BROKEN SOCIAL SCENE – das Verschwinden von Perspektiven

Foto-© Kevin Drew und Jordan Allen

Die kanadische Kult-Band Broken Social Scene kehrt nach einer harten, fast ein ganzes Jahrzehnt andauernden Wartezeit zurück und kündigt mit Remember The Humans ihr neues Album für den 8. Mai 2026 an! Das neue Studioalbum vereint das Kollektiv aus Toronto erneut mit dem Produzenten David Newfeld, der bereits für ihren Durchbruch mit You Forgot It in People (2002) und ihr selbstbetiteltes 2005er Album verantwortlich war. Die Arrangements der 12 Tracks sind dicht und fesselnd – ein Gewebe aus Bläsern, Gitarren, Stimmen und Elektronik –, und doch stehen die Melodien stets souverän über dem Sound. Wann immer sich die Musik in Richtung Abstraktion neigt, sorgt etwa eine grundierende Basslinie dafür, dass wir Hörer*innen nicht den Anschluss verlieren – und erinnert uns daran, dass hier immer noch Menschen am Steuer sitzen, und dass es sich, so kunstvoll der Sound auch sein mag, immer noch um Rock ’n’ Roll handelt.

Dieser Eindruck kristallisiert sich bereits im ersten Vorboten des Albums, Not Around Anymore, in dem Kevin Drew, Mitbegründer von Broken Social Scene, über das Verschwinden von Perspektiven in einer Welt singt, in der „it’s all gone away“. Die Nostalgie aber, die hier im Text mitschwingt, wird durch die Musik sanft hintertrieben: Indem der Song eine verschwundene Vergangenheit heraufbeschwört, taucht er die Gegenwart unerwartet in ein Leuchten, das den beklagten Verlust konterkariert.

Die Aufnahmen zu Remember the Humans wurden gleichermaßen von freudiger Wiederzusammenkunft wie von Verlusten geprägt. Als Drew und David Newfeld sich nach fast 20 Jahren wiederfanden, wurde ihr Wiedersehen unversehens zu etwas, das sie als „a hurricane of fun“ bezeichnen; die Wiedersehensfreude jedoch schnell durch den Tod ihrer beiden Mütter durchkreuzt, die in kurzer Abfolge während der Recording Sessions verstarben. Ein gemeinsamer Schmerz, der sie einander näherbrachte und sicher auch seine Spuren in der Musik hinterlassen hat. Newfeld erinnert sich: “Our moms would have wanted us to do this, and get it right after 20 years of not working together.“

Das haben sie – und was sonst noch bleibt, ist, dass Broken Social Scene auch im Jahr 2026 weniger als Band operieren, denn als Gemeinschaft, ihre Songs entwickeln sich organisch, indem die Kontrolle an jene Person abgegeben wird, die sie in einem bestimmten Moment am besten voranbringen kann. Drew mag zwar der „designierte Fahrer“ sein, doch treten die Mitwirkenden auf Remember the Humans, darunter Hannah Georgas, Lisa Lobsinger und Feist, im Laufe des Albums immer mehr in den Vordergrund und prägen die Songs mit einem Gefühl kollektiver Urheberschaft, das schon immer das Ethos der Band ausgemacht hat.

Man könnte sagen: Die Songs funktionieren, weil niemand sie vollständig beherrscht. Genau hier kommt Newfeld ins Spiel. Oder, wie BSS-Multiinstrumentalist und Mitbegründer Charles Spearin es ausdrückt: „His production suits the chaos of our songwriting so well…he’s got a childlike energy that is really contagious, when you get a piece of music that he loves, Oh my God, he’s bouncing like a little boy.“

Sicher, die gleiche unbändige Energie, die eine Band jung hält, kann sie auch in ihrer eigenen Vergangenheit gefangen halten. Doch auf Remember the Humans haben sich Broken Social Scene mit einem klaren Ziel weiterentwickelt. Wir hören den Sound einer Band, der sich eher verdichtet als neu erfindet und die emotionale Bedeutung der Formen erforscht, die sie seit zwanzig Jahren prägen. „There’s a different kind of honesty in this record“, sagt Spearin: „We’ve had success, we’ve lost friends, we’ve lost parents, we’re at this ‚what happens next?‘ stage in life.“

Und so wird Remember the Humans unversehens zu Musik für Erwachsene im besten Sinne: widersprüchlich, verletzt und verletzlich, mitteilsam – hoffnungsvoll auf eine Art, die sich eher verdient als erklärt anfühlt. Und durch ihre Ablehnung von Kontrolle – oder besser: der Akzeptanz ihrer Unkontrollierbarkeit auch Zeugnis von etwas ablegt, das immer seltener wird: Kunst, die nicht optimiert, nicht rationalisiert, nicht strategisch ist und es auch nicht sein will.

Und doch bleibt die Hoffnung, das die Entwicklung von BSS etwas widerspiegelt, das auch da draußen in der Welt geschehen möge. Dass nach Jahren der Übersättigung und des Lärms die Kultur selbst zu einer Sehnsucht nach dem Ungeformten, dem Gemeinschaftlichen und dem Ungeschützten zurückfinde. Die Umstände jedenfalls, die You Forgot It in People im Jahr 2002 notwendig zu machen schien, scheinen in veränderter Form im Jahr 2026 zurückgekehrt. Sagt Drew: „In 2026, you’re going to see a lot of resurgence of people going back to the roots of who they are, because things in their lifetime have gotten quite lost. I think we’ve let each other down, and I think it’s art that always tries to prevail, and tries to get us back on track.“

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Dominik

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!

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