Kritik

Veröffentlicht am 8.06.2022 | von Malte Triesch

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NIPPON CONNECTION 2022 – Ein Festivalbericht

In der 22. Auflage fand die Nippon Connection, das größte Japanische Filmfestival, endlich wieder in Frankfurt am Main vor Ort statt. Nachdem es Corona bedingt zwei Jahre in Folge rein digital stattgefunden hatte (hier unsere Nachlese aus 2020) wurde das Filmerlebnis dieses Jahr endlich wieder mit japanischem Essen, Konzerten, Q&As mit Stargästen aus Japan, Workshops und jeder Menge Treffen mit Gleichgesinnten flankiert. Aber nicht nur abseits der Filme wurde mehr geboten als zuvor, neben den zwei Sälen auf dem Festivalgelände, liefen die Filme zusätzlich wie jedes Jahr im Deutschen Filmmuseum, dem Mal Seh‘n Kino und seit diesem Jahr im El Dorado. Einem herrlich klassischen „Ein Saal-Kino“, das Corona bedingt vor dem Aus stand und nun unter dem Schirm der Arthouse Kinos Frankfurt und temporär während der NipponConnection in neuem Glanz erstrahlte.

Genau hier lief auch unser erstes Highlight They Say Nothing Stays The Same von Odagiri, Joe. Ein Film, der passender nicht hätte sein können, beschreibt er doch das Schicksal des Fährmanns Toichi (Emoto, Akira) zurzeit der Meiji-Restauration (Ende des 19. Jahrhunderts), dessen Berufung durch den Bau einer Brücke obsolet zu werden droht. Ein leicht schimmernder roter Faden durch die Handlung entspinnt sich aus einem stumm scheinenden, misshandelten Mädchen, das Toichi eines Tages im Wasser vor dem sicheren Tod bewahrt. Regisseur Odagiri , bisher als Schauspieler bekannt, zaubert in seinem Regiedebüt einen melancholischen Abgesang an weniger hektische Zeiten auf die Leinwand. Unterstützt von Kameramann Christopher Doyle lädt er den Zuschauer ein über zwei Stunden an einer verträumten Flussbiegung zu verbringen. Diese versteckt sich mal in leichtem Morgennebel, meist ist sie jedoch in das sanfte Licht der aufgehenden oder untergehenden Sonne getaucht. Trotz der beginnenden Industrialisierung, kann man hier noch mehr als einen Blick auf das alte Japan erhaschen. Viel mehr als einen kurzen Einblick bekommt man jedoch nicht in die Geschichten der Dorfbewohner, eben so viel, wie sie im Rahmen einer Überfahrt preisgeben. Auch ohne eine große Geschichte entsteht so langsam ein Gesamtbild über den Zustand des Landes im Wandel und der Ohnmacht mit der jeder Einzelne ihm gegenübersteht. Eine Ohnmacht, der sich das japanische Volk größtenteils ergibt, die sich aber gleichzeitig anstaut und zuweilen in plötzlich explodierende Aggressionen mündet und den Zuschauer, wie auch die Handlung aufrüttelt.

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Ähnlich ruhig und bedächtig ging es auch in dem Gothic-Sci-Fi-Horror Film My Brother, The Android and Me zu. Ingenieur und Dozent Kaoru (Toyokawa, Etsushi) versucht hier in einem heruntergekommenen, verlassenen Krankenhaus einen Androiden zu erschaffen. Regisseur Sakamoto, Junji erschafft hier rein optisch Teil eine an die Metal Gear Solid Videospieleserie von Kojima, Hideos erinnernde Neuinterpretation der Frankenstein Geschichte. Wobei das „Wie“ absolut im Hintergrund steht und der Zuschauer sich das „Warum“ sehr mühsam erarbeiten muss und auch nach 94 Minuten am Ende weiterhin am Rätseln ist. Aber genau diese Spannung hält einen bei der Stange, während man den ganzen Film über im Dauerregen nach Hinweisen Ausschau hält, was denn eigentlich genau gerade passiert. Wie auch in They Say Nothing Stays The Same ein absolutes Musterbeispiel im Storytelling, alleine durch die Bildsprache. Wobei hier wunderschöne Naturaufnahmen dem konstanten Verfall weichen und man den Rost und Regen am Ende nahezu schmecken kann.

Ganz am anderen Ende des Spektrums sind die beiden knallbunten Animes Belle und Sing a bit of Harmony zu verordnen. Ersterer ist der neue Film von Hosoda, Mamoru (unter anderem Das Mädchen, das durch die Zeit sprang und Ame & Yuki) und wird ab dem 09.06. auch noch ganz regulär im Kino zu sehen sein. Der Film wird generell als die Neuinterpretation von Die Schöne und das Biest im Cyberspace mit Musical-Einlagen gehandelt. Eine Beschreibung, die zwar korrekt ist, aber dem Werk, das sich sehr einfühlsam mit den Problemen moderner Teenager auseinandersetzt und gleichzeitig unglaublich stilsicher ist, nicht gerecht wird. All dem Lob zum Trotz schöpfen der Film und sein Regisseur ihr Potential nicht komplett aus. Mehr als sehenswert ist der Film aber dennoch, nicht nur für Animefans und auch nicht nur für Teenager. Sing a bit of Harmony hingegen könnte eine simple „Magical Girlfriend“-Geschichte sein, nein, er ist eine simple „Magical Girlfriend“-Geschichte. Der Film macht jedoch aus der, zumindest in Animes simplen und oft genutzten, Prämisse des Roboter-Schulmädchens, so viel mehr als man erwarten darf. Das Robotermädchen bzw. die AI namens Shion (Tsuchiya, Tao) hat nur ein Ziel: ihre Mitschülerin Satomi (Fukuhara, Haruka) glücklich zu machen und wird sich dabei auch in eurer Herz singen, tanzen und schreien. Ein Anime, der so kitschig, romantisch und drüber ist, dass man nicht vor Lachen weint, sondern tatsächlich gleichzeitig lacht und weint.

Und auch mit den Protagonisten in We made a beautiful bouquet von Doi, Nobuhiro lacht und weint man mal abwechselnd, mal gleichzeitig. Die Studenten Mugi (Suda, Masaki) und Kinu (Arimura, Kasumi) begegnen sich eines späten Abends, nachdem sie beide die letzte Bahn verpasst haben und verbringen die Nacht miteinander: sie reden, sie genießen ein paar Drinks in einer Bar, sie reden, sie spazieren durch den Regen und sie reden und reden und merken dabei, dass sie ihren jeweiligen Seelenpartner getroffen haben. Ob es sich bei ihrer Begegnung um eine zufällige oder eine schicksalhafte handelt, umfasst dabei gleichzeitig die Frage, ob Liebe an sich Zufall oder Bestimmung ist. Eine allgemeingültige Aussage wird hierzu nicht gegeben, aber sehr selten wird wahre Liebe so entzückend realistisch und einfühlsam nahbar dargestellt. Zu Beginn lacht man aus vollem Herzen mit und ob der beiden Liebenden und freut sich über all die Gemeinsamkeiten, die die beiden verbinden und ihrer Glückseligkeit, die sich oft in so wunderbar kleinen und unscheinbaren Dingen und Momenten manifestiert, wie die Erkenntnis, dass man gerade das selbe Buch liest oder gar die selben Schuhe trägt. Der Film schafft es tatsächlich den Zuschauer, oft mit kleinsten Details und den süßesten Anekdoten, so sehr in den Bann zu ziehen, dass das intensive Gefühl aufkommt, selbst eine mehrjährige Beziehung durchlebt zu haben. Mit all ihren Höhen und Tiefen im Wechsel der Zeit. Und so ist es nicht verwunderlich, aber dennoch überraschend, dass die Tränen fließen und am Ende eine weitere Frage stehen bleibt, auf die auch keine immer und überall gültige Antwort existiert: Ist es wirklich besser, geliebt und diese Liebe verloren zu haben, als nie geliebt zu haben?

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Um Liebe, Beziehungen und Zufälle geht es auch in The Wheel of Fortune and Fantasy, dem aktuellsten Film von Hamaguchi, Ryusuke, dessen Meisterwerk Drive my Car erst vor kurzem unter anderem mit einem Golden Globe sowie einem Academy Award ausgezeichnet worden ist. Hamaguchi erzählt in jeweils drei Kurzgeschichten von drei Arten von Beziehungen und welche kraftvolle Rolle die Kommunikation in diesen spielen kann. Der Fokus in seinen Erzählungen wird dabei, wie auch bereits in Drive my Car, auf zwischenmenschliche Nähe und Distanz, Erinnerungen und den Dialog gelegt. Seine Charaktere befinden sich in kleinen und engen Räumen und werden dabei durch die Unmittelbarkeit mit der eigenen Erkenntnis konfrontiert, dass ihre Entscheidungen sie in einen ungewollten Stillstand gebracht haben. Und dass schicksalhafte Begegnungen einen Impuls auslösen können und verdrängte Erinnerungen in die eigene Gegenwart katapultieren, um somit eine unerwartete Explosion an Gefühlen hervorzurufen, die diesen Stillstand durchbrechen kann und die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen. Hamaguchi schafft es dabei wieder durch ruhige Momentaufnahmen und durch pointierte Dialoge eine ungewöhnliche Intimität zwischen seinen Charakteren als auch zwischen diesen und dem Publikum zu kreieren. Er um- und beschreibt auf eine teils mystische und teils poetische Art und Weise, dass es auf der Welt nur wenige Entfernungen gibt, die größer sind als der Raum, den all die Worte einnehmen, die zwischen zwei Menschen ungesagt bleiben.

Zu guter Letzt müssen wir noch eine Lanze für die zwei Yakuza Filme des Festivals brechen. Auf der einen The Mole Song: Final von Kultregisseur Miike, Taashi. Der als absolut abgefahrenes Musical daherkommt und beweist, dass es der Regisseur auch mit über 60 Jahren und mittlerweile 111 Filmen kein bisschen müde wird. Ganz am anderen Ende des Spektrums ist Last of the Wolves. Ein düsteres und brutales Crime Drama, das sich der Yakuza Thematik ganz klassisch widmet. Neben der Yakuza Thematik verbindet die beiden Filme, die unterschiedlicher kaum sein könnten jedoch der Antagonist. Suzuki, Ryohei hat es geschafft sich, wie ein Raubkatze, in beide Filme als irrer Yakuza, der mit der Tradition bricht und die Reihen auf beiden Seiten des Gesetztes ordentlich aufmischt eingeschlichen. Empfehlen können wir beide Filme, sogar, wenn man die Vorgänger (The Mole: Final ist Teil Drei, Last of the Wolves Teil Zwei) nicht kennt. Welcher euch besser gefallen wird, hängt sicherlich primär vom persönlichen Geschmack ab, objektiv macht aber Last of the Wolves den Stich.

Mit rund 100 Kurz- und Langfilmen, über 50 Veranstaltungen und rund 15.000 Besuchern hat das Festival fast Vor-Corona Niveau erreicht. Es geht jedoch noch weiter. Es lohnt sich nämlich weiterhin die Festival-Homepage im Auge zu behalten, denn auch unterjährig gibt es dort Streaming Events und natürlich werdet ihr hier auch bald schon Informationen zu der 23. Nippon Connection, die vom 06. bis 11. Juni 2023 stattfinden wird, finden. Wir können es jedenfalls schon jetzt kaum abwarten!

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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