Kritik

Veröffentlicht am 5.09.2022 | von Malte Triesch

0

X – Filmkritik


Foto-© capelight pictures // Christopher Moss

That must’ve been one goddamn horror film.

(Sheriff Dentler – X)

Eine Gruppe Überlebenskünstler macht sich auf einen Pornofilm auf Spielfilm-Niveau im texanischen Hinterland der 80er Jahre zu drehen. Dass sie dies im Gästehaus eines erzkonservativem, gefühlt über 100jährigen Ehepaar tun wollen, stellt sich dabei als fataler, ja lebensbedrohlicher Fehler heraus.

Die Story könnte abgedroschener und klischeebeladener kaum sein. Was den Film von Horror-Regieveteran Ti West (unter anderem VHS und The House of the Devil) so besonders macht, sind die Charaktere. Und alleine das ist schon ein absolutes Novum im Slasher-Genre, haben wir es doch normalerweise mit mehr oder weniger eindimensionalen Teenagern zu tun. Auch hier sind mit dem schwarzen Vietnam-Veteran (Kid Cudi) über den Filmfan (Owen Campbell) bis hin zu der offenen sexy Teenagerin (Mia Goth) und der konservativen sexy Teenagerin (Jenna Ortega) zunächst alle Stereotypen vertreten. Diese werden jedoch im Laufe des Films so liebevoll ausgearbeitet und facettenreich dargestellt, dass es plötzlich Sinn ergibt, dass der Film von dem Arthouse Label A24 vertrieben wird. Sogar das ältere Ehepaar kriegt einige Charakterzüge verpasst, die man im Genre so gar nicht vermutet und andere wiederum, die wesentlich konsequenter als erwartet umgesetzt werden. Konsequenz ist dann auch die zweite große Stärke des Films. In Szene eins wird bereits das Ergebnis all des Grauens präsentiert, so dass man weiß, welches Schicksal diesen Haufen Chaoten erwartet, die man im Laufe des Films immer mehr und mehr in sein Herz schließt. Damit jedoch lässt sich der Film so viel Zeit, dass man sich irgendwann fragt und ob der Figuren hofft, dass vielleicht doch nichts passiert. Wenn es dann aber losgeht, wird der Blood & Gore-Regler direkt auf 13 gedreht und alles, aber auch wirklich alles, was an Horrorszenarien im Laufe der Handlung angedeutet wurde, trifft ein oder wird übertroffen.

Einen Großteil zum Charme des Films trägt der fantastische Cast bei, der, bis auf zwei Ausreißer, durchweg überzeugt. Am unteren Ende der Skala wäre da Stephen Ures greiser Howard. Während das Schauspiel absolut in Ordnung geht, ist es sein Make-Up, dass einfach etwas zu viel Suspense of Disbelieve verlangt. Zu comichaft überzeichnet, wirkt der alte Mann eher wie aus einem Fantasy Film, was nicht bar einer gewissen Ironie ist, überzeugte Ure doch unter anderem in der Rolle von Orks und Goblins in der Herr der Ringe-Saga. Nach oben reißt jedoch Mia Goth aus. Zum einen als, wie bereits erwähnt, sexy Teenagerin. Ihre Maxine ist vollkommen überzeugt für höheres bestimmt zu sein und wird auch euch zu dieser Erkenntnis bringen. Damit nicht genug spielt sie auch noch die nicht weniger greise Frau von Howard. Hier trägt sie zwar ebenfalls eine überzeichnete Maske, gibt ihrem Charakter aber dennoch so viel Tiefe, dass mit Pearl mittlerweile ein Prequel zur Vorgeschichte der Frau in Arbeit ist. Freut euch also darauf, dass die X-Saga unter Regie von Ti West weitergeht, in der Hauptrolle dann erneut Mia Goth als junge Pearl. Freut euch jedoch zunächst auf den Heimkino Release von X, empfehlenswert ebenso für alle, die schon alles im Slasher-Genre gesehen haben, wie auch jene, die alles sehen wollen.

X (USA/CA 2021)
Regie: Ti West
Besetzung: Mia Goth, Jenna Ortega, Brittany Snow, Kid Cudi, Martin Henderson, Owen Campbell, Stephen Ure, Simon Prast
Heimkino VÖ: 02. September 2022, capelight pictures

YouTube video

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,


Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



Comments are closed.

Back to Top ↑
  • Niklas Paschburg – It’s My Live!

    Niklas Paschburg - It's My Live!

    Am 08. Oktober präsentieren wir im Rahmen der It’s My Live! Reihe den Neoklassik-Virtuosen Niklas Paschburg in der Haupthalle des Hessischen Landesmuseums Darmstadt.

  • Paula Hartmann – It’s My Live!

    Paula Hartmann - It's My Live!

    Paula Hartmann tummelt sich irgendwo zwischen Schauspiel und Musik, faktisch Erlebtem und lyrisch erdachten Geschichten. Am 19. Oktober ist eine der spanndsten deutschen Künstlerinnen auf unsere Einladung in der Centralstation zu Gast!

  • Bedroomdisco Weekly

  • Bedroomdisco TV