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Veröffentlicht am 29.11.2021 | von Saskia Böttjer

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ANDY SHAUF – Wilds


Foto-© Colin Medley

One in the morning, baby
Will I disappear?
Do you have the money?
Are we getting out of here?
Tuesday’s for nothing, baby
What’s your Wednesday like?
Everything looks better when you’re in a different light

(Andy Shauf – Green Glass)

Ja, ich bin großer Fan des feinfühlig-großartigen Songwriters Andy Shauf, denn er kann einfach einfach keine schlechten Alben produzieren. Zum Beweis liefert der, als melancholischer Songwriter mit der Clarinette bekannt gewordene Kanadier mit einem weiteren Konzeptalbum wieder ab.

Die neun Songs auf Wilds sind ein Überbleibsel, wenn man einen Songpool aus über 40 (!) Stücken so nennen kann. Diese sind während einer Writing-Session zum Vorgängeralbum Neon Skyline (2020) entstanden, passten aber dann nicht zum Gesamtgefüge des Vorgängeralbums, das sich auf eine Nacht in einer Bar konzentriert. Zu gut für die Tonne! Dabei hatte Shauf zuerst Probleme, diese vielen Songs zu schreiben, verwarf das ursprüngliche Bar-Konzept und schrieb Songs über eine Frau namens Judy. Sie taucht in Wilds überall auf und kann somit als ein Begleitstück zum Vorgänger interpretiert werden, ein Wiedersehen mit den zum Scheitern verurteilten Liebenden in den verschiedenen Phasen ihrer Beziehung.

Musikalisch steht dieses Album jedoch für sich. Dafür dass man bei Andy Shauf sonst eher üppige, orchestrale Instrumentierung hört, klingt Wilds Lo-Fi und beinahe nach Indie-Rock. Das liegt eben auch an der besagten Entstehungsgeschichte und gehört so. Die ungefilterte Rohheit ist ein aufschlussreicher Einblick in Shaufs Denkweise während der Zeit. Die Songs werden hier in ihrer ursprünglichsten Form präsentiert – er spielt alle Instrumente, denkt sich die Arrangements spontan aus und nimmt alles selbst mit einer kleinen Bandmaschine in seinem Studio in Toronto auf. Hintergrundrauschen, überspitzer Gesang, leise Drums – das Unperfekte, nicht Überdachte und Rohe als direkter Draht zu uns Hörern. Viele der Songs hören wir im Entstehungsprozess – live aufgenommen, zum ersten Mal: “It was kind of like, if there’s a spot and I come up with a part for it in the next hour, that’s what it’s going to be”, beschreibt Shauf. “They’re quick ideas and kind of quick sketches. The arrangements are really concise and there’s not much decoration to it. Everything’s just utility.”

Dieses Unperfekte und eine Zerrissenheit tragen Shaufs Charaktere so häufig in sich. Verlorene Seelen in oder am Rande der Depression erhalten durch seine Songs eine Stimme. Ihre Menschlichkeit wirkt so wahrhaftig, dass es manchmal schmerzt. Green Glass ist exemplarisch dafür und für die Art und Weise dieses Albums. Mit starker Energie und Melodie, geradezu ein wenig rockig, präsentiert Shauf den Song über das Gedankenkreisen und Verloren sein bei Nacht und wie sich die Sichtweise durch das grüne Glas der Bierflasche, also Alkoholismus, besser anfühlt, aber das Leben und die Beziehung belastet.

Auch die Die Balladen-Single Jaywalker erzählt von einer Person, die nicht darauf achtet, wohin sie geht, während sie die Straße überquert, und am Ende des Liedes allein in einem Krankenhaus aufwacht, mit einem Traum von Judy, die ein Auto fährt, und keiner Ahnung, was zum Teufel passiert ist. Tiefergehend erforscht Shauf ein weitaus existenzielleres Thema: die Erfahrung der verlorenen Seele, die sich durch das Leben schlängelt („Hanging around town never looked on you“), die Depression auf niedrigem Niveau, die so verbreitet ist, dass sie für alle anderen unsichtbar ist („All of your friends started wondering why / You were choking back tears at an easy goodbye“), und die guten und schlechten Möglichkeiten, die das Leben einem bieten kann, wenn man es am wenigsten erwartet.

Texte, die sehr nahe gehen, gepaart mit ausufernden Melodien, machen Andy Shaufs Songs so zeitlos gut – auf Wilds noch einmal mehr. Hier sind Arrangements und Inhalt per Zufall perfekt aufeinander abgestimmt und beweisen seine außerordentlichen Songwriter-Fähigkeiten. So anspruchsvoll wie es sich liest, soll es aber keineswegs abschrecken: kurzweilig und knapp, versprechen die neun Songs a drei Minuten ein herzerwärmendes Hörvergnügen.

Andy Shauf – Wilds
VÖ: 19. November 2021, Anti
www.andyshauf.com
www.facebook.com/andyshaufmusic

Andy Shauf Tour:
02.05.2022 Hamburg, Knust
03.05.2022 Berlin, Silent Green
06.05.2022 Köln, Luxor

YouTube video

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