Kritik

Veröffentlicht am 27.10.2021 | von Sam Pacheco

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DEAR EVAN HANSEN – Filmkritik


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High School-Schüler Evan Hansen (Ben Platt) und seine alleinerziehende Mutter Heidi (Julianne Moore) versuchen, trotz seiner sozialen Phobie und ihrer endlosen zusätzlichen und immerfort kurzfristig verschobenen Schichten im Krankenhaus, irgendwie durch’s Leben zu kommen. Evan definiert sich ausschließlich über seine Krankheit und eine ebenso ungesunde Fixierung auf seine Mitschülerin Zoe Murphy (Kaitlyn Dever). Er hat keinerlei Hobbys oder Interessen. Auch sein einziger Freund Jared (Nik Dodani) steht ihm eher ablehnend gegenüber und sieht sich als unfreiwilligen Familienfreund: da deren Mütter befreundet sind, hat er keine andere Wahl.

Eine Reihe von Zufällen und Missverständnissen führen dazu, dass ein Brief, den Evan im Rahmen seiner Therapie an sich selbst schrieb, Zoes Bruder Connor (Colton Ryan) a) zum Selbstmord treibt und b) seine Mutter Cynthia (Amy Adams) davon überzeugt, dass Evan und Connor beste Freunde waren. Evan kann mit seinem dünnen Nervenkostüm und mangelndem Durchsetzungsvermögen nichts gegen Cynthias traurige Augen tun, die sich mit beträchtlicher Inbrunst nach irgendeinem Strohhalm und nach dem geringsten Lichtblick in der Finsternis von Connors Leben für die Trauerarbeit sehnen. So ist es einfacher, ihr zu geben, was sie will: er fängt an, zu lügen. So entwickelt die Lüge ein Eigenleben und Evan baut sich nach und nach das Leben seiner Träume: mit Familie, Anerkennung seiner Mitschüler und Liebe.

Zuerst haben Justin Paul und Benj Pasek Dear Evan Hansen als Musical entwickelt, zum Broadway gebracht und dort gleich sechs Tony Awards und mehrere Grammy Awards eingefahren. Später hat dann Steven Levenson darauf einen Roman basiert, der zum Bestseller wurde. Bei Universal Pictures versprach man sich dementsprechend für die Filmadaption ähnlichen Erfolg, kaufte die Rechte und heuerte erstmal Stephen Chbosky (Perks of Being a Wallflower) als Regisseur, Steven Levenson (Fosse/Verdon & Masters of Sex) zum schreiben des Drehbuchs und u.a. Ben Platts Vater und die Autoren des Musicals als Produzenten. Vom Eindruck des Musical-Films ausgehend kann man sich jedoch bei weitem die Erfolge des Musicals und des Buches nicht erklären.

Die Lieder sind derart emotional manipulativ, unpassend und gleichermaßen melodramatisch schwer, dass man sich über jede vergossene Träne ärgert und durchweg deprimiert ist. Jede Nahaufnahme von Platts Gesicht wie er sich, mit zugegebenermaßen beeindruckender Stimme die Seele aus dem Leib singt, ist eine Qual. Die Darstellung von Angst-Neurosen und psychischen Krankheiten generell insbesondere unter Jugendlichen ist ein wichtiges Thema an sich, aber was anfangs im Film noch vielversprechend wirkt, artere in typisch amerikanisch-oberflächlichen Kitsch aus.

Eigentlich sind wir es ja gewohnt, in Filmen ältere Schauspieler in Rollen von High School-Schülern zu sehen. Mit ein paar Tricks in Sachen Garderobe, Frisur und Make-Up lässt sich mit ohnehin jung aussehenden Darstellern einiges erreichen. Sowohl er selbst als auch der Regisseur bestanden darauf, dass nur Ben Platt diese Rolle spielen könne. Leider stürzt hier der 27-jährige Platt dank meterdicker Schminke und alberner Perücke mit seiner Jesse Eisenberg-Imitation ins “unheimliche Tal” (uncanny valley). Man denke an Steve Buscemis 21 Jump Street Parodie in 30 Rock – aber ohne Ironie. Kaitlyn Dever nimmt man hingegen viel eher ab, dass sie noch nicht ganz erwachsen ist. Somit sind Szenen mit Dever und Platt zusammen ziemlich unangenehm anzusehen, zumal jede Chemie fehlt und es keinen richtigen Grund zu geben scheint, warum Zoe Evan toll finden sollte.

Das andere große Problem – neben den vielen weiteren kleineren – von Dear Evan Hansen (in all seinen Formen: Musical, Buch und Film) betrifft den zentralen Konflikt: Connors Selbstmord wird als Anlass zur Figurenentwicklung genommen, sonst nichts. Wir lernen so gut wie nichts über Connor und Evans erfundene Geschichten nehmen ihm seine Stimme und Identität. Evan schleust sich auf soziopathisch heimtückische Art und Weise in Connors Familie ein und straft obendrein seine Mutter mit Funkstille und Missachtung. Mit jeder neuen Ebene wird das Kartenhaus der Lügen prekärer und unerträglicher anzusehen. Es hat etwas von Joaquin Phoenixs Joker, der sich eine Liebesbeziehung mit seiner Nachbarin einbildet…

Ob man Dear Evan Hansen gut findet hängt hauptsächlich davon ab, wieviel Empathie man mit Evan aufbauen kann. Fans des Musicals bzw. des Buchs werden sich vielleicht an diversen Änderungen stören. Wir für unseren Teil raten stark von allen Formen von Dear Evan Hansen ab.

Dear Evan Hansen (USA 2021)
Regie: Stephen Chbosky
Darsteller: Ben Platt, Amy Adams, Julianne Moore, Kaitlyn Dever, Amandla Stenberg, Nik Dodani
Kinostart: 28. Oktober 2021, Universal Pictures International Germany

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