
Foto-© Label
If you go down to Hammond
You’ll never come back
In my opinion you’re
On the wrong track
We’ll always love you but
That’s not the point
If you go with that fella
Forget about us
As far as I’m concerned
That would be just
Throwing yourself away
Not even trying
Come on you’re lying to me
Well I went down to Hammond
I did as I pleased
I ain’t the only one
Who’s got this disease
Why don’t you face the fact
You old upstart
We fall apart
(Norman Blake & David Scott – Hammond Song, Original von The Roches)
100 Albumveröffentlichungen in gut 30 Jahren – das ist, gemessen am musikalischen Ausstoß eines größeren Indie-Label oder erst recht einer Major-Plattenfirma, nicht viel. Drei Platten pro Jahr, also eigentlich gar nichts. Bei der Erfolgsquote in punkto Qualität, Kritiker- und Fan-Zuspruch kann dagegen kaum jemand mit Marina konkurrieren. Denn an den besagten 100 Alben, die seit der Marina-Gründung 1993 durch Stefan Kassel und Frank Lähnemann bei der Hamburger CD- und Vinyl-Edelschmiede erschienen sind, stimmte immer alles (wenn man Verkaufszahlen mal außen vor lässt).
Das begann mit dem Design, der Optik, der Verpackung der Alben – entworfen vom Label-Chef Kassel selbst, der dafür zu Recht vielfach ausgezeichnet wurde. Es ging weiter mit der Haltung der Marina-Macher, mit ihrem sympathischen, leicht versnobten Idealismus – man wusste halt immer, dass man mit dem eigenen Anspruch nicht reich wird, dafür aber gar nicht mal so wenige Pop-Gourmets glücklich macht. Gekrönt wurde der Marina-Output durch die schiere Klasse der veröffentlichten Musik, irgendwo zwischen Soul, Jazz und britischer New Wave, Retro- und Hipster-Sounds, Barock- und Art-Pop, Chamber-Folk, Lounge Music und Singer-Songwriter – dank all dieser wunderbaren Marina-Künstler, die mit ihren Platten zu Fackelträgern des Schönen und Guten im Pop wurden.
Falls das hier jetzt ein bisschen wie ein Nachruf klingt – ja, es gibt tatsächlich Gerüchte, dass die fabelhafte Label-Compilation Viva Marina – Marina One Hundred das letzte Album aus dem Haus der Hamburger Sophisticated-Pop-Spezialisten sein könnte. Man hatte den Abschied freilich auch vor einigen Jahren schon mal erklärt, mit einem Album der schottischen Lieblingsband The Pearlfishers. Doch dann kamen noch ein paar Marina-Wunderwerke hinzu, etwa 2024 das Comeback ebendieser Glasgower Perlenfischer um David Scott, dieses Jahr die überraschende Wiederkehr von Dislocation Dance und die ebenso großartige The-Blue-Nile-Hommage des virtuosen Jazz-Trompeters Colin Steele mit seinem Quartett.
Nehmen wir also mal an, dass das schlichte schwarz-weiße Design des Viva Marina-Samplers nicht an Trauerkarten erinnern, sondern lediglich das legendäre Chanel-Logo zitieren soll. Würde ja ebenfalls passen, denn wie ein nobles, reichhaltiges Parfüm wirken auch die hier aufgebotenen 21 Tracks, von denen gut die Hälfte bislang noch nicht veröffentlicht wurde.
Neben Perlen aus einer schon länger zurückliegenden Marina-Vergangenheit (Listen von The Free Design, 2001; Carousel von Shack, 2003; No Risk No Glory von The Bathers, 1997; Heartbroken All Over Again von Malcolm Ross, 1998) faszinieren auch die eigens für diese Compilation beigesteuerten Lieder: etwa Surround Yourself In Sound von Evelyn Pope (Ashby), Iron Star von James Kirk & Warren McIntyre, It’s A Long Way Down von Dislocation Dance oder (mal was Deutsches) Irgendein französischer Film von Frank Schmiechen. Und immer wieder drückt der bereits erwähnte David Scott – quasi Haus-Künstler von Marina – dieser exquisiten Songsammlung seinen Stempel auf.
Er interpretiert unter eigenem Namen Taylor Swifts The Last Great American Dynasty (und stellt das Original in den Schatten), steuert unter dem Moniker The Tall Poppies das herrliche The Return Of The Snow Lamb bei, ein weiteres Stück dann als Oscar In Venice, und mit seinem bewährten Edelpop-Bandprojekt The Pearlfishers die prächtige Pianoballade Limelight. Mit Norman Blake (Teenage Fanclub) arbeitete Scott für eine brillante Interpretation von The Roches‘ Hammond Song zusammen.
Den berührenden Ausklang von Viva Marina liefert das nur einminütige, gleichwohl cineastische Instrumental Chateau Marmont des ikonischen Brian-Wilson-Weggefährten Van Dyke Parks. Schöner geht’s nicht.
Ja, dieses Feinschmecker-Label hat sich bleibende Verdienste erworben – als euphorischer Förderer toller, oft aus der Zeit gefallener Popmusik, und als Hamburger Heimathafen für Musiker, die dort jenseits von Charts-Erwartungen einfach nur superbe Platten machen konnten. Zum Beispiel das kürzlich auf Vinyl wiederveröffentlichte Caroline Now!, ein von Scott kuratiertes, brillantes Beach Boys/Brian Wilson-Tributealbum. Oder andere Compilations wie In Bed With Marina, Ave Marina und Goosebumps. Die neue Label-Retrospektive mit der Katalognummer MA100 setzt diese Tradition nun würdig fort. Mögen ihr noch etliche Marina-Alben folgen.

Various Artists – Viva Marina: Marina One Hundred
VÖ: 14. November 2025, Marina Records
www.marinarecords.com/produkt/ma100lp
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