht mehr los lies und zur Arbeit am neuen Studioalbum trieb. So ist es auch kein Zufall, dass Aaron Dessner als Produzent fleißig an der Entstehung mitgearbeitet hat und sein mittlerweile globales Netzwerk in die Produktion mit eingebunden hat: Yussef Dayes, Kate Stables (This Is The Kit), James Krivchenia (Big Thief) oder Rob Moose (Bon Iver, Laura Marling) sind nur einige der Namen, die beim kreativen Ping-Pong zwischen Schreiben, Aufnehmen und Mixen mitgemischt haben.

Aber was bedeutet es, wenn Howards enormes Songwriter-Talent und Dessners Geschick für die richtige Verstrickung von Sounds und Rhythmen aufeinandertreffen?

Gar nicht so leicht zu beantworten, denn der Sound ist so komplex, wie eingängig, nicht ganz greifbar und trotzdem mit Ohrwurmpotential. Mit effektreichen, genauso wie akustischen Gitarren, elektronischen und analogen Drum Beats (dank Dayes) und sphärischen Streichern und Keyboards, entwickelt das beteilige Kollektiv latent ineinander verwickelte Strukturen, die die Geschichten schweben lassen, ohne den Rückbezug zum Folk zu verlieren. Es scheint fast so als hätte man einen Deal gemacht zwischen atmosphärischem Sounddesign und melodiösem Ben-Howard-Pop. Am ehesten knüpft er damit an das Vorgängeralbum Noonday Dream an, das jedoch wesentlich rauer und düsterer war. Aber auch an frühe Zeiten werden Erinnerungen wach, wenn der Introvertierte Gitarrenheld auf Songs wie Rookery am Lagerfeuer zu singen scheint.

Eine stärkere Rolle bekommt die nicht immer ganz saubere und deshalb auch so charismatische Gesangsstimme, die auf den letzten beiden Alben manchmal nur wie ein weiteres Instrument erschien. Nun changiert sie durch Höhen und Tiefen, immer mit dem richtigen Sprung an den Ohrwurm Angelhaken. Auch wenn jedes Stück Zeit braucht sich zu entwickeln, hat man nach dem ersten Hören das Gefühl, man könnte schon alle Stücke mitsingen. Ein wunderbares Beispiel für die vielen Facetten des neuen Sounds ist Metaphysical Cantations. Mit vorsichtig rockigem Gitarrenriff und sanfter, träumersicher Gesangsstimme, verbinden sich komplexe elektronische Beats und groovige Drums während im Hintergrund sphärische Sounds wabern, immer wieder eingefangen von analogem Piano. Alles gleichzeitig: Wohlfühlen, sich am Klang reiben, mitsummen, nachdenken und den Geschichten lauschen.

Ben Howard schafft es damit auch sein viertes Album nicht so klingen zu lassen wie die vorigen, ohne dabei seinen Charme als Songwriter zwischen Folk und Atmosphäre zu verlieren. Mit Dessner holt er sich den derzeit wohl begehrtesten Kollaborateur mit ins Boot und der Plan geht auf. Collections From The Whiteout klingt nach dem, was es ist: das Werk eines ewigen Naturtalents mit der Hilfe eines Meisters seines Fachs.

Ben Howard – Collections From The Whiteout
VÖ: 26. März 2021, Island
www.benhowardmusic.co.uk
www.facebook.com/benhowardmusic

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