LISA O’NEILL – The Wind Doesn’t Blow This Far Right


Foto-© Jill Furmanovsky

I’ve lately been thinking of an old friend
Who I haven’t seen in a while
Last night I dreamed that the same friend
Passed without sayin‘ goodbye

Oh, to be wild like the roses
Oh, to be red with delight
My blood is red out of fury
The wind doesn’t blow this far right

Some terrors are born out of nature
Some terrors are born overnight
Some terrors are born out of leaders
With their eye on a different prize

The thing is, some leaders are players
And players sometimes can be clowns
And clowns then sometimes can be dangerous
When they’re there and yet they can’t be found

(Lisa O’Neill – The Wind Doesn’t Blow This Far Right)

„Roher und unverfälschter Folk für harte Zeiten. Kompromisslos, atemberaubend, bewegend“, so hat der Londoner Guardian die Musik von Lisa O’Neill eingeordnet. Die irische Singer-Songwriterin kann mit dieser Beschreibung offensichtlich so gut leben, dass sie das Zeitungszitat auf ihrer Bandcamp-Seite verwendet. O’Neills neue, bescheiden als EP klassifizierte, indes immerhin fast 32 Minuten lange Veröffentlichung The Wind Doesn’t Blow This Far Right passt nun wieder perfekt in die Folk-Noir-Schublade.

Gleich das erste Stück dieser 6-Track-EP, der Titelsong, packt den Hörer regelrecht bei der Kehle. Akkordeon, Klavier und akustische Gitarre rufen eine sanfte Shanty-Stimmung auf, ehe Lisa O’Neill mit ihrer reifen, sehr irisch eingefärbten Stimme von den erwähnten „harten Zeiten“ erzählt. Dass manche „Führer“ einfach nur Zocker sind oder gefährliche Clowns: „The Big Mac, the big man, the big bomb/The power of money and lies/The power of fear in the people“

Wer denkt dabei nicht an den notorisch lügenden Möchtegern-Diktator im Weißen Haus und seine mit dem Schicksal der gesamten Welt zockende Tech-Milliardärs-Kamarilla. Tatsächlich nahm der Song seinen Anfang mit der ersten Trump-Präsidentschaft und wurde nach dem zweiten US-Wahldesaster Anfang dieses Jahres zu Ende gebracht, wie O’Neill bestätigt: „Ich begann, dieses Lied im November 2017 zu schreiben, und beendete es im Januar 2025.“ Zu ihrem epischen Stück Düster-Folk hat die 43-Jährige ein Musikvideo anfertigen lassen, das mit Kae Tempest, Kevin Rowland, Spider Stacey von The Pogues, der nigerianisch-irischen Dichterin Feli Speaks, mehreren Schauspielern und vielen weiteren Mitwirkenden ebenfalls sehr beeindruckt.

Der Song The Wind Doesn’t Blow This Far Right gehört sicher zu den besten dieses Jahres, das ja angesichts von Kriegen, Klimakatastrophen und gefährlich gedeihendem Trump-Totalitarismus jede Menge trübe Stimmung bereit hielt. Aber die EP hat noch weitere Highlights mit politisch-gesellschaftskritischer Botschaft zu bieten.

Etwa den Live-Favoriten Mother Jones, der Aktivistin und Gewerkschafterin Mary G. Harris Jones gewidmet – einer Frau, die 1902 von der Presse als „die gefährlichste Frau Amerikas“ bezeichnet wurde, nachdem sie Bergarbeiter zum Widerstand gegen ihre Arbeitgeber angestachelt und so maßgeblich zur Einführung der ersten US-Kinderarbeitsgesetze beigetragen hatte. Oder die Obdachlosigkeit anprangernde Dublin-Folk-Hymne Homeless In The Thousands (Dublin in the Digital Age), Anfang des Jahres schon als Single erschienen, mit einem Gastauftritt von Peter Doherty (The Libertines).

Lisa O’Neills Version von Bob Dylans All The Tired Horses, die das Finale der letzten Peaky Blinders-Episode untermalte, sowie das winterliche Traditional The Bleak Midwinter sind nicht weniger anrührend. Abgerundet wird die EP durch eine hochintensive, von Orgel-Drones und Chorgesang untermalte Lesung des Irland-Gedichts Autumn 1915 von James Stephens (1882-1950). Kein Zweifel: Mit diesem von Trauer, Empörung und auch etwas Hoffnung durchdrungenen (Mini-)Album ist der Singer-Songwriterin aus Cavan nach den Erfolgen mit All Of This Is Chance (2023) und Heard A Long Gone Song (2018) erneut ein großer Wurf geglückt.

Lisa O’Neill – The Wind Doesn’t Blow This Far Right
VÖ: 19. November 2025, Rough Trade (nur digital; auf CD/Vinyl 2026)
www.lisaoneill.ie/home
www.facebook.com/Lisaoneillmusic

YouTube Video

Werner Herpell

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