YUMI ZOUMA – No Love Lost To Kindness


Foto-© Yumi Zouma & JT Clemente

Well anchor me deep in apathy
And you can’t be an anarchist taking a fee
And I sold my soul for the soles on my shoes

(Yumi Zouma – Cross My Heart And Hope To Die)

Wenn die Mitglieder einer Band auf drei verschiedenen Kontinenten wohnen, könnte man meinen, dass die Organisation etwas schwierig ist. Und doch schaffen es Yumi Zouma, einen kohärenten Sound zu bewahren und bringen jetzt, fast vier Jahre nach Present Tense (2022), ihren fünften Longplayer mit dem Namen No Love Lost To Kindness raus. Der Titel klingt erstmal niederschmetternd: Wortwörtlich übersetzt bedeutet er in etwa „Feindseligkeit gegenüber der Freundlichkeit“. Beim Reinhören wird aber schnell klar, dass es der neuseeländischen Band weniger um reinen Zynismus geht, sondern mehr um eine Bestandsaufnahme der Welt, ums Sich-verloren-fühlen, Wut und Zweifel, aber auch die Hoffnung, dass die Gräben nicht unüberwindbar sind. Grenzen auflösen und Gegensätze zu verschmelzen ist ein zentrales Thema bei Yumi Zouma: Schon der Bandname ist zusammengesetzt aus den Namen zweier Freunde, die die Gruppe ermutigt hatten, zusammen Musik zu machen. Da die Mitglieder bald nach der Gründung in die USA oder Großbritannien auswanderten, mussten sie Wege finden, über Emails in Kontakt zu bleiben und an ihrem Online-Musikprojekt weiterzuarbeiten. Die ersten EPs erregten die Aufmerksamkeit der musikalischen Blogosphäre, und schon bald ging es für Yumi Zouma aus dem digitalen Raum raus auf die internationalen Bühnen, u. a. als Vorband von Lorde.

Ihrem charakteristischen Dream-Pop-Sound mit Alternative-Rock-Einschlägen bleibt die Band auch auf dem neuen Album treu, auch wenn diesmal mit Stimmungsextremen experimentiert wird: No Love Lost To Kindness startet rotzig-rockig und bewegt sich dann immer weiter Richtung entrückter Synth- und Electro-Pop-Balladen. Der Opener Cross My Heart And Hope To Die setzt gleich ein Statement mit sphärischem Post Rock, der an die Fleet Foxes und Midlake erinnert, aber auch klar von 90er Alt Rock und Grunge geprägt ist, besonders durch den Call-And-Response-Gesang von Christie Simpson und Gitarrist Josh Burgess und den krachenden Gitarrensound. Die Bassline ist dominant und mitreißend, die Stimmung trotz Uptempo düster; die Lyrics drehen sich zwar um Apathie und Hoffnungslosigkeit angesichts der Lage der Welt, aber die Energie des Songs ist wütend, nicht resigniert. Bashville On The Sugar ist dann schon ein fröhlicherer Indie-Hit, bei dem die Gitarrenwände aber trotzdem reinknallen. Das grüblerische Drag erinnert mit seinen eleganten Strophen und dem hymnischen 2000er-Indie-Chorus an The Killers oder Phantom Planet. Die Lyrics erzählen von der ADHS-Diagnose von Sängerin Christie Simpson, und im Song spiegeln sich sowohl die anfängliche Wut über die späte Diagnose und das dadurch entstandene Leid, aber auch die rotzige Freude darüber, dass man sich selbst endlich verstehen und und als anders akzeptieren kann. Phoebe’s Song, die erste Single, ist wiederum ein simpler, aufrichtiger, melancholischer Love Song mit Grunge-Riffs und supereingängiger Melodie.

Ab der zweiten Hälfte bewegt sich das Album dann in eine deutlich ätherische, verträumtere Richtung und fährt die Gitarren zugunsten der Synth-Soundlandschaften zurück. Cowboy Without A Clue experimentiert mit Sitar-Klängen, Chicago 2AM überrascht mit seinen Jazz-Einschlägen und Tracks wie Every False Embrace oder 95 setzen auf gedämpften, aber immer noch sphärischen Electro Pop mit choralen Arrangements, die an Billie Eilish erinnern und eine viel introvertiertere Energie ausstrahlen als der Anfang des Albums.

Der smoothe, mehrstimmige Gesang von Simpson und Burgess verleiht No Love Lost To Kindness zusammen mit den dichten Gitarrenwänden und den hymnischen Synth-Soundlandschaften einen vollen, runden Klang. Das Album weckt Nostalgiegefühle nach dem Pop-Punk und Indie-Rock der 90er und 00er Jahre und nimmt die Zuhörenden mit auf eine Reise, die mit viel Zorn, Tempo, kraftvollen Gitarren und Punk-/Grunge-Einschlägen beginnt und am Ende richtig ausgepowert in melancholischen, aber hoffnungsvollen Dream Pop übergeht. Die erste Hälfte trifft dabei genau die richtige Mischung aus introspektiv und Aufs-Maul, die letzten 3-4 Songs verlieren dann aber leider etwas an Atem und driften in Electro-Pop-Klischees ab. Durch die Anordnung der Tracks wirkt es so, als würden die eingangs aufgemachten Fragen nicht wirklich weitergedacht werden, stattdessen ziehen sie sich eine verträumte Innerlichkeit mit sicheren Themen wie Sehnsucht, Zweisamkeit und Selbstzweifel zurück, was mittlerweile als Reaktion etwas abgedroschen ist. Ermutigend bleibt aber trotzdem die spürbare Experimentierfreude. Man wünscht sich, dass Yumi Zouma diesen Weg weiterverfolgen und künftig noch entschlossener an die Power anknüpfen, die die erste Hälfte des Albums so überzeugend trägt.

Yumi Zouma – No Love Lost To Kindness
VÖ: 30. Januar 2026, Nettwerk
www.yumizouma.com
www.instagram.com/yumizouma

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Tamara Plempe

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