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Veröffentlicht am 15.06.2021 | von Dominik

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LUCY DACUS – Home Video


Foto-© Ebru Yildiz

Being back here makes me hot in the face.
Hot blood in my pulsing veins,
Heavy memories weighing on my brain.
Hot and heavy in the basement of your parents‘ place.
You used to be so sweet.
Now you’re a firecracker on a crowded street.
Couldn’t look away even if I wanted.
Try to walk away but I come back to the start.

(Lucy Dacus – Hot & Heavy)

In den letzten Jahren hat sich die amerikanische Songwriterin Lucy Dacus nach und nach als musikalische Chronistin an die Spitze der vergleichbaren Acts geschrieben und gesungen. Ob gemeinsam mit den Kolleginnen Phoebe Bridgers und Julien Baker als Songwriter-Supergruppe boygenius oder eben mit den beiden bisher veröffentlichten eigenen Alben No Burden (2016) und Historian (2018). Als letzte des Trios kehrt sie nach dem gemeinsamen EP-Ausflug (2018) mit einem neuen eigenem Album zurück – Home Video zeigt sie dabei auf der Spitze ihres Schaffens, hoch persönlich und gestärkt von dem gemeinsamen Projekt.

Mit Anbruch der Corona-Pandemie ging es für Dacus zurück in ihre Heimatstadt nach Richmond, Virginia, wo sie sich plötzlich den Erwartungen und Meinungen des kleinen Städtchens aufgrund ihres nicht mehr zu verbergenden Ruhms ausgesetzt war. Denn viele meinten Dacus, die in ihren Songs offen Themen aus ihrer Gefühlswelt behandelt, nun durch ihre Musik zu kennen – und sie damit auch konfrontieren zu können. Dieses Zerrbild nimmt sie direkt im Album-Opener Hot & Heavy zum Anlass und schreibt sich den Frust von der Seele, während sich der Song vom ruhigen Beginn, immer mehr zum dichten Indie-Rock-Ohrwurm hochschraubt und dabei auch ein wenig an ihre Liebe zu Bruce Springsteen erinnert, ist sie doch bekennender Fan. Der darauffolgende Song Christine bremst dann erstmal jegliche Beschwingtheit aus und bietet einen dichten Klangnebel, durch den Dacus’ Stimme einen den Weg weist.

In First Time übernehmen dann wieder die E-Gitarren die Führung – ein 1A Indie-Rock-Brett, in dem Dacus’ Stimme durch den Stereo-Raum zu schweben scheint, und der sich leider nicht so richtig auszubrechen traut. In VBS schwelgt sie in den Erinnerungen zu ihren Jugendjahren im Bibelcamp: “VBS means vacation bible school, and I went to tons of them. It’s where Christian parents send their kids over the winter, spring, or summer breaks from school to get closer to God, maybe learn some outdoor skills, and bring home useless crafts and totems like fruit of the spirit sand art and purity rings. I wrote the song in the van on the way to Nashville to record Home Video after seeing one of those readerboards outside a church advertising a wholesome church camp for kids. I thought about my first boyfriend, who I met at VBS, the resident bad boy who loved Slayer and weed more than Jesus. I took it upon myself to save him, and make him stop doing drugs (with an exception for snorting nutmeg). God, I was so lame.” Der Song dazu klingt melancholisch und zeugt wieder davon, dass Dacus nicht viel braucht, um einen in ihren Bann zu ziehen.

Cartwheel und Thumbs schließen sich dem in vielem als atmosphärische Mitte des Albums an, die das Album ein wenig Richtung der klanglichen Belanglosigkeit driften lassen, bis Going Going Gone als vielstimmiges akustisches Mitsing-Lied mit einer Charme-Offensive alles wieder ins Lot bringt. Natürlich sind hier auch wieder ihre boygenius-Kolleginnen mit dabei – wenn man schon untergeht, dann gemeinsam! Auch richtig schön, wie sich Lucy danach bei allen bedankt. Nachdem man sich zuvor so lange an der schönen Stimme von Dacus durchs Album entlang hangeln konnte, überrascht Partner In Crime mit Autotune-Ausflügen, die irgendwie so gar nicht zu Dacus passen wollen, aber daher stammen, dass sie am Tag der Aufnahmen Stimmprobleme hatte und daher damit experimentierte. Das Ergebnis fand sie danach so gut fand, dass es eben so blieb. Ungewöhnlich ist der Song schon, ist es doch gerade ihre Stimme, die die Songs von Dacus mit Emotionen aufladen, dafür ist der Song eine der Ausnahmen, auf dem die Band auch mal klanglich in die Vollen geht und auch mal ordentlich lärmen darf, sodass letztlich Erinnerungen an Bridgers I Know The End hervorgerufen werden.

Die aktuelle Single Brando löst Lärm und Autotone-Abwege direkt wieder in rhythmisches Wohlgefallen auf – mit angezogenen Handbremse ist das hier auf jeden Fall der Feelgood-Hit vom Album, der beschwingt und eingängig noch lange nachhallt. Please Stay ist dann noch mal ein emotionales Highlight, das musikalisch aber recht monoton daherkommt. Triple Dog Dare ruft dann ein zweites Mal den Phoebe Bridgers-Song I Know The End ins Gedächtnis, baut sich der fast 8-Minütige Song doch gemächlich von der introvierten Akustik-Ballade zur ausladenden Wall Of Noise auf, dass es nur so eine helle Freude ist.

Home Video ist ein Coming-of-Age-Album mit dem Lucy Dacus wieder einmal zeigt, dass sie aktuell eine der größten Geschichtenerzählerinnen ihrer Zunft ist, dass aber auch immer wieder offenbart, dass sie musikalisch oft nicht wagt über ihren Schatten zu springen, sondern lieber die Geschichten in den Mittelpunkt stellt, während die Untermalung mal monoton, mal eintönig als Begleitwerk plätschert. Was hier sehr negativ klingt, ist es letztlich aber nicht, ist es erstens Kritik auf sehr hohem Niveau, zweitens bekommen uns Lucys Gesang und Geschichten halt trotzdem noch bei jedem Song und drittens sorgen einige Highlights wie Going Going Gone, Brando oder Hot & Heavy dann doch dazu, dass man hier mit voller Überzeugung vom bisher besten und persönlichsten Werk von Dacus reden kann.

Lucy Dacus – Home Video
VÖ: 25. Juni 2021, Matador Records
www.lucydacus.com
www.facebook.com/lucy.dacus

Lucy Dacus Tour:
05.+06.11.21 Weissenhäuser Strand, Rolling Stone Weekender
31.03.22 Köln, Artheater
02.04.22 Hamburg, Molotow
09.04.22 Berlin, Lido
10.04.22 Jena, Trafo
13.04.22 München, Milla

YouTube video

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Über den Autor

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!



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