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Veröffentlicht am 22.09.2021 | von Tamara Plempe

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5K HD – Creation Eats Creator


Foto-© Hanna Fasching

I can’t do it on my own
I can only do so much
I can only breathe the air that you produce

(5K HD – Justice)

5K HD haben mit ihrer neuen Platte Creation Eats Creator ein Experiment gewagt und einige ihrer Singles nochmal als akustische Versionen neu aufgenommen. Wie läuft das bei einer Band, die eigentlich für ihren elektronischen Avantgarde-Pop-Sound bekannt ist? Tatsächlich gingen die Aufnahmen fix über die Bühne, erklärt Kontrabassist Manu Mayr in einem Interview mit der österreichischen Kronenzeitung, da die Band ihre Instrumente sowieso immer live gespielt hat und erst in der Post-Production dann Hall und andere Verzerrungen hinzugefügt wurden.

Trotzdem gab es für die akustischen Ausgaben der Songs nochmal ganz neue Arrangements: Manche Songs sind sparsam instrumentalisiert und auf ihren emotionalen Ausdruck reduziert, bei anderen kommt eine Orchestrierung dazu, wo vorher nur minimale Beats waren. Die Unplugged-Versionen erreichen dadurch mehr Intimität, mehr Klarheit, auch mehr Zerbrechlichkeit. Trotzdem wird auch hier mit einfallsreichen Effekten gespielt: Der Sound des Kontrabass wird verzerrt, indem Mayr die Saiten mit dem Fingernagel zum Schnarren bringt, die Trompete kreiert ohne Mundstück weiche, sirenenartige Töne, und ein mit Magneten und Filz präpariertes Klavier wird zu einem ganz eigenen, außergewöhnlichen Resonanzraum, der auf natürliche Weise Hall erzeugt. Man könnte den Titel des Albums als Anspielung auf diese Mühen verstehen, Sängerin Mira Lu Kovacs zufolge drückt Creation Eats Creator allerdings eher Sorge um den Planeten und Gesellschaftskritik Richtung Klimawandel und Schnelllebigkeit aus.

Dieses Thema greift der Opener Justice direkt auf: Klavier und Kontrabass geben einen verspielten Rhythmus vor, aber die Atmosphäre ist melancholisch. Kovacs‘ zarte, glasklare Stimme singt fast beschwörend: „We don’t have much time.“ Ein bedrohliches 5 vor 12-Feeling wird durch das Knurren und Dröhnen des Kontrabass unterstrichen. Bei solchen Tönen zeigt sich die Kreativität der Band: Es ist erstaunlich, was für Geräusche und Soundlandschaften sie mit rein akustischer Orchestrierung erschaffen.

Auch das schwermütige Selfish Lover greift die angespannte Beziehung zwischen Mensch und Erde auf („Creation eats creator/What we had is almost gone/Another touch would be one too much“). Die Experimentierfreude kulminiert auf What If, dem vielleicht besten Song der Platte. Seine elegante Bassline erinnert an die Akkord-Verläufe typischer James Bond-Songs wie Skyfall, und Lyrics wie „The government sold you for comfort and shame“ verstärken diesen Eindruck. Dann ein plötzlicher Tempo- und Stimmungswechsel, der Refrain bricht vollkommen aus der smoothen Düsterkeit aus und erinnert mit Kovacs elfenhaft hohem Gesang und dem überbordenden, orchestralen Crescendo im Hintergrund fast ein bisschen an Kate Bush. Darauf folgt ein Breakdown mit einem schlingernden, kratzigen Kontrabass, der perfekt an die Stelle eines E-Gitarren-Solos tritt. Das kühl-mysteriöse und jazzige Boulevard und das lässige Crazy Talk bieten dann Gelegenheit zum Durchatmen, bevor die Band es auf High Performer mit einem aggressiven Stakkato-Anschlag schafft, ein Klavier mit leichtem Reverb-Effekt beinahe nach Techno oder Dark Ambient klingen zu lassen.

In, Out sticht dann nochmal völlig raus: Im Original ein ziemlich verzerrter, brachialer Noise-Song, klingt er akustisch mit seinem düsteren Hip Hop Beat und den beinah gerappten Lyrics überraschenderweise fast wie ein Club-Song von 50 Cent. Die Trompeten starten mit einem simplen, eingängigen Hook, der nur darauf wartet, gesampled zu werden. Erst der Refrain lässt dann mit seinem melancholischen Balladen-Feeling wieder vertrautes Terrain erkennen. Auch der bisher größte Hit der Band, Happy Fxxxing Life, mutiert im akustischen Gewand zu einem ganz anderen Song. Von einem fröhlichen 80er Hit, der vom österreichischen Radiosender FM4 zum besten Song 2020 gewählt wurde und mit seinen Synths an a-ha, MGMT oder Empire of the Sun erinnert, wird das Lied zu einer traurig-bitteren Ballade, bei der das Thema Abschied erst richtig spürbar wird („There’s no way around it/Facing the biggest fear of all/Change the way I love you/Cause if I don’t I will fall“).

Diese Freude am Experimentieren macht das Album so besonders: Die Songs werden nicht in Greatest-Hits-Manier einfach nochmal aufgewärmt, sondern zeigen durch die Überarbeitung ganz neue Facetten oder kreiern eine völlig andere Stimmung. 5K HD gelingt die Gratwanderung zwischen warmer Intimität und kühler Abstraktion, zwischen Klarheit und Entfremdung, zwischen Jazz, Dream Pop und Noise. Der Name der Band soll laut Kovacs auf den Kontrast zwischen kalten Produktnamen wie bei HD-Fernsehern und der eigentlich doch sehr emotionalen Musik anspielen. Mit Creation Eats Creator zeigen sie, dass sie diesen Balance-Akt perfekt beherrschen. Für alte und auch neue Fans ein spannendes und richtig gut gelungenes Experiment.

5K HD – Creation Eats Creator
VÖ: 10. September 2021, ink music
www.5khd-music.com
www.facebook.com/5khdmusic

5K HD Tour:
21.09. Tonne, Dresden
22.09. Roxy, Ulm
29.09. domicil, Dortmund
30.09. clubCann, Stuttgart
03.10. Alte Feuerwache, Mannheim
12.10. Silent Green, Berlin
13.10. Münsterlandfestival, Münster
15.10. Hemmersdorf Pop Festival, Hemmersdorf

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