Kritik

Veröffentlicht am 15.12.2021 | von Tamara Plempe

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MONTE VERITÀ – DER RAUSCH DER FREIHEIT – Filmkritik


Foto-© tellfilm, Grischa Schmitz, DCM

Das Klima ist mild, die Luft ist sauber… dort ist die Freiheit keine Utopie, sie ist real, sie wird gelebt.

(Dr. Otto Groß – Monte Verità)

Hanna Leitner (Maresi Riegner) geht es nicht gut: Sie leidet unter Asthma-Attacken und Ohnmachtsanfällen und wird von ihrem Mann (Philipp Hauß) tagsüber missachtet und nachts sexuell bedrängt. Von den strengen gesellschaftlichen Erwartungen an eine gutbürgerliche (Ehe-)Frau im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts fühlt sie sich eingeengt. Nachdem ihr Mann eines Nachts gewalttätig wird, flieht Hanna Hals über Kopf aus dem Haus zu einem Sanatorium auf dem Monte Verità. Ihr Arzt Dr. Otto Groß (Max Hubacher) hält sich dort auf und hatte den Ort ihr gegenüber als „gelebte Utopie“ angepriesen. Es gibt dort nämlich außer frischer Luft und langen Sonnenbädern auch Vorträge, nächtliche Tänze ums Feuer, eine Nudistenkolonie und eine vegetarische Lebensweise. Monte Verità besteht nicht nur aus Ärzten und Patienten, sondern aus Sinnsuchenden, die eine neue Gesellschaft aufbauen möchten.

Hanna ist zunächst hin- und hergerissen zwischen Skepsis gegenüber diesen radikalen Ansätzen und einer gewissen Faszination. Da immer mehr illustre Gäste auftauchen, wie z.B. Isadora Duncan (Eleonora Chiocchini) und Hermann Hesse (Joel Basman), wird Hanna von der Gründerin Ida Hoffmann (Julia Jentsch) zur Hausfotografin ernannt und damit beauftragt, Porträtaufnahmen für eine Ausstellung über das Sanatorium anzufertigen. Dabei lernt sie sich selbst von einer ganz neuen Seite kennen und sieht sich alsbald gezwungen, eine Entscheidung zu treffen zwischen ihrem alten Leben und einer potenziellen neuen Identität als freie Frau und Künstlerin.

Die 3-Länder-Ko-Produktion zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich unter der Regie von Stefan Jäger spielt zwar 1906, beleuchtet aber Themen, die heute immer noch aktuell sind: Die Selbstbestimmung der Frau, die Veränderung der Welt, die Suche nach Freiheit und Sinn im Leben. Dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht, macht ihn besonders interessant: Den Monte Verità, die Gründerin Ida Hoffmann und den Arzt Otto Groß gab es wirklich. Der Berg war ein Zufluchtsort für Aussteiger und Lebensreformer, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Restriktionen der autoritären, bürgerlichen Gesellschaft in den industrialisierten Städten lösen wollten. Die Rückkehr zur Natur wurde als essentieller Weg zur Heilung des modernen Menschen betrachtet.

Deswegen sind der Berg und die ihn umgebende Natur auf jeden Fall weitere Hauptcharaktere des Films, die in betörenden Momentaufnahmen in Szene gesetzt werden. Fast spürt man die heilsame Kraft der Natur durch die Leinwand auf sich als Zuschauer*in fließen, so sehr atmen die sonnendurchfluteten Bilder. Über die ästhetische Ebene schafft es Monte Verità, emotional zu berühren – allerdings hätte man sich manchmal statt einer weiteren Naturaufnahme noch tiefergehendere Dialoge und einen komplexeren Einblick in die durchaus interessanten Figuren gewünscht – diese bleiben nämlich, abgesehen von Hanna, etwas blass, zumindest gemessen an dem Potenzial der historischen Vorlage.

Monte Verità ist ein ästhetisch ansprechender Wohlfühl-Film mit prächtiger Cinematographie und Ausstattung, der spannende Themen anschneidet, aber leider nicht voll ausschöpft und sich etwas in Langatmigkeit verliert.

Monte Verità – Der Rausch der Freiheit (CHE, AUT, DEU 2021)
Regie: Stefan Jäger
Besetzung: Maresi Riegner, Max Hubacher, Joel Basman, Hannah Herzsprung, Julia Jentsch
Kinostart: 16. Dezember 2021, DCM

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