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Veröffentlicht am 30.11.2021 | von Elias Ott

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NILS FRAHM – Old Friends New Friends


Foto-© LEITER Verlag

Das Debüt-Album ist bereits 16 Jahre her, im Schnitt zwei Veröffentlichungen im Jahr, Kollaborationen mit Ólafur Arnalds, Peter Broderick oder zuletzt wieder F.S. Blumm – man kann davon ausgehen, dass sich auf Nils Frahms Festplatten einiges angesammelt hat. Den Gang ins virtuelle Archiv, den der Wahl-Berliner für Old Friends New Friends antrat, musste er also gar nicht erst mit in der Pandemie gewonnener Zeit begründen. Was ist bei der großen Aufräumsause, die nach den Releases von Graz und 2X1=4 das Jahr abschließt, herausgekommen?

Rund zwanzig Stücke geben einen ganz auf das Klavierspiel Frahms fokussierten Einblick in die Jahre 2009 bis 2021. Das Gute an so einer Zusammenstellung, die ja immer ein wenig nach Vertragserfüllung oder Ausverkauf riechen: Hin und wieder klingen zwar Motive an, die in abgewandelter Form auf den endgültigen Durchbruch Spaces (2013) oder in den Soundtrack für Victoria (2015) gelangten. Trotzdem bietet sie ebenso wenig ein Best-of des Bekannten noch Demo-Schnipsel für Hardcore-Fans, sondern versammelt Stücke, die aus Hörer*innen-Sicht problemlos auf den zahllosen weiteren Alben Platz finden würden.

Spätestens jetzt könnten böse Zungen einwenden, dass daran eine gewisse Gefälligkeit nicht ganz unschuldig ist: Das Einzige, was Frahms Musik fordert, sind Musikkritiker*innen und PR-Agenturen auf der Suche nach neuen Synonymen für „intim“, „warm“ und dem elendigen „atmosphärisch“. Doch nicht die stressfreien Rückzugsräume, die seine spartanischen Kompositionen eröffnen, sind das Problem – sondern die Gründe, die eine riesige Nachfrage nach störungsfreier Musik verursachen.

Zurück also zu Old Friends New Friends, das vom verrauschten, wabernden Todo Nada über seichte Arpeggios bis zum angenehmen Groove eines New Friend beinahe alle Finessen Frahms versammelt. Nach mutigeren, wuchtigeren Ansätzen, wie sie mal Hammers (2013), mal das elektronische All Melody (2018) formulierten, sucht man dagegen vergeblich. Immerhin kehrt mit The Chords Broken Down ein wenig Spannung in die bekannten Harmonien ein, was im Laufe der rund achtzig Minuten jedoch schnell vergessen geht. Bei allem Verständnis für die Aufgabe, die Aufnahmen eines Jahrzehnts auf wenige Stücke herunterzubrechen, hätte man Frahm, dem weder Introspektion noch Minimalismus fremd sind, ein bisschen mehr Marie Kondo gewünscht: „This one sparks joy, this one does not.“

Wer also gerade nach vorweihnachtlichem Wohlgefallen sucht, wird ihn an Old Friends New Friends selbstverständlich finden. Die spannendere Frage für die nächsten Wochen lautet dagegen, ob beim Ausräumen noch genug Zeit blieb, auch für dieses Jahr einen wunderschön kitschig-knisternden nils frahm xmas mix vorzubereiten.

Nils Frahm – Old Friends New Friends
VÖ: 3. Dezember 2021, LEITER
www.nilsfrahm.com

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