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Veröffentlicht am 10.06.2022 | von Tamara Plempe

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SINEAD O’BRIEN – Time Bend and Break The Bower


Foto-© Chloé Le Drezen

When I see in eyes a glitter
Hints of futures
The mystery of unknown shores
And unnamed waters
Walk with me and show me all that the cliffs contain
If I must look on everything
I must sing before the language shifts again
Rushing on the race of changing meridians
The tides the blessed tides of our names are coming in

(Sinead O’Brien – Multitudes)

Die Irin Sinead O’Brien sticht aus der Masse an musikalischen Neuveröffentlichungen heraus – und zwar nicht nur wegen ihres markanten Looks. Mit rabenschwarzen Haaren, androgynen Outfits und spröder Ausstrahlung erinnert sie an Patti Smith oder PJ Harvey. Den beruflichen Hintergrund als Modedesignerin u.a. im Team von Vivienne Westwood merkt man ihrem eigenwilligen, aber doch immer eleganten Stil auf jeden Fall an. Ihre Kreativität lebt sie aber nicht nur über Design und Mode aus, sondern auch über die Poesie – und neuerdings die Musik. Einige Singles und EPs hat sie schon veröffentlicht; heute erscheint ihr erstes Album, Time Bend And Break The Bower.

Mit Patti Smith hat sie nicht nur einen gewissen Look gemeinsam, sondern auch den Ruf als Punk-Poetin. Den Einfluss von Spoken Word spürt man auf dem Album deutlich, wenn sie ihre Songs weniger singt als vielmehr erzählt und vorträgt. Das soll aber nicht abschrecken oder langweilig klingen: Die Lyrics stehen zwar im Vordergrund, ihre Vortragsweise ist aber alles andere als monoton und die Musik spielt keine blasse Nebenrolle, sondern unterstreicht die bildgewaltigen Texte und die durch O’Briens fesselnde Performance erzeugte Atmosphäre. Sie setzt ihre ausdrucksstarke Stimme wie ein Instrument ein und schmeichelt, klagt an, äußert sich sarkastisch, bewegt, wütend, flüsternd oder entspannt, mit der klaren und geübten Intonation von Suzanne Vega oder Tanita Tikaram. Die eindringliche Wirkung ihrer Poesie wird dabei von treibenden Drums und einer reduzierten Alt-Rock-Klanglandschaft umrahmt.

Der Opener Pain Is The Fashion Of The Spirit macht mit einer Zeile wie „Two silent seas divide us“ gleich klar, dass es um Entfremdung und schwierige Beziehungen geht; die hypnotische und minimalistische Instrumentalisierung bringt das Gefühl von innerer Taubheit und ohnmächtiger Wut perfekt rüber, genauso wie O’Briens zischende, kehlige Vortragsweise.

Salt und Like Culture klingen mehr nach klassischem 00er Indie Rock und erinnern an Mando Diao in ihrer Blütezeit oder Peaches, mit Punk-Einschlägen, aber auch Stadion-Rock-Momenten mit epischem Crescendo, die emotionale Höhepunkte markieren. Ebenso findet man energetische Rock-Songs mit Protest-Flair wie das nachdenkliche und raue Girlkind oder End Of Days, in dem die biblische Geschichte der Apokalypse als sarkastisches Popkultur-Märchen neu aufbereitet wird.

Daneben finden auch etwas entspanntere Indie-Balladen wie The Rarest Kind Platz, die Emotionen nicht durch dramatische Melodien erzeugen, sondern durch O’Briens kühle, wortgewandte Deutlichkeit, die aber genauso zu fesseln vermag. Sie ist Vertreterin einer ganz anderen Art von Eindringlichkeit, kanalisiert Gefühle über Worte und Bilder, und die Musik unterstreicht in erster Linie die Wirkung der Texte. Den Höhepunkt bildet das auch vorab als Single veröffentlichte Multitudes, eine vielschichtige Reflexion über Sehnsucht und Kreativität, Angst und Dankbarkeit und die Widersprüchlichkeiten des Lebens, mit den leisen Akzenten einer klagenden Violine.

Time Bend And Break The Bower ist vermutlich nicht unbedingt jedermanns Geschmack. Für manche ist der Fokus auf die wortgewaltigen Lyrics vielleicht gewöhnungsbedürftig und zu anspruchsvoll für einen kleinen Musik-Happen zwischendurch. Wer aber Lust hat, sich darauf einzulassen, wird von einem herausfordernden, aber hoch stimmungsvollen und inspirierendem Album belohnt, das sich ein bisschen so anfühlt, als würde man in einer verrauchten Garage oder einem Punk-Club einen Gedichtband von Yeats oder Butler durchblättern. Das kann anstrengend sein, dafür aber auch fesselnd, ungewöhnlich, betörend und stimulierend für die eigene Kreativität, wenn Poesie, Musik, Performance und Design aufeinandertreffen und von Sinead O’Brien zu einem Gesamtkunstwerk verwoben werden.

Sinead O’Brien – Time Bend and Break The Bower
VÖ: 10. Juni 2022, Chess Club Records
www.store.sineadobrienmusic.com
www.facebook.com/sineadobrienpoetry

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