Foto-© J Konrad-Schmidt
Hundreds haben sich schon immer in eigenen Klangräumen bewegt: orchestral aufgeladener Elektropop, der sich Zeit lässt, Stimmungen auszubreiten, und der live noch einmal eine andere Wucht bekommt. Die Band besteht aus den Geschwistern Eva und Philipp Milner sowie Schlagzeuger Florian Wienczny. Mit Sirens (via Embassy of Music) erschien nun ihr fünftes Album, der Nachfolger von The Current (2020), geschrieben über mehrere Jahre hinweg, unterbrochen von langen Pausen, der Pandemie und Phasen, in denen nicht klar war, ob daraus überhaupt noch ein Album werden würde.
Wir sprechen mit Eva Milner am Release-Tag über die besondere Stimmung dieses Moments und über ein Album, das sich immer wieder um Zeit dreht: um Kindheitserinnerungen, um das Älterwerden und um die Frage, wo man steht und wie man dorthin gekommen ist. Es geht um Selbstzweifel als festen Bestandteil des Schreibens, um die klare Arbeitsteilung innerhalb der Band und um Songs, die sich im Studio anders entwickeln als später auf der Bühne. Außerdem sprechen wir über Touren, Lampenfieber nach 15 Jahren und darüber, warum Märchenwelten manchmal auch ein Weg sind, mit der Gegenwart umzugehen – oder, wie Eva Milner es im Interview formuliert: „Den Weltuntergang haben wir jetzt auch schon genug behandelt.“
Herzlichen Glückwunsch zum neuen Album Sirens. Heute ist Release Day – wie fühlt sich das an? Ist das immer noch ein besonderer Tag?
Auf jeden Fall, ja. Ich habe heute richtig gute Laune und freue mich total. Heute kommen die ganzen Reaktionen rein, die ersten Reviews – und jemand hat sogar geschrieben, es sei das beste Album seit Aftermath. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich fand die anderen Alben auch gut, aber es ist einfach schön zu sehen, dass sich alle freuen und endlich auch alle Songs hören können. Heute kommen alle so ein bisschen aus ihren Löchern gekrochen, melden sich, reposten und so weiter – das ist einfach ein schönes Gefühl. Es ist unser fünftes Album und ich bin nicht mehr ganz so aus dem Häuschen wie beim ersten. Da stand ich mit einem Stapel CDs in Berlin an einer Kreuzung und dachte: Was mache ich denn jetzt? Ich bin dann zu Freunden gegangen – aber damals war ich noch völlig verwundert über alles. Mittlerweile ist es natürlich routinierter, aber trotzdem ist es etwas ganz Tolles. Gerade, weil es so lange gedauert hat, weil Corona dazwischenkam und weil wir uns wieder zurückkämpfen mussten. Und ja – umso schöner ist es jetzt.
Denkt man bei einem neuen Album automatisch: Das ist das Beste, was wir je gemacht haben? Oder stellt man solche Vergleiche gar nicht an?
Tatsächlich nicht. Ich könnte gar nicht sagen, welches Album ich als das Beste bezeichnen würde. Da könnte ich mich nicht festlegen. Das ist jetzt vielleicht eine Standardantwort, aber ich finde, jedes hat ein eigenes Gesicht, steht für seine Zeit und ist für mich in sich schlüssig. Ich kann sie gar nicht so vergleichen. Vielleicht ist es wie bei Kindern – die hat man ja auch alle lieb, sagen zumindest die Eltern immer. Aber tatsächlich: Vielleicht ist es am heutigen Tag mein Lieblingsalbum, ja.
Lass uns über den Titel sprechen. Der hat eine doppelte Bedeutung – zwischen Homer und Kate Bush, zwischen Verlockung und Gefahr. Was hat dich an dem Bild gereizt?
Der Titel kommt von dem Song Sirens. Das ist einer der besten Texte, die ich je geschrieben habe. Er kam ganz nebenher – manchmal passiert das ja – und ich hatte das Gefühl, genau den Punkt zu treffen und sehr gute Bilder zu finden. Musikalisch ist er auch etwas Besonderes. Es geht darum, in die Tiefe gezogen zu werden. Mein Bild am Ende war, dass wir alle vor unseren Bildschirmen hängen, nebeneinander schweben, angeleuchtet werden und uns wie in der Tiefsee befinden – ohne einander wirklich zu erkennen. Wir sind verbunden und doch nicht. Kapitalismus und all diese Themen habe ich da, zumindest gefühlt, einmal rundumschlagartig mit hineingepackt. Der Song ist als einer der ersten entstanden, und ich dachte: Wenn das die Richtung ist, können wir das Album auch so nennen. Das war ein Ankerpunkt. Zwischendurch ist noch viel passiert, und wir dachten auch mal: Okay, wir schreiben kein Album mehr, wir kriegen das nicht hin. Aber so ging es uns eigentlich bei jedem Album.
Das Tal der Tränen…
Genau – oder das Tal der Selbstzweifel. Fürchterlich ätzend, aber anscheinend muss es immer sein. Und Silence ist, wie du gesagt hast, diese Verlockung, diese Betäubung, dieser Sog – und auch die Sirenen, metaphorisch, aber auch die draußen, die du hörst, wenn irgendwo eine Bombe fällt.
Ich fand spannend, wie sich auf dem Album Kindheitserinnerungen mit Themen wie Klima oder Feminismus verbinden, also so eine Art Zeitachse. War das beim Schreiben so geplant?
Das Intro ist wirklich dieser Moment: Ich stehe jetzt an diesem Punkt, zünde ein Streichholz an und schaue mich um. Ich bin jetzt Mitte 40 und dieses 40-Werden im Lockdown hat mich kalt erwischt. Diese zwei, zweieinhalb Jahre fühlten sich wie geklaut an, und plötzlich denkt man: Hey, ich war doch eben noch 38 und bin tanzen gegangen – was ist jetzt los? Und dann schnallt man: Das ist jetzt die Mitte meines Lebens. Ich hatte keine Midlife-Crisis, aber dieses Gefühl, dass es 20 Jahre her ist, dass ich 20 war – mein Gott, wie viel hat sich verändert. Damit habe ich mich unfassbar viel beschäftigt. Ich fand es irgendwie belastend. Was für ein Mensch war ich mit 20? Was bin ich jetzt für ein Mensch? Was habe ich daraus gemacht? Und so weiter. Ich habe das nicht in jedem Song explizit abgehandelt, aber es schwingt mit. Am deutlichsten wird es noch in „The Tendril“. Philipp ist noch fünf Jahre älter, das heißt, wir sind zusammen Middle Aged geworden – in einer Band, was man damit ja nicht unbedingt verbindet. Gerade als Frau in diesem Business zu altern und zu akzeptieren, dass das in Ordnung ist, sind Themen, die man für sich verhandeln muss. Es gibt nicht so viele Role Models, zumindest gefühlt. Natürlich gibt es Patti Smith, Róisín Murphy oder Björk, die immer noch großartige Musik machen, aber es ist dünn gesät. Und es war auch eine kleine Flucht. Die politische Lage ist gerade so schlimm, dass man eigentlich den ganzen Tag schreiend herumlaufen könnte. Man muss ja irgendwie klarkommen. Deshalb wollten wir Märchenwelten öffnen. Den Weltuntergang haben wir jetzt auch schon genug behandelt.
Vielleicht hat es deshalb auch so stark zu mir gesprochen, weil ich dieses Jahr 40 werde.
Aber auf der anderen Seite, muss ich sagen, ist es auch ziemlich geil. Bei bestimmten Dingen macht man sich einfach keinen Kopf mehr, und das ist wirklich Wahnsinn – total befreiend. Dieses ganze Sich-Gedanken-machen darüber, was irgendwer denkt, hat man irgendwann abgehakt. Es wird alles ein bisschen ruhiger, und das ist total schön.
Befreit dich das auch beim Schreiben – denkt man beim fünften Album noch darüber nach, wie es ankommt?
Die Einzigen, an die wir immer denken, sind unser Livepublikum. An diese Menschen, von denen einige uns schon sehr lange begleiten, die auf vielen Konzerten sind. Von denen bekommt man viel Feedback, und an die denkt man.
Einige Songs sind ja sehr schnell entstanden, andere haben länger gedauert. Bei diesem detailreichen Sound – wann wisst ihr, dass ein Song fertig ist?
Ganz ehrlich: Diese Entscheidung liegt bei meinem Bruder. Ich wäre viel früher zufrieden. Wenn ich allein Musik machen würde, wäre es wahrscheinlich sehr minimalistisch. Aber dieses Symphonische, diese Welten, die er entwirft – damit überrascht er mich regelmäßig.
Manchmal haben wir einen Song bis zu einem bestimmten Punkt produziert, dann sehen wir uns zwei Wochen nicht, und wenn ich ihn wieder höre, denke ich: Okay. Eigentlich wollten wir diesmal minimalistisch arbeiten, back to the roots, so ein bisschen den Spirit des ersten Albums wiederfinden.
Das hat nicht so gut geklappt! Es ist ja auch gut, wenn es einen weiterträgt.
Ich glaube, uns gibt es auch nur so lange, weil wir diese klare Aufgabenteilung haben. Ich kümmere mich viel um Texte und die „Seele“. Ich bin auch in die Produktion involviert und mache Vorschläge, und Flori sagt auch etwas zu meinen Texten. Aber jeder hat seinen Bereich. Es gibt einfach Sachen, die machen wir uns nicht streitig und das ist schön.

Ihr habt auch an sehr unterschiedlichen Orten gearbeitet. Spielt das für die Songs eine Rolle?
Einige Songs sind gemeinsam vor Ort entstanden, gerade die ersten vier – also I See You, The Observer, Sirens und Walk on Walls. Während Corona waren Flori und ich viel bei Philipp. Wir sind hingefahren und dann war Lockdown, und wir sind zusammen in so einer Quarantänephase gelandet, Ende 2020, Anfang 2021. Der Rest entstand teilweise im Studio, teilweise remote. Philipp war beispielsweise in Berlin im Studio und hat mir Sachen geschickt, während ich mit Marlena Käthe im Wald war, und wir haben dort etwas getextet. Oder er hat etwas gesummt, ich habe einen Text zurückgeschickt. Es gab sehr unterschiedliche Arbeitsweisen, und auch Phasen, in denen monatelang gar nichts passiert ist. Wir haben uns in der Corona-Zeit alle auch andere Sachen gesucht – man muss ja überlegen, was man bei der nächsten Pandemie macht. Wir sind ja keine Riesenband. Dann gab es halt auch einfach Zeiten, in denen andere Sachen mal wichtiger waren.
Live-Shows sind ein großer Teil eurer Identität. Wie ist so eine Tourphase, wenn man viele Konzerte hintereinander spielt?
Die letzten vier Konzerte sind meistens die besten. Berlin ist oft am Schluss, das passt ganz gut für uns. Ich war jetzt seit drei Jahren nicht mehr auf Tour und bin gespannt, wie das wird. Ich führe mittlerweile ein sehr ruhiges Leben, gehe früh ins Bett, lese viel – von außen vielleicht ein bisschen boring, aber mir tut das gut. Auf Tour ist das natürlich nicht möglich, da muss man sehr auf sich achten, vor allem auf die Stimme. Es ist super anstrengend, das ist ein Fakt. Aber auch total schön. Und ich habe tatsächlich jeden Abend den Moment, in dem ich denke: Oh, ich will nicht. Ich habe auch nach 15 Jahren noch Lampenfieber.
Ich hätte gedacht, das Schwierigste ist, jeden Abend in diese Emotionen zu gehen.
In die Emotionen zu gehen, finde ich gar nicht so schlimm. Wenn es läuft, dann läuft es, und dann ist es schön. Der Körper schüttet Adrenalin aus, und man ist auf der Bühne auch eine andere Persona. Das Schwierige ist eher das Runterkommen danach.
Verändern sich Songs, wenn ihr sie live spielt?
Das passiert schon bei den Proben. Wir haben ja zwei Setups: ein elektroakustisches, eher instrumental und „live“, ohne Klick, und dann das Techno-Set mit den tanzbaren Parts. In diese zwei Richtungen entwickeln sich die Songs meistens. Und manchmal überrascht es einen selbst. Rabbits on the Roof ist zum Beispiel live zu einem zehn Minuten langen Techno-Brecher geworden. So etwas ergibt sich dann einfach.
Hundreds Tour:
14.04.26 München, Strom
15.04.26 Jena, Kassablanca
16.04.26 Leipzig, UT Connewitz
17.04.26 Heidelberg, Karlstorbahnhof
18.04.26 Stuttgart, Im Wizemann
20.04.26 Wiesbaden, Kesselhaus
21.04.26 Köln, Gebäude 9
22.04.26 Nürnberg, Z−Bau
24.04.26 Hamburg, Mojo
25.04.26 Berlin, Columbia Theater
26.04.26 Hannover, Musikzentrum

