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Veröffentlicht am 17.06.2022 | von Stephan Strache

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MAIFELD DERBY 2022 – Nachbericht

Foto-© Stephan Strache

Gefühlt war das vergangene Wochenede das halbe Bedroomdisco-Team auf Festivals unterwegs. Es gab die Qual der Wahl zwischen dem Tempelhof Sounds, dem Melt und dem Maifeld Derby. Wobei warum Qual? Allen Berichten nach, muss es in Berlin bzw. Ferropolis famos gewesen sein und auch wir hatten eine grandios gute Zeit in Mannheim.

Bleiben wir aber bei der Qual der Wahl als Motiv: gefiel mir am Way Back When die Woche davor ausgezeichnet, nichts verpassen zu müssen, ist das Maifeld Derby hierfür schlichtweg zu groß: Vier Bühnen machen es einem schwer alles zu sehen. Dementsprechend begleitete uns das Mantra, ein paar KünstlerInnen vorab herauszupicken, daneben uns aber auch treiben lassen zu dürfen. Irgendwo unplanmäßig zu verweilen. Neues zu entdecken.

Überhaupt krass: ich musste erst 40 werden, um es das erste Mal aufs Maifeld Derby zu schaffen. Zwar venahm ich immer, wie toll und handverlesen das Line-Up und wie schön und liebevoll das komplette Festival sei, aber es sollte irgendwie nicht sein bisher. Bleiben wir aber in der Gegenwart: in Mannheim. Alle im Vorhinein vernommenen Lobhudeleien: Untertreibungen. Aber der Reihe nach.

Gegen Mittag starten wir von Köln aus nach Mannheim. Unsere Fahrt ist unspektakulör. Mit der Sonne um die Wette strahlend kommen wir auf dem Maimarkt Gelände an. Helado Negro liefert dazu den angenehm unaufgeregten Soundtrack zur ersten Orientierung. Ankommen bei diesen schönen, entspannten Klängen. Mannheim meint es gut mit uns.

Zur Orientierung und zum Ankommen gehört auch ein Aufsuchen der Wechselstuben: Derby Dollar sind die Währung auf dem Maifeld Gelände. Mit ihnen in der Tasche kommen wir wieder ins Grübeln: sowohl die Essensstände wie auch die Getränkeauswahl ist gut kuratiert. Unabhängig wie viel Hunger und Durst wir mitbringen, wir bekommen nicht alles probiert (oder aber unser Maifeld Derby Besuch endet in vollkommener Völlerei samt einem Rausch der nichts Gutes verheißen mag…) Beim Essen hilft unsere Einschränkung aufs Vegane. Aber selbst so, ist das kulinarische Angebort sehr breit gefächert.

Steht das Open Air Programm am Freitag ganz im Zeichen der Lässigkeit, so widmet sich der Abend im Palastzelt ganz den elektronischen Klängen: Weval, Caribou, Bonobo & Myd. Mehr Melt! in Mannheim geht nicht… Aber bleiben wir bei der Chronologie des Tages.

Erstes persönliches Highlight: Weval. Irgendwann einmal – spätestens mit ihrem selbstbetitelten 2016 auf Kompakt veröffentlichten Album – stolperte ich über ihre Musik. Seitdem begleitet sie mich stetig. Ich mag ihren warmen, ummantelnden Sound. Was auf Platte bereits wunderbar funktioniert, ist live im Palastzelt nochmals ein paar Nummern eindrucksvoller. Hier agiert das Duo als Band. Ihre Musik harmoniert mit der Lichtshow. Wir sind im Jetzt und zeitgleich gefesselt in ihren Klangwelten. Wunderbar.

Wieder draußen schockt uns erst einmal das Wetter. Der Sonnenschein. Kaum zu glauben, dass wir erst frühen Abend haben. Es bleibt aber keine Zeit für Irritation. Ein Highlight jagt das Nächste.

Dem Wetter trotzdend betreten Easy Life in ihren Jeans Outfit die Bühne: Indie mit Hip-Hop- und Funk-Einflüssen, Lässigkeit und guter Laune. Oder um die Ankündigung zu zitieren: „Smooth, funky und erfrischend wie Sangria im Leinenhemd auf der Beach Party“. Aus der Konserve lieferten die Jungs um Sänger Murray Matravers bereits den Soundtrack des vergangenen Sommers. Live setzen sie noch ein paar Schippchen drauf. Ihre Laune ist ansteckend. Keiner der nicht zumindest schmunzelnd mitwippt. Kein Wunder, dass Easy Life in ihrer Heimat bereits mehrere Nummern größer sind. Mehr als zurecht.

Fanden wir Weval bereits großartig, setzt Caribou nochmals einen drauf: visuell wie musikalisch großartig. Prog-Rock auf Housebeats. Bei den Klassikern Odessa und Sun gibt es kein Halten. Aus Wippen wird Tanzen. Besser, zeitloser und zeitgleich aktueller geht elektronische Musik nicht.

Die vollkommene Festivalgelassenheit fehlt uns aber noch: zwischendurch zieht es uns dann doch endlich auch mal zum Parcours D’Amour. Für’s Losziehen werden wir mit einem wunderbaren Auftritt von Tamzene belohnt. Nach ein paar Liedern Innehalten, Verschnaufen und Schwelgen haben wir dann auch wieder reichlich Energie getankt für das restliche Caribou Set.

Arlo Parks knüpft wunderbar an dem Set von Easy Life an. Sie strahlt eine unbändige Lebensfreude und Energie aus. Gefühlt umarmt sie uns alle mit ihrem Charisma. Perfekte Musik zum Sonnenuntergang. Dramaturgisch perfekt: der perfekte Soundtrack für den lauen Sommerabend auf der Open Air Bühne im Wechsel mit feinsten elektronischen Klängen im Palastzelt.

Dort geht es dann im Anschluss direkt mit Bonobo weiter. Er übt sich hier in großen Gesten. Als Choreograph des großen Spektakels stimmt hier alles: so laut und opulent die Klangwelten daherwabbern, so überraschend klar und sanft bildet sein Gesang dazu Gegenpart. Voll von phantastischen Eindrücken endet damit unser Freitag auf dem Maifeld.

Wir beginnen den Samstag direkt mit einer persönlichen Neuentdeckung: Emily Zoé. Den Klängen aus dem Palastzelt zu urteilen, erwarten wir eine Rockband und irren uns vollkommen. Für diesen opulenten, facettenreichen Sound zeichnee sich lediglich die Schweizerin mit ihrer Gitarre, begleitet von einem Schlagzeuger aus. Irre. Wir sind hin und weg von ihrer Energie.

Noch vollkommen geflasht von Emily Zoé bitten Rikas draußen zum Tanz. Das Wetter schmeichelt ihrem Sound. Sie unterhalten wunderbar. Der Titel ihres Debütalbums Showtime verspricht, was sie hier bieten: ein wunderbarer Mix aus Coolness, Spaß und bühnenreifen Harmonien gewürzt mit ein wenig Klamauk. Großartig.

Dann wieder Palastzelt: black midi. Was haben wir vorab alles über den Noise Rock der Briten gehört und gelesen. Wir können handwerklich ihrem Set großen Tribut zollen. Auch ist krass wie sehr sie ihren eigenen Mix aus Verrücktheit, Können und Ambitionen gefunden haben. Trotzdem bekommen sie uns heute nicht vollends.

Stattdessen schauen wir noch kurz beim Hüttenzelt vorbei. Taxi Kebap vermögen hier, was black midi nicht glückte: uns vollkommen zu fesseln. Sie nehmen uns mit auf ihren wilden, düsteren Trip: Krautrock, Psychedelic-Rock und Techno treffen auf nordafrikanische Einflüsse und Acid-lastige Tonalitäten.

Voll von Reizen und KO vom bisher erlebten, brauchen wir eine Pause. Wir verweilen im Schatten und lauschen dabei DIIV. Diese Kombination hat es in sich und wird zum bisherigen Highlight. Großartige Musik, ohne visuelle Reizüberflutung. Sitzend, erholend von Eindrücken und Hitze liefern sie den perfekten Soundtrack des zweiten Tages.

Nach etwas Sammeln raffen wir uns dann aber doch noch zu Jonathan Bree auf. Wobei Aufraffen vielleicht doch der falsche Ausdruck ist, sitzt man doch nirgends so bequem bei einem Konzert wie auf der Tribüne vom Parcours D’Amour. Der Auftritt sucht seinesgleichen. Was für eine Stimme. Was für eine Darbietung. Theatralik trifft eine wundersame Schönheit.

Beim reichhaltigen Frühstück in der Innenstadt Mannheims schwärmte uns Sebastian von Sampa The Great vor. Sie sei so anders und zeige, was Musik jenseits von Genre-Scheuklappen leisten könne. Davon wollen wir uns dann auch vor Ort überzeugen. Sampa strotzt vor Selbstvertrauen. Ihr Name thront überlebensgroß als Bühnendeko. Aber was und v.a. wie sie es macht ist auch einfach groß: Sampa macht, was sie will und setzt dadurch immer neue kreative Akzente.

Es folgen zwei Bands der Superlative: Bilderbuch und King Gizzard & The Lizard Wizard. Aber auch hier der Reihe nach: Bilderbuch betreten die Bühne in maßgeschneiderten Glam-Outfits. Was für ein Auftritt. Was für ein Outfit. Der Vergleich zu Bowie liegt nahe. Ihr Auftritt zeigt einmal mehr: Bilderbuch sind mittlerweile zu Recht auf den ganz, ganz großen Bühnen angelangt. Sie bringen die Sanftheit in den Pop, untermalt mit satten Indie-Gitarren. Und sie versöhnen mit der deutschen Sprache. Bei ihnen klingt sie weich, melodisch und gut. Es passt einfach alles, so auch das pünktliche Finale mit Maschin, Ekstase pur, um um 23 Uhr auch fertig zu sein. Großartig! Und auch wenn ich mich sonst mit solchen Gesten eher schwer tue, der androgynen Erscheinung Maurices sehe ich sogar nach, dass Maschin oben ohne performt wird.

Kaum aus dem Staunen raus, geht es im Palastzelt bereits munter weiter. Bei dem australischen Psych-Rock-Kollektiv kommen wir auch nicht aus den Superlativen heraus. Mittlerweile in ihrer Jam-Phase angelangt, jagen sie nur so durch die unterschiedlichsten Genres. Mehr Spektakel geht nicht.

Trotz aller Virtuosität brauchen wir eine Pause. Reizüberflutung macht sich breit. Im Vorbeigehen erhaschen wir noch etwas von den Ansagen von Liepa Kuraitė der Petrol Girls. „Baby, I had an Abortion – and I’m not sorry“. Welche Energie! Welche Wut! Femistische Texte im musikalischen Riot Grrrls Gewand. Hätten wir doch nur noch einen Bruchteil ihrer Energie.

Zu Wiedergeburt von Deutschpunk mit Team Scheisse schaffen wir es dann doch nochmals kurz ins Hüttenzelt. Macht Spaß. Wir sind wieder 16. Im Gehen begriffen, treffen wir auf neue Bekanntschaften vom Vormittag und kommen doch noch auf ein Bierchen mit zu Mezerg. Was in Dortmund zum frühen Abend bereits schön war, ist hier zu später Stunde im Palastzelt eine Offenbarung. Wir zappeln noch etwas. Dann geht es schlafen.

Reichlich voll von schönen Eindrücken der vergangenen beiden Tage, starten wir ruhig: im Schatten genießen wir Gringo Mayers Mundart Auftritt und müssen unsere Abneigung dem Pfälzerischen gegenüber revidieren. Ist das schon verdammt gut, so setzen Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys nochmals ein Sahnehäubchen drauf. Aus der Ferne bewundern wir ihren Schlager Strudel und ihren Italo-Indie-Schlager. Die Band und ihr Publikum strahlen mit dem Wetter um die Wette. Und es gibt nur Sieger.

Im Palastzelt wird es dann wieder dunkler: Horsegirl zelebrieren ihren Mix aus Shoegaze, Post-Punk und Dream-Pop. Ihr Sound harmoniert mit ihrer Erscheinung, ihrem Auftreten, Präsenz und dem Licht im Palastzelt. Ganz großes Kino der jungen Amerikanerinnen.

Kurz zieht es wieder zum Parcours D’Amour: Eve Owen ist mit der Empfehlung, für The National eröffnet zu haben, zu Gast. Dem musikalischen Ritterschlag wird sie aber locker gerecht. Singer-Songwriter-Pop mit wundervollen Arrangements und einer nicht weniger wundervollen Stimme.

Wieder in der Hitze angelangt, sorgen die Australier Rolling Blackouts Coastal Fever für beste Unterhaltung. Ihnen scheint das Wetter weniger zuzusetzen. Sie sind die Spielfreude in Person und liefern Hits für die Hitze.

Der im Vorfeld als „Rapper mit Indie-Rock-Herz“ beschriebene Kennyhoopla zeigt im Palastzelt dann eher seine Indieseite. Blink 182 trifft Bloc Party. Wir staunen, schonen uns dann aber etwas für Amyl & The Sniffers.

Nachdem ich Amyl & The Sniffers 2019 noch auf einer intimen Clubshow im Kölner Bumann und Sohn sehen durfte, sind sie mittlerweile auf den ganz großen Bühen angelangt. Zu recht. Amy Taylor, die charismatische Frontfrau der Band wirkt dabei wie „eine wilde Kreuzung zwischen Lady Di & Camilla meet Patti Smith im Fitness-Kraftraum“ (Musikexpress). Da sollen die Veranstalter vom Rock am Ring nochmals sagen, es gäbe zu wenig weibliche Rockstars.

Auch im Hüttenzelt geht es laut weiter. Die Nerven bringen das Zelt zum Bersten: wilde Brachalität trifft auf Pop. Ganz anders im Palastzelt. Hier sind wir schon beim entspannten Festivalausklang: Chet Faker liefert einen rundum entspannten Auftritt. Wir hocken uns hin und versinken. Draußen füllt sich dann auch so langsam der Platz vor der Bühne wieder – Kettcar übernehmen. Der Altersdurchschnitt der ersten Reihen steigt deutlich. Nicht unbedingt spannend oder gar innovativ, aber trotzdem wunderbar. Sie nehmen uns mit auf eine Reise durch ihre Bandgeschichte. Und man nimmt ihnen immer noch die Freude am Spielen ab. Und Hand aufs Herz: Balu oder Deiche gehen einfach immer. Auch haben Kettcar nie ihr Gespür für politische Relevanz (Sommer ´89) verloren. Klar, es bleiben „alte, weisse Männer“, aber es bleibt auch einfach ein gutes Konzert.

Den Parcours D’Amour beschließt für dieses Jahr Stella Donnelly. Die Wahl hätte nicht besser sein können: ob alleine am Piano, alleine mit Gitarre, als Duo oder mit Band, Stella Donnelly strahlt bei ihrem Auftritt eine (Spiel)Freude, Charme und Witz aus, dass es nur so Freude bereitet ihr zuzuschauen und zuzuhören. Wir sind verzaubert.

Zum Finale laden die Kings Of Convenience ins Palastzelt. Einen würdigeren Abschluss für dieses wunderbare Festivalwochenende können wir uns nicht vorstellen. Es braucht ein klein wenig, bis sich alle darauf einlassen können. Dann jedoch setzt ihre Magie auch bei allen Anwesenden ein. Ihr sanfter Gesang in Kombination mit ihrem filigranen Gitarrenspiel entspannt Körper und Geist, das Palastzelt ist in diesen Minuten der schönste Ort der Welt.

Wir möchten dieses Bericht mit einem aufrichtigen Dank beenden: Danke für dieses mutige, spannende, innovative und vor allem unheimlich gute Line Up. Danke für das mit viel Liebe organisierte und gestaltete Festival. Danke für ein durchweg entspanntes, freundliches Publikum. Es war schlichtweg rundum großartig.

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