INGER NORDVIK – Hibernation


Foto-© Charles Mignot

Take it easy
move slowly
don’t compromise
You’re tired
breathe slowly
through Your nose, now
let’s get You hypnotized

Fall into hibernation
somber is the eye
that never sleeps
if You wake up
in a lonely winter
where’s Your tribe?

(Inger Nordvik – Hibernation)

Zwischen Neujahr und, sagen wir, Anfang März der grauen Eintönigkeit unwirtlicher Wochen entgehen und einfach mal in den Winterschlaf fallen – wer träumt nicht gelegentlich davon? Die zeitweise in Berlin lebende norwegische Folk-Jazz-Songwriterin und Pianistin Inger Nordvik hat dazu jetzt eine wunderbare Handlungsanweisung mit dem entsprechenden Titel, also Hibernation, verfasst. Das Lied krönt ihr gleichnamiges zweites Album, für das auch der Titel Fräulein Ingers Gespür für Schnee passen würde (man sehe mir hier gnädig das von Peter Høeg verwendete, inzwischen aus der Zeit gefallene Wort “Fräulein” nach).

Hibernation ist nicht nur wegen der Winterschlaf-Anspielungen im prachtvollen Titelsong ein Album, das perfekt in diese Jahreszeit passt, weil es auch im kältesten Februar oder März das Herz wärmt und die Seele streichelt. Ein sonorer (Kontra-)Bass, ein jazziges Schlagzeug, perlende Pianotöne, sanfte Gitarren und Streicher- beziehungsweise Bläser-Arrangements, die nie überladen wirken, sondern eine kühle, nordische Klarheit ausstrahlen – Frau Nordvik weiß nicht nur hervorragend zu komponieren und zu singen, sondern ihre Musik auch produktionstechnisch ins beste winterliche Licht zu rücken. Vergleiche mit Joni Mitchell, Judee Sill, Linda Perhacs oder Tori Amos (alle nicht verkehrt) braucht es daher überhaupt nicht, um das zweite Album dieser Musikerin zu mögen.

Im Februar 2020 (also auch zur Winterzeit) hatte Nordvik ihr Debüt Time veröffentlicht, das begeisterte Kritiker-Reaktionen hervorrief. “Eine Bookingagentur war gefunden, eine Tournee gebucht, und dann kam alles anders. Die Welt ging in den Frühlingsschlaf, und Inger zog sich kurz vor dem ersten Lockdown aus ihrer Wahlheimat Berlin in eine Hütte am Meer in Nordnorwegen zurück”, heißt es nun im PR-Text zu Hibernation. Das Schicksal vieler Künstlerinnen und Künstler während der Pandemie – eine neue Platte, die sich kaum live präsentieren ließ – erwischte also auch Inger Nordvik.

Die stille, eisige und verschneite Landschaft ihrer Heimat war zwar zunächst nach der Zeit in Berlin-Neukölln wie ein Schock – doch irgendwann lief es rund mit frühmorgendlichem Eisbaden, Komponieren, Texteschreiben und Spielen “an einem Flügel in einer nahegelegenen Kirche, wenn nicht gerade draußen ein Wintersturm tobte”. Nach Solokonzerten in Norwegen stellte Nordvik eine Band aus norwegischen Jazz- und Popmusikern zusammen – am Bass Bardur Reinert Poulsen, an Drums/Percussion Ola Øverby, an der Gitarre Torstein Slåen. Aufgenommen wurde schließlich im Studio Paradiso in Oslo, wo unter anderem Alben des wohl besten norwegischen Pop-Songschreibers und Sängers Sondre Lerche entstanden sind.

Für Hibernation hat sich Nordvik nach eigenen Worten “von den organischen Band-Sounds der 60er und 70er Jahre inspirieren lassen und zusätzlich zu der zuvor eher akustischen, jazzigeren Trio-Besetzung Platz für E-Bass, Retro-Synths, Hammond-Orgel, Gitarren und Blechblasinstrumente geschaffen”. Auch textlich sind die neun feingesponnenen Songs recht komplex mit der Idee vom Winterschlaf als Teil des Lebenszyklus, “und dieses Album ist eine Reise durch ihn und darüber hinaus”. Man kann also auch noch in anderen Jahreszeiten davon profitieren, in Ruhe Inger Nordviks äußerst hübsche Lieder zu hören.

Inger Nordvik – Hibernation
VÖ: 10. Februar 2023, Asta Records
www.ingernordvik.com
www.facebook.com/ingernordvikmusic

Inger Nordvik Tour:
30.03.23 Berlin, Donau115
31.03.23 Bielefeld, Bielefelder Songnächte
01.04.23 Leipzig, Horns Erben
20.04.23 Hannover, Feinkost Lampe
23.04.23 Köln, Die Wohngemeinschaft

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Werner Herpell

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