Kritik

Veröffentlicht am 10.01.2022 | von Julius Tamm

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PLEASURE – Filmkritik

I need to get out!

(Bella Cherry – Pleasure)

Rund 25 Prozent aller Internetsuchanfragen gehen auf Pornografie zurück. Der gefilmte Sex ist ein Milliardengeschäft und kostenlose Sites vereinfachen den Zugang immer weiter. Von Penetrationssex bis zu Fetischfantasien und Orgien lässt sich alles finden. Was sich abseits der Kamera abspielt, bleibt jedoch oft verborgen. Pleasure von Ninja Thyberg portraitiert das Leben einer aufstrebenden Porno-Darstellerin und scheut sich dabei nicht, harte Kritik an der Branche zu nehmen.

Are you here for business or pleasure“, Arbeit oder Vergnügen – auf die Frage des Beamten am Flughafen antwortet die 19-jährige Linnéa (Sofia Kappel) schmunzelnd Pleasure – Vergnügen. Dabei meint sie eigentlich beides. Sie ist den langen Weg aus Schweden in die Stadt der Engel gekommen, um Sex vor der Kamera zu haben – gegen Geld. Warum, das wird in diesem Film nicht wirklich erklärt. „I like to fuck“, sagt Bella Cherry, Linnéas neuer Künstlerinnenname, an einer Stelle, in der nächsten Szene will sie die größte Pornodarstellerin der Branche werden.

Doch lange hat es sich nicht mit Pleasure. Anders als es in den Videos den Anschein erweckt, ist nicht alles nur Lust, Leidenschaft und Spaß. Dauernde Präsenz auf Social Media, Rivalitäten und Gier machen aus Linnéas Traum ein Albtraum. Als sie sich mit „Hardcore“-Filmen einen Namen machen will, erfährt sie, welche Abgründe ihre Branche haben kann. Genötigt von einem aggressiven Regisseur, lässt sie sich stundenlang vor laufender Kamera vergewaltigen, um wenigstens das Geld zu bekommen. Ihr Agent gibt Linnéa anschließend die Schuld an der Situation, weshalb sie kündigt und sich alleine durchkämpfen will.

Manchmal ist sie kurz davor aufzugeben, doch irgendwas in Linnéa treibt sie weiter an. Ein Telefonat mit ihrer Mutter verrät, dass in ihrer Heimat niemand etwas von ihrer Karriere in Los Angeles weiß. Auf die Aussage, dass sie ihr „Praktikum“ nicht mehr schaffe, entgegnet Linnéas Mutter, dass sie im Leben immer auf schlechte Menschen treffe und lernen müsse, damit umzugehen. Und so kämpft die 19-Jährige weiter, geht an ihre Grenzen, setzt noch einen drauf. Jeder Erfolg von Bella Cherry wird von einem Ausdruck in ihren Augen begleitet, der verrät, dass sie schon längst aufgegeben hat.

Pleasure ist extrem. Extrem unangenehm und deshalb auch so extrem gut. Der Film von Ninja Thyberg öffnet Augen und zeigt, was eigentlich passiert, wenn wir heimlich in den Inkognito-Modus des Browsers wechseln, einen Porno starten, die Hose runterlassen und uns selbst befriedigen. Wir unterstützen eine Industrie, die Frauen nicht nur wie Objekte behandelt, sondern sie auch dazu zwingt, sich selbst wie Objekte zu verkaufen. Die Kritik an der Branche ist hart und angebracht, jedoch wirkt Pleasure sehr wie ein erhobener Zeigefinger. Pornografie ist per se nichts Verwerfliches. Feministische Produzent*innen und Darsteller*innen, die Freude an ihrem Beruf haben, versuchen seit Jahren, weg von den Schmuddel-Klischees zu kommen.

Pleasure (2021)
Regie: Ninja Thyberg
Darsteller: Sofia Kappel, Kendra Spade, Evelyn Claire
Kinostart: 13. Januar 2022, Weltkino

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Über den Autor

Hat irgendwas mit Medien studiert, schaut gerne Filme und schreibt auch noch drüber. Autor bei bedroomdisco, FRIZZ Darmstadt, hr-iNFO Online und hessenschau Social Media.



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