BETTEROV – Ein Äquator namens Bildung

Foto-© Stefan Holtzem

Die Geschichten, die Betterov (Manuel Bittorf) auf seinem zweiten Album Große Kunst erzählt, beginnen lange vor dem ersten Akkord. Sie wurzeln in einem Aufwachsen im ländlichen Ostdeutschland – in einer Welt, die sich für viele seiner Hörer:innen schwer greifen lässt, für ihn aber bis heute alles prägt. Große Kunst kreist um diese Spannungen: zwischen Herkunft und Gegenwart, Arbeiterkultur und Hochkultur, Zugehörigkeit und Fremdsein. Und um die Frage, wie man erzählen kann, was man selbst nie erlebt hat und es dennoch mit sich trägt.

Wir treffen Betterov Ende August nach seinem Auftritt beim Golden Leaves Festival. Ein Nachmittag, an dem ein kurzer Stromausfall zum kollektiven Erinnerungsmoment wurde und der für ihn zugleich den Abschluss einer intensiven Festivalsaison markiert. In unserem Gespräch geht es um die Zerrissenheit zwischen zwei Welten, um Geschichten, die zu persönlichen Knotenpunkten wurden, und um die Frage, wie man ein Album komponiert, das sich eher wie ein Bühnenwerk denn wie ein Streamingprodukt anfühlt. Außerdem sprechen wir darüber, warum es manchmal Mut braucht, Kunst „groß“ zu denken – und wem sie am Ende eigentlich gehören darf.

Wir sitzen hier zusammen nach deinem Auftritt beim Golden Leaves Festival. Wie geht es dir?
Mir geht es super, das war ein total schöner Auftritt. Es war heute unser Festivalabschluss für diese Saison und das ist immer eine besondere Show. Wir hatten einen Stromausfall – alleine auch deswegen. Aber ich liebe das auch. Ich habe das Gefühl, das sind Momente, da erinnern sich alle in fünf Jahren noch dran.

Wir haben uns verabredet, um über dein neues Album Große Kunst zu sprechen. Wie du bin ich sehr ländlich in Ostdeutschland aufgewachsen und lebe jetzt in Berlin. Beim Hören habe ich gemerkt, dass deine Geschichten auf der Platte ganz viel in meinem Kopf anstoßen. Wenn man versucht, das Freundinnen und Freunden zu erklären, die komplett anders aufgewachsen sind, können die das schwer verstehen. Wann hast du beschlossen, diese Zerrissenheit zwischen den Welten zu einem der zentralen Themen des Albums zu machen?
Das Thema beschäftigt mich schon lange und ich wollte mir ein bisschen Zeit geben, weil ich weiß, dass es mir unglaublich wichtig ist und weil ich auch noch ganz viel sprechen und recherchieren wollte. Vor allem natürlich für den 17. Juli und den 18. Juli, darauf musste ich mich vorbereiten. Das ist der eine Grund, warum es erst jetzt kommt. Der andere Grund ist ehrlicherweise Corona. Ich kann ganz schlecht entkoppelt von der Zeitgeschichte Songs schreiben. Ich muss immer eine Aktualität haben. Deshalb war mir dann ein anderes Thema wichtig und es kam zuerst Olympia [Betterovs Debütalbum, das 2022 erschienen ist].

Das Thema Ostdeutschland kommt in vielen Kontexten wieder verstärkt in die Öffentlichkeit. Menschen fragen sich, warum Deutschland nach so vielen Jahren immer noch so verschieden ist. Als die Geschichten vom 17. Juli und 18. Juli spielen, warst du noch gar nicht geboren. Trotzdem sind es sehr persönliche Kernstücke auf deinem Album. Wie hast du dich dem genähert? Warum sind das wichtige Daten für dich, obwohl es dich noch gar nicht gab?
Beim Schreiben war mir nicht klar, dass es Kernstücke werden, aber es wurde dann relativ schnell klar – neben dem Titelsong natürlich. Es ist total richtig, was du sagst. Ich war da noch nicht geboren. Ich habe das alles gar nicht erlebt. Und trotzdem habe ich immer schon das Gefühl gehabt, dass das Wie und Wo ich aufgewachsen bin, einen riesigen Einfluss darauf hat, wie ich als Mensch geworden bin. Um das zu verstehen, spielt die Zeitgeschichte eine unglaublich große Rolle. Der Osten hat einfach etwas anderes erlebt als die BRD und das muss man miterzählen. Das ist ein ganz großes Puzzleteil, wenn auch natürlich nicht das einzige. Als ich zum Studieren nach Berlin gegangen bin, ist mir das aufgefallen und ich war wahnsinnig erschrocken.

Ich muss kurz zurückspulen: Ich bin damit aufgewachsen, dass bei mir alle Simson fahren. Alle haben eine Schwalbe zu Hause und verbringen als Hobby ihre Zeit damit, die auseinander- und wieder zusammenzubauen und den ganzen Tag damit rumzufahren. Es gibt ganz viel DDR-Vokabular. Wie die Menschen aufgewachsen sind, wie sie erzogen wurden, was sie erlebt haben, hat etwas mit ihnen gemacht. Das färbt natürlich auf die nächste Generation ab. Das war einfach mein Alltag.

Dann bin ich nach Berlin gekommen und habe festgestellt, dass das für Leute, die z.Bsp. in Baden-Württemberg aufgewachsen sind, logischerweise überhaupt kein Thema war. Das ist so weit weg. Es wirkte auf mich, als war es für die meisten Haushalte ein komplett anderes Land – als käme jemand aus Kroatien. Das hat mich irgendwie irritiert. Ich wollte gerne erzählen, dass der Osten eine andere Geschichte hat und dass Menschen dort einfach andere Sachen erlebt haben. Dann habe ich mir überlegt: Wie erzähle ich das am besten? Und ich dachte, eigentlich erzähle ich das am besten über diese Fluchtgeschichte. Es war ursprünglich gar nicht geplant, dass es zwei Songs werden. Ich wollte nur einen schreiben und als ich den den 17. Juli 1989 geschrieben hatte dachte ich plötzlich, dass die Geschichte noch nicht fertig erzählt ist. Diese Flucht hat ja nicht nur meinen Vater betroffen, sondern alle, mein ganzes Umfeld – und dann habe ich auch den „18. Juli 1989“ geschrieben. Es ging nicht darum, meine Geschichte zu verarbeiten und das nach außen zu tragen. Ich wollte über diese beiden Songs und über diese Fluchtgeschichte etwas klar machen: dass es Menschen gibt, die im Osten so etwas erlebt haben. Ich habe Menschen aus Österreich oder auch Baden-Württemberg getroffen, die mir gesagt haben, sie wussten gar nicht, dass das so war.. Und das freut mich einfach wirklich. Weil es über die Songs hinaus noch einmal etwas erzählt.

Ich glaube, im Gegensatz zu Menschen aus Kroatien hat die andere Seite aber schon gedacht, sie wüsste, wie es war oder wie es ist. Daher ist dieser Moment so besonders, weil man merkt, dass man es nicht weiß. Das ist eine besondere Situation. Du bringst dieses Erbe mit und kannst anders darüber sprechen, weil du freier bist und Dinge vielleicht auch stärker reflektieren kannst. Denkst du, dass du diesen Abstand gebraucht hast, um es überhaupt zu sehen?
Ja, absolut. Ich musste das erst einmal reflektieren und klarkriegen. Ich hatte immer das diffuse Gefühl, ich bin anders aufgewachsen. Ich wusste aber nicht, wie, und ich wusste nicht, warum. Ich wusste nicht, wo genau der Unterschied liegt. Aber ich hatte den Eindruck, bei euch war irgendwas anders: auch in Bezug darauf, wie ihr jetzt seid, wie ihr auf das Leben blickt und wie ihr in die Zukunft schaut. Ich habe dieses Wegfahren, Wiederkommen, Wegfahren, Wiederkommen gebraucht. Jedes Mal, wenn man wegfährt, hat man etwas Neues erfahren, hat vielleicht darüber gesprochen. Auch jetzt, wenn man das Thema lostritt und mit Menschen spricht, erzählen die Leute freiwillig Sachen, weil sie das Gefühl haben – und das stimmt auch – dass es mich interessiert. Da erfährt man noch einmal mehr. Das finde ich total schön.

Aber ich habe auch diese andere Sicht und dieses andere Leben. Das ist genau die Frage, die dieses Album stellt. Meine bescheidene Theorie ist, dass die DDR ja ein Staat war, in dem Menschen nicht einfach studieren durften. Der Staat sollte überwiegend aus Arbeitern und Bauern bestehen. Das hat eine Gesellschaft zurückgelassen, die in erster Linie in Handwerksberufen arbeitet. Es gibt nur wenig Bildungsbürgertum. Das war das erste große Learning. Es gibt natürlich Ärzte und vereinzelt Familien, auch bei mir im Dorf, die Akademiker sind, aber die breite Masse arbeitet, auch noch heute, in Handwerksberufen. Dadurch entsteht schon an sich eine ganz andere Gesellschaft.

Die Eliten funktionieren anders.
Ja, genau. Sie funktionieren anders und sie sind auch in der Breite nicht so aufgestellt. Das ist eine Art Mutterboden. Das musste ich erst einmal lernen und verstehen. Das hat mir dann schon vieles erklärt. Und jetzt kommen wir auch schon zum Thema „Große Kunst“. Denn die Menschen dieser Arbeiterschicht machen früh die Erfahrung, dass sie im Theater nichts verloren haben. Dass Kunst kein Ort für sie ist, dass sie Kunst nicht verstehen, weil sie zu blöd sind oder weil sie keinen Zugang haben. Dann trauen sie sich auch nicht in eine feine Gesellschaft, in der Anzüge getragen werden, in der man im Rang oder im Parkett sitzt. Es gibt Regeln und die Angst, dass man die vielleicht nicht kennt: Ich weiß gar nicht, was „Die Leiden des jungen Werthers“ sind, ich weiß nicht, worum es geht, und ich will mich da auch nicht blamieren. Es gibt eine Berührungsangst.

Dazu kommt noch der Gedanke, bloß nicht aufzufallen. Du bist eigentlich für ein Kollektiv da, alle sind gleich, sei nicht zu auffällig, sei nicht zu laut, zieh dir etwas Normales an. Das ist auch sehr Anti-Kunst. Kunst ist ja, sich hinzustellen und zu sagen: Hier bin ich!
Es ist genau das, was du gerade beschrieben hast. Das ist der Punkt dieses Albums und darum geht es im Titelsong. Dass es einen Äquator gibt, der heißt Bildung. Es gibt fantastische Menschen – das ist mir ganz wichtig – die sind nicht schlauer oder blöder. Aber diese Menschen, die in Handwerksberufen arbeiten, lernen ganz früh, dass Kunst kein Ort für sie ist, während die anderen genau das Gegenteil lernen. Die sich damit schmücken und profilieren, die sich total freuen darüber, dass sie bei „Mutter Courage“ von Bertolt Brecht im Deutschen Theater genau an den richtigen Stellen lachen, an denen schon 1920 gelacht wurde. Das sind Normen, die man kennt und mit denen man sich vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. Deswegen also dieser Song, der ein bisschen ironisch erzählt, dass diese Menschen das Gefühl haben, bei uns gab es keine Kunst .

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Gleichzeitig ist das Album an vielen Stellen auch konfrontativ. Zum Beispiel die Stelle mit dem Fenchel an Rhabarberschaum – ein großer Teller mit wenig drauf im schicken Restaurant. Oder bei 18. Juli 1989, der Appell, dass du nicht vergessen sollst, wo du herkommst und du dich fragst, wie das gehen soll. Es ist ja nicht nur wohlwollend oder erklärend, sondern auch deutlich. Hattest du da Hemmungen?
Ich mache mich auch ein bisschen über mich selbst lustig. Wenn man als Arbeiter nichts damit zu tun hat, gibt es zum Beispiel diesen Reflex, dass man sagt: „Aber will ich auch gar nicht. Ich esse richtiges Essen, weil ich morgens raus muss und ein Dach decken. Ich kann mir das gar nicht leisten, so einen Teller mit so ein bisschen Scheiß drauf. Das sollen die mal machen, die Schnösel.“ Das ist ein Abwehrmechanismus, an dem man merkt, ich gehöre nicht so richtig dazu und ich will das auch gar nicht. Dann hat man die andere Seite, die darauf mit Verachtung blickt und das einfach als niederes Volk ansieht. Ich habe das Gefühl, ich laufe immer ein bisschen zwischen diesen Welten hin und her.

Lass uns auch über den Sound reden. Das Album ist aufgebaut wie ein klassisches Konzert, Ouvertüre, drei Intermezzi usw. War das von Anfang an geplant? Kam das irgendwann zwischendurch? Auch dass es 15 Tracks sind – sehr streamingunfreundlich. Gerade für ein zweites Album, wenn das erste so ein großer Erfolg war, das kann ja Druck und Freiheit bedeuten. Wie war es, sich aus dem Fenster zu lehnen und zu sagen: Hier sind 15 Tracks, mit Ouvertüre, mit Intermezzi, bitte schön.
Ich glaube manchmal ganz fest an eine Idee. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, das ist richtig so und so muss das sein. Ich habe auch keine Lust, mich durch Algorithmen schleifen zu lassen. Das kann man machen und es ist wahrscheinlich zum Verkaufen viel besser. Aber ich glaube daran, dass es da draußen Menschen gibt, die sich mit Sachen beschäftigen. Und ich glaube daran, dass es Menschen gibt, die es schätzen, dass jemand nicht die ganze Zeit einen Song mit einem Chorus anfangen lässt, weil das playlistenfreundlich ist. Ich mache das auch, weil ich etwas ausdrücken und erzählen will. Ich gucke dann nicht mehr nach links und rechts, sondern ich erzähle.

Betterov Tour:
04.03.26 Dresden, Club Tante JU
07.03.26 München, Muffathalle
09.03.26 Stuttgart, Im Wizemann – Club
10.03.26 Freiburg, Jazzhaus
16.03.26 Nürnberg, Z-Bau Saal
18.03.26 Köln, Carlswerk Victoria
20.03.26 Dortmund, Junkyard
21.03.26 Osnabrück, Botschaft Osnabrück
22.03.26 Bremen, Kulturzentrum Schlachthof
23.03.26 Hannover, Pavillon
24.03.26 Jena, Kassablanca
26.03.26 Leipzig, Felsenkeller
27.03.26 Magdeburg, Factory
28.03.26 Hamburg, Docks
29.03.26 Berlin, Huxleys Neue Welt

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