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Veröffentlicht am 4.02.2022 | von Anne Beier

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MITSKI – Laurel Hell


Foto-© Ebru Yildiz

If I keep myself at home
I won’t make the same mistake
That I made for fifteen years
I could be a new girl
I will be a new girl

I wish that this would go away
But when I’m done singing this song
I will have to find something else
To do to keep me here
Something else to keep me
Here’s my hand
There’s the itch
But I’m not supposed to scratch

I need you to love me more
Love me more, love me more

(Mitski – Love Me More)

Nach ihrem Erfolgsalbum Be The Cowboy (2018) erscheint heute das sechste Studioalbum von Mitski. Und es könnte durchaus ihr letztes sein. Nachdem sie 2019 beschloss, dem Musikgeschäft den Rücken zu kehren, realisierte sie, dass ihr Plattenvertrag noch ein letztes Album vorsah. Und so kam es dazu, dass die amerikanische Künstlerin uns noch einmal elf Songs beschert. Auf Laurel Hell bleibt sie ihrem 80er-Pastiche-Synthie-Sound treu, eröffnet jedoch neue thematische Tiefen. Neben Songs über Liebe und Verlust, handelt das neue Album eben auch von ihrem schwierigen Verhältnis zum Musikgeschäft. In Interviews hat sie immer wieder betont, wie sehr sie mit den Umständen einer Musikkarriere, der Öffentlichkeit, dem Druck hadert. Mitsuki Laycock, wie Mitski mit bürgerlichem Namen heißt, schrieb viele der Stücke während und teilweise vor 2018. Das Album wurde im Mai 2021 final gemischt und steht heute in den Plattenläden als Zeugnis der Schönheit der Kunst und der Schwierigkeit diese zu erschaffen, verbunden mit der Hoffnung, dass die Geschichte hier doch noch nicht zu Ende ist.

Bei all der komplizierten Einleitung und den inneren Kämpfen – eines klingt das Album nicht: schwermütig. Die federleichten Popmelodien tragen die schweren Gedanken der Texte. Dabei klingen Laycocks Kompositionen ironischerweise so kommerziell wie selten zuvor. The Only Heartbreaker ist beispielsweise eine perfekte 80s-Popnummer mit Pat Benatar-Vibes und Percussion im Takt eines Herzschlags. Dieser begegnet uns wieder in There’s Nothing Left Here for You, das sich dramatisch groß in eine Symphonie aus Gitarren, Synthesizern und Schlagzeug ergießt, um dann wieder ruhig auszulaufen. Ein Wechselbad der Gefühle, perfekt in Szene gesetzt. Als eine Brücke zwischen relativ klassischen Pop-Stücken und dem Eingemachten – nämlich der Auseinandersetzung mit ihrer Karriere – könnte die vordergründig perfekte Tanznummer Love Me More gesehen werden. Diese wirkt erst einmal relativ glatt und mitreißend, im Text wird jedoch unaufhörlich mehr gefordert – mehr Liebe, mehr Orientierung, mehr Sinnhaftigkeit: „I need you to love me more / Love me more, love me more / Love enough to drown it out / Drown it out, drown me out.“ Es ist von Fehlern die Rede, von Neuanfang. Am offensichtlichsten sind diese Überlegungen in Working for the Knife. Vor einem weniger gefälligen und komplexeren Klanggerüst sinniert Mitski: „I used to think I’d be done by twenty / Now at twenty-nine, the road ahead appears the same / Though maybe at thirty, I’ll see a way to change / That I’m living for the knife.“ Der Opener Valentine, Texas rahmt gemeinsam mit dem letzten Song That’s Our Lamp das Album voller Widersprüche und Mehrdeutigkeiten. Im ersten definiert sie ihren Platz, aber beschreibt auch die Transformation, die ein Leben als Künstlerin verlangt: „Let’s step careful into the dark / Once we’re in I’ll remember my way around / Who will I be tonight / Who will I become tonight.“ Mit That’s Our Lamp – ein Song über eine Trennung und das Loslassen – endet das Album mit den Worten: „We may be ending / I’m standing in the dark / Looking up into our room / Where you’ll be waiting for me / Thinking that’s where you loved me.“

Und so lässt Laurel Hell einen mit dem Gefühl zurück, dass nicht alles gesagt ist…oder vielleicht doch. Die Stücke sind weniger konsistent und allgemein gefälliger als frühere Mitski-Platten. Der Kontrast aus dancy Popnummern, doppeldeutigen Texten und einer offensichtlichen wegweisenden Entscheidung für das Leben als Künstlerin machen Lust darauf, die kunstvoll zusammengefügten Lagen abzutragen und dahinter zu schauen. Doch auch hier bleibt Mitski sich treu. Vieles bleibt angedeutet, wenig klar ausgesprochen. Diese Meta-Ebene macht das Album besonders, auch wenn der letzte Song eher nach Abschied als nach Neuanfang klingt. Aber wer weiß das schon, bis auf Laycock selbst. Wir nehmen dieses nach vier Jahren Pause unerwartete Geschenk gerne an, auch wenn es eines zum Abschied sein sollte.

Mitski – Laurel Hell
VÖ: 04. Februar 2022, Dead Oceans
www.mitski.com
www.facebook.com/MitskiLeaks

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