Kritik

Veröffentlicht am 26.10.2021 | von Tamara Plempe

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BORGA – Filmkritik


Foto-© Chromosom Film GmbH, Tobias von dem Borne

Wenn du alle Regeln befolgst, wirst du nicht reich. Wenn du keine Regeln befolgst, wirst du umgebracht. Du musst wissen, welche Regeln du befolgst und welche nicht.

(Der ‚Borga‘- Borga)

Borga – das ist die Bezeichnung für einen Ghanaer, der es im Ausland zu Wohlstand und Reichtum gebracht hat. Wörtlich übersetzt bedeutet es „reicher Onkel aus dem Ausland“. Von so einem kann Kojo (Eugene Boateng) als Kind nur träumen: Er und sein Bruder Kofi (Jude Arnold Kurankyi) wachsen in Accra in ärmlichen Verhältnissen auf. Kojo verdient sich durch Müllverbrennen und Metallsammeln auf einer Elektroschrott-Müllhalde etwas Geld für Cola oder Süßigkeiten dazu. Als sein Vater Akwasi (Adjetey Anang) ihn erwischt, gibt es eine Strafpredigt – schließlich sollte Kojo seiner Meinung nach lieber zur Schule gehen und sich durch ehrliche Arbeit seinen Platz im Leben sichern. Kojo ist davon nicht besonders überzeugt, vor allem weil sein Vater seinen Bruder Kofi zu bevorzugen scheint.

Akwasi versucht, seinem Sohn seine Lebensphilosophie näherzubringen: Wenn jeder die ihm zugewiesene Aufgabe erledigt und fleißig bleibt, wird es sich irgendwann auszahlen. Die wirtschaftliche Lage der Familie scheint sich aber trotzdem nie wirklich zu bessern. Den Gegensatz dazu bilden die Borgas, die reichen Leute, die am Strand in teuren Anzügen Partys feiern. Ihnen wird sowohl Neid als auch Skepsis entgegengebracht – viele schauen zwar auf sie herab, weil es in ihren Augen keine ehrlich arbeitenden Leute sind, und auch Kojo und seine Freunde machen Scherze und bezeichnen den Borga (Elikem Kumordzie) als Bonzen, wollen aber trotzdem so gut gekleidet und elegant sein wie er. Als Kojo den Borga fragt, wie er es schaffen könnte, so zu reich zu werden, gibt dieser ihm einen Rat, der sein Leben verändert: Sowohl alle Regeln beachten als auch alle Regeln brechen wird nicht zum Erfolg führen – nur wer clever entscheidet, welche Regeln er befolgt und welche nicht, wird es zu etwas bringen.

10 Jahre später lebt Kojo immer noch mit seiner Familie in der Nähe der Müllhalde und erfährt von einem Jugendfreund, dass dieser einen Onkel in Deutschland habe, der ihnen helfen könnte, dort Fuß zu fassen. Kojo, der mehr aus seinem Leben machen und etwas erreichen will, entschließt sich dazu, die gefährliche Reise anzutreten.

Die Ankunft in Deutschland verläuft zunächst enttäuschend: Kojo lebt eine Weile auf der Straße, bevor ihm ein Landsmann Arbeit verschafft. Er findet eine deutsche Freundin (Christiane Paul) und schafft es tatsächlich, auch zum Borga zu werden und seinem eigenen Neffen in Ghana als „reicher Onkel aus dem Ausland“ Geschenke zu schicken – doch dieser neue Reichtum bringt einige Hürden und Probleme mit sich und führt unter Anderem zum Konflikt mit seinem Bruder, der immer noch in Ghana lebt und Kojo vorwirft, die Familie im Stich zu lassen.

Die zentralen Themen von Borga sind Desillusionierung, Zerrissenheit und die Suche nach Erfolg und dem eigenen Platz im Leben: In Deutschland läuft nicht alles so, wie Kojo sich das vorgestellt hat, hinter dem Reichtum der sogenannten „Gewinner“ stecken oft Kriminalität, Betrug oder einfach nur Lügen. Er liebt und vermisst seine Heimat streckenweise, und doch sieht er in Ghana und der traditionellen Lebensweise seines Vaters keine Perspektive und glaubt, es nur im Ausland zu etwas bringen zu können.

Im Umgang mit diesen Themen zeigt der Film auch seine größte Stärke: Regisseur York-Fabian Raabe erklärt, dass er eine ghanaische Geschichte erzählen wollte, mit der sich Menschen weltweit identifizieren können. Das ist ihm gelungen, denn die Fragen, die Kojos Leben prägen, sind universal: Welchen Weg schlage ich im Leben ein, was muss ich tun, um es zu schaffen, Anerkennung zu finden und erfolgreich zu werden? Was bedeutet Erfolg, und welche gesellschaftlichen oder persönlichen Hindernisse tauchen für den einzelnen Menschen auf? Ein Land wie Deutschland bietet tendenziell natürlich ungleich bessere Startbedigungen, als sie Kojo hat – eine Tatsache, die der Film auch nicht verschweigt oder schönredet. Raabe schafft es so, das Thema Migration ohne eindeutigen moralischen Zeigefinger oder direkte Anklage zu verpacken, die Geschichte konzentriert sich auf das Menschliche, auf die persönlichen Geschichten seiner Protagonisten. Kojos Probleme werden weder kleingeredet noch als reines Politikum instrumentalisiert. Es gibt keine cartoonhaften Bad Guys, man kann bei den Konflikten meistens beide Seiten gut verstehen. Auch wenn der Film nicht ganz ohne klischeehafte Momente auskommt, schafft er es trotzdem, sein schwieriges und sensibles Thema authentisch und einfühlsam zu inszenieren. Die tollen schauspielerischen Leistungen, allen voran der ausdrucksstarke Eugene Boateng in der Hauptrolle, tragen ihr Übriges dazu bei. Insgesamt ein wichtiger und sehenswerter Film zu einem immer noch hochrelevanten Thema.

Borga (2021 D / GHA)
Regie: York-Fabian Raabe
Darsteller: Eugene Boateng, Christiane Paul, Adjetey Anang, Lyda Forson, Thelma Buabeng
Kinostart: 28. Oktober 2021, Across Nations Filmverleih

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