
Foto-© Tom Sheehan
I sucked the moon
I spoke too soon
And how much did it cost?
I was dropped from
Moonbeams
And sailed on shooting stars
Maybe you’ll
Be president
But know right from wrong
Or in the flood
You’ll build an ark
And sail us to the moon
Sail us to the moon
Sail to the moon
(Radiohead – Sail To The Moon)
„Zehn der vierzehn Songs hätten gereicht, aber Yorkes Kommentar zur Lüge des Irakkriegs (2 + 2 = 5) und dem schon im Albumtitel angeklagten „Lügner“ George W. Bush ist so eindrucksvoll, wie seine Vorstellungen über die Flucht in einen Bunker (I Will) bedrückend sind.“ Das schrieb der deutsche Rolling Stone gerade erst Ende Mai in seinem Ranking zur den Alben von Radiohead über Hail To The Thief – und ordnete die sechste Platte der Oxforder Artpop-Genies von 2003 gerade mal unter „Ergänzend“ ein, also ein ganzes Stück entfernt von „Essenziell“ und „Lohnend“.
Das wich nicht weit von ebenfalls eher negativen Einschätzungen anderer Experten ab. So urteilte das Online-Lexikon Allmusic in seiner Hail-Rezension: „At nearly an hour in length, this album doesn’t unleash the terse blow delivered by its two predecessors.“ Klar schien bisher: Selbst eine von ihren Fans so innig verehrte Band wie Radiohead hat auch mal ein ungeliebtes Album in ihrer Diskographie.
Hail To The Thief, erschienen nach dem bahnbrechenden Electropop-Doppelschlag Kid A/Amnesiac (2000/2001) und vor dem dann wieder überirdisch guten In Rainbows (2007), war für viele Kritiker kaum mehr als ein Zwischenwerk – irgendwo bereits wieder auf dem Weg zurück zu mehr Gitarrenmusik, aber noch nicht ganz da. Zudem eine Platte ohne echte Radiohead-Klassiker für Konzerte.
Nun sollte man über Hail To The Thief neu nachdenken. Denn das gut 20 Jahre alte Mauerblümchen wird mit einem zunächst nur digitalen „Surprise-Release“ großartig rehabilitiert. Zwölf Live-Aufnahmen aus London, Amsterdam, Buenos Aires und Dublin zwischen 2003 und 2009 beweisen nicht nur, wie fantastisch Thom Yorke, Jonny Greenwood & Co. seinerzeit auf der Bühne miteinander agierten – sondern auch, wie brillant diese oft unterschätzten Songs (insgesamt zwölf von den 14 des Originalalbums, Backdrifts und A Punch Up At A Wedding fehlen) dann halt doch waren/sind.
Wie eigentlich alle Platten seit dem Neo-Prog-Geniestreich OK Computer (1997) ist nämlich auch diese letztlich ein Meisterstück des kopfgesteuerten, intellektuellen Songwritings, wie es für diese Band so typisch ist. Das Quintett, dessen Mitglieder seit dem bisher letzten (wiederum großartigen) Radiohead-Album A Moon Shaped Pool von 2016 in zahlreichen Solo- und Bandprojekten unterwegs sind, unternimmt mit Hail To The Thief – Live Recordings 2003–2009 einen Anlauf, das Studioalbum aus seiner Karriere-Mitte neu zu bewerten.
Zuvor hatte Yorke die Musik mit seiner Arbeit für Hamlet/Hail To The Thief – eine Inszenierung der Royal Shakespeare Company im Frühjahr/Sommer 2025 in den Aviva Studios Manchester und im Royal Shakespeare Theatre in Stratford-upon-Avon – neu entdeckt. Und war verblüfft über ihre vielleicht etwas versteckte Qualität.
„Als ich darüber nachdachte, wie ich Arrangements für die Theaterproduktion gestalten könnte, bat ich darum, einige archivierte Liveaufnahmen der Songs zu hören. Ich war schockiert über die Energie, mit der wir damals gespielt haben. Ich habe uns kaum wiedererkannt, und es hat mir geholfen, einen Weg nach vorn zu finden. Wir beschlossen, diese Liveaufnahmen zu mischen und zu veröffentlichen. Es wäre verrückt gewesen, sie nur für uns zu behalten.“
Das stimmt. Songs wie die Pianoballade Sail To The Moon sind zum Niederknien schön, andere wie Sit Down. Stand Up oder There, There bersten vor wuchtiger Virtuosität, Artrock-Frickeleien wie Go To Sleep ergeben in der Live-Version perfekten Sinn. Man wird Hail To The Thief künftig also wohl deutlich positiver in den Radiohead-Kanon einordnen. Von dieser neu zu entdeckenden Platte bis zum aktuellen Projekt The Smile von Yorke/Greenwood ist es nämlich gar nicht mal so weit.

Radiohead – Hail To The Thief: Live Recordings 2003–2009
VÖ: 13. August 2025 (digital ) und 31. Oktober 2025 (CD/Vinyl), XL Recordings
www.wasteheadquarters.com
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