Buchvorstellung Michèle Maillet Schwarzer Stern

Veröffentlicht am 29.06.2021 | von Vanessa Hänf

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MICHÈLLE MAILLET – Schwarzer Stern

Im Winter 1943 wird Sidonie Hellénon, eine Hausangestellte der wohlhabenden jüdischen Familie Debreuils in Bordeaux, mit ihren zwei kleinen Kindern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der deutschen Besetzungsmacht verhaftet. Ohne eine Ahnung welches Verbrechen ihr zur Last gelegt wird muss sie die Torturen der Fahrt ins Ungewisse über sich ergehen lassen. Das unheilvolle Ziel ist das Konzentrationslager Ravenbrück. 

Sidonie ist keine Jüdin, sie ist eine in Martinique geborene Katholikin. Auch ihre Zwillinge Nicaise und Désiré sind nicht jüdischer Abstammung. Auf dem Weg nach Ravenbrück in völlig überfüllten Lastwägen und Güterwagons bemerkt Sidonie, dass sie und ihre Kinder die einzigen mit Schwarzer Hautfarbe sind. Sollte dies etwa der Grund für ihre Verhaftung sein? Sie kannte Erzählungen über die Arbeitslager der Deutschen, deshalb muss sie stark bleiben für sich und ihre Kinder. Ihre Kraft zieht sie aus ihrem in der Not geborenen Glauben an den Gott Agenor, der schon ihren versklavten Schwarzen Vorfahren zur Seite stand, und aus einem kleinen Notizbuch in dem sie ihre Erlebnisse niederschreiben kann. Die Grausamkeit der Taten im Konzentrationslager Ravenbrück, die sie noch erwarten sollten, überstiegen Sidonies Vorstellungskraft.

Der Roman Schwarzer Stern, in der Originalausgabe 1990 in Paris erschienen, erzählt die fiktive Leidensgeschichte der Sidonie Hellénon, die jedoch auf historischen Fakten basiert. Sidonies Charakter steht stellvertretend für eine Gruppe von Menschen, deren Schicksale bis heute in der deutschen Geschichte kaum thematisiert wurden. So ist ein Roman entstanden, der nicht nur inhaltlich bewegend ist, sondern auch für sich in Anspruch nehmen darf eine erste Stimme für die schätzungsweise zweitausend Schwarzen NS-Opfer zu sein.

Michèle Maillets klare und starke Sprache, die teilweise auf ein Minimum reduziert ist, hat die Kraft das hoffnungslose Schicksal der Familie, ihre Demütigung und das Festhalten am Leben trotz der Allgegenwärtigkeit des Todes in ihrer vollen Intensität zu vermitteln, sodass es für die Leser*innen nahezu physisch spürbar wird. Rassismus ist ein bis heute andauernde, weitestgehend unsichtbare Ideologie und Praxis. Nicht nur deshalb ist es wichtig, dass eine deutsche Neuausgabe von Michèle Maillets Roman Schwarzer Stern erscheint. Literarisch absolut wertvoll!

Michèle Maillet – Schwarzer Stern
VÖ: 07. Juni 2021, Unionsverlag
224 Seiten, Mit einem Nachwort zur Neuausgabe von Peter Martin
ISBN 978-3-293-20156-9

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