Interviews

Veröffentlicht am 26.01.2022 | von Hella Wittenberg

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TOCOTRONIC – Fehler sind oft gut

Foto-© Gloria Endres de Oliveira

Was für ein T-Shirt-Spruch: Nie wieder Krieg ist schon eine mehr als deutliche Ansage. Wie gut, dass Tocotronic auch mit ihrer 13. eben genau so betitelten Platte nichts Semi-Geiles raushauen wollen. Sie gehen den ganzen Weg. Mit Ausrufezeichen. Klar, dass sie am Promo-Tag zum neuen Werk gut umschwärmt werden. Die Leute haben Rede-Bedarf. Wollen mehr Hoffnung – so wie die 2020er Single der Band mitten im Pandemie-Irrsinn versprach und nun dieses Gesamtwerk über Verletzlichkeit und Zerrissenheit nachliefert.

Dirk von Lowtzow und Jan Müller jonglieren also mit dem einen Teil der Presse, Arne Zank und Rick McPhail mit dem anderen. Als ich das zweite Duo treffe, wirken sie entspannt. Ja, tatsächlich strahlen sie diese Hoffnung aus, die sich alle so dringend wünschen. Aber vielleicht mag das auch an dem Thema liegen, das wir gleich zu Beginn anschneiden, als wir unseren guten Hafer Drink in die Kaffees kippen…

Arne Zank: Die ganzen Milch-Alternativen sind doch mit der Plörre, die man vor Jahren noch kaufen konnte, nicht zu vergleichen. Jetzt ist das Meiste echt super und nicht mehr so eine flockige, dünne Suppe.
Rick McPhail: Aber ich habe neulich mal einen Hanf Drink ausprobiert, das war einfach nur scheiße.

Musst gerade du sagen! Eben meintest du noch, dass du im Supermarkt nicht mal die Oatly shoppst, weil du da zu geizig bist.
Rick: (lacht) Stimmt natürlich. Da gucke ich auf den Euro.

Seid ihr im Studio eigentlich geizig? Schaut ihr da, dass ihr bloß nicht zu viel Zeit verbraucht und zackig durchkommt mit allem?
Rick: Im Studio sparen wir gar nicht, da machen wir das Teuerste, was geht! (lacht)
Arne: Na wir müssen schon gucken, dass wir zu Potte kommen. Ich würde sagen, wir haben inzwischen unser Toco-Tempo gefunden. Das ist ein zügiges. Aber geizig sind wir deshalb nicht. Wir arbeiten halt sehr eigenverantwortlich.
Rick: Zum Glück sind wir keine 20-Take-Band, wir kriegen das eher in vier bis fünf Runden hin. Das liegt auch an unserer guten Vorbereitung. Vor dem Studiobesuch steht immer auch viel proben an.

Toco-Tempo passt als Motto auch gut zur neuen Platte. Auf Nie wieder Krieg ist kein Wort zu viel oder zu wenig. Alles sitzt. Alles ist on point und homogen.
Arne: Da bist du auf der richtigen Fährte. Wir haben nicht lange fackeln müssen bei den Stücken. Es ist ja eine Taktik von Dirk, dass er die Stücke auch untereinander verweben können möchte. Und das hat er dieses Mal echt flott hinbekommen. Was ich richtig erstaunlich finde!

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Wenn ihr zum Beispiel an einer Uni eure Musiktipps teilen müsstest, wäre das ein Punkt auf eurer Agenda: Denkt nicht zu lange nach, haut das einfach raus?
Rick: Also ich war jetzt zwei Jahre Professor an einer Uni…

Und was haben die jungen Menschen mitgenommen?
Rick: Das ist jetzt gar nicht so einfach. Ich nehme zum Beispiel gerade eine Band auf und das können schon auch mal zehn Takes werden. Wenn man aber da sitzt und zuhört, dann fällt einem auf: Man braucht nicht die vielen Takes. Eigentlich kann man nach dem ersten aufhören. Nur wenn man selbst mitspielt, sieht man das ganze Bild nicht. Das gibt dieser Moment der Konzentration nicht her. Aber ja, ich würde wohl sagen, dass man lernen muss, loszulassen. Gerade das digitale Aufnehmen bringt die Gefahr des Verzettelns mit sich. Mit dem Tonband früher klang das nach einigen Aufnahmen auch qualitativ schlimm und nun hast du dieses Problem nicht mehr. Das neue Problem heißt dafür: Du weißt nicht, wann es Zeit ist, eine Entscheidung zu treffen. Nur genau die braucht es öfter. Oder das Bewusstsein dafür. Denn wenn man so lange an etwas arbeitet, bis es rund ist, schafft man schon wieder zu viel Glätte. Ein fehlerfreies Produkt, was egal ist. Fehler sind oft gut.

Die sorgen aber auch dafür, dass du mitten in der Nacht wach liegst und darüber nachdenkst, wie du es hättest besser machen können.
Rick: Stimmt! Aber du kannst nicht immer den Director’s Cut machen. Ich war glücklich mit dem ersten Blade Runner und auch mit dem ersten Apocalypse Now. Man braucht nicht zig Versionen davon. Ein Maler geht ja auch nicht zwanzig Jahre später zu seinem Bild und pinselt noch was nach. Da muss man sich echt von frei- und weitermachen. Das checken scheinbar viele nicht. Wie so einige Regisseure…
Arne: Naja, das kann auch ein Konzept sein. Wie bei Remixen. Aber an sich stimme ich dir zu, Rick. Eine gewisse Begrenztheit ist absolut wichtig. Auch für das Kreativsein sind Grenzen gut und irgendwie angenehm.

Wie bleibt ihr kreativ, wenn ihr live auch The Hamburg Years auf die Bühne bringt? Ist das nicht das Gegenteil von dem, was ihr gerade erzählt?
Rick: Für mich war es ja das erste Mal, dass ich Songs wie Die Welt kann mich nicht mehr verstehen live spielen durfte. Das war also gar kein Kreativ-Killer. Ich mag die alten Lieder. Und ich mag Grunge. Da habe ich kein Problem mit, das zuzugeben.

Deine liebste Grunge-Platte?
Rick: God’s Balls von Tad wahrscheinlich. Wobei auch Nirvanas Bleach der Wahnsinn ist. Gerade von den ersten Sub-Pop-Alben mag ich den Klang, also was Jack Endino da geschaffen hat, ist einfach herrlich.

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Könnt ihr euch selbst eigentlich Gänsehaut machen?
Arne: Na klar!
Rick: Das funktioniert vor allem live. Da gibt es speziell mit Unwiederbringlich einen Song, der mich immer so berührt hat, dass ich auf der Bühne fast geweint hätte. Selbst wenn ich jetzt darüber nachdenke, kommen mir wieder die Tränen. Live war das so, dass ich mich dazu zwingen musste, gar nicht richtig zuzuhören, weil ich sonst nicht hätte weiter Performen können. Ich bewundere Dirk dafür, dass er das so singen kann, aber ich könnte nie so ein Lied ohne Weinen selbst bringen. Da muss man wohl lernen, wie ein Schauspieler zu ticken, um das hinzukriegen.
Arne: Früher habe ich mich mehr fallen lassen, aber inzwischen kann ich das besser dosieren und sogar ein wenig damit spielen. Ich kann mich auch mal mehr rausnehmen und der Beobachter sein, was teils auch damit zusammenhängt, dass ich schlichtweg mit der Zeit an meinem Instrument besser geworden bin. Das Schwelgen in der eigenen Musik ist jedenfalls nicht das, was immer so hilfreich ist. Man muss da eher klar sein.

Da würde dir Billie Eilish wohl widersprechen. In der 2021er Doku The World’s A Little Blurry ist zum Beispiel zu sehen, wie sie bei einem bestimmten Song live immer ziemlich emotional wird. Sie geht da richtig rein ins Gefühl…
Rick: Aber ist ihr das nicht peinlich?
Arne: Das glaube ich nicht. Ich denke, sie weiß genau, was sie da tut. Man kann sich ja auch kontrolliert fallen lassen. Das ist quasi noch eine Stufe weiter an Virtuosität. Schon sehr bewundernswert.

Nun gibt es ja aktuell nicht viele Möglichkeiten, um live auftreten zu können. Wie fühlt ihr euch in der drölfzigsten Corona-Welle und Krisenzeit?
Rick: Naja, ich musste das Geld aus der Corona-Hilfe zum Beispiel wieder zurückzahlen, weil ich letztlich angeblich doch genug verdient hatte. Da wird halt nicht gecheckt, dass man als Musiker so eine Achterbahnfahrt mit dem Verdienst mitmacht.
Arne: Wie beknackt das aber ist, dass das in der Bürokratie immer noch so ein angesehenes Modell ist, dass darauf geschaut wird, dass der Gehaltscheck immer der Gleiche ist. Wie viele Menschen arbeiten denn noch so? Das ist doch eine altertümliche Vorstellung! Aber zum Glück gab es letztlich Unterstützung – wenn auch über sehr verschlungene bürokratische Pfade.
Rick: Ich hätte jedenfalls Bock, dass es bald mal weitergeht mit so einem normalen Live-Betrieb. Ich war im Sommer 2021 erstmalig wieder auf einem Konzert als Zuschauer, kurz bevor wir mit Tocotronic wieder live spielen wollten und dann kam raus, dass bei der Show, bei der ich zu Gast war, einer positiv getestet wurde. Ab dem Punkt war halt alles wieder scheiße, weil plötzlich jeder eigene Gig auf dem Spiel stand. Aber bei mir war ja dann zum Glück alles gut. Dennoch hatte ich für einen Moment den Gedanken: Ich gehe nie wieder auf ein Konzert!

Tocotronic Tour:
02.03.22 Marburg – KFZ
03.03.22 Jena – Kassablanca
04.03.22 Saarbrücken – Garage
05.03.22 Düsseldorf – ZAKK
07.03.22 Dresden – Alter Schlachthof
08.03.22 Dortmund – FZW
09.03.22 Erlangen – E-Werk
10.03.22 Magdeburg – AMO
06.04.22 München – Tonhalle
08.04.22 Köln – E-Werk
09.04.22 Leipzig – Felsenkeller
11.04.22 Hannover – Capitol
12.04.22 Wiesbaden – Schlachthof
13.04.22 Stuttgart – LKA Longhorn
14.04.22 Freiburg – E-Werk
16.04.22 Hamburg – Edel Optics Arena
22.04.22 Berlin – Columbiahalle

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